HOMEPAGE



Nürnberg

BALLETTSTARS AUF DER BÜHNE

3. Internationale Ballettgala am Staatstheater Nürnberg



Einen zauberhaften Anfang bescherte Sayako Kado mit „Bow“ und setzte damit eines von Monteros Hauptthemen: die Geworfenheit des Menschen zwischen Himmel und Erde und die Sehnsucht nach deren Überwindung.


  • Goyo Monteros "Bow" bei der 3. Internationalen Ballettgala am Staatstheater Nürnberg Foto © Staatstheater Nürnberg

Einen zauberhaften Anfang bescherte Sayako Kado. „Bow“ von Goyo Montero, geschaffen für den Prix de Lausanne, wirkt wie ein graublauer Tupfen in großer Weite. Exakt im Dialog mit Musik von Arcangelo Corelli vermag die zuletzt mit dem bayerischen Kunstförderpreis ausgezeichnete Japanerin mit schnörkelloser Präzision die komplexe Bewegungsfolge gestochen Form und Fluss werden lassen. Eines von Monteros Hauptthemen ist gesetzt: die Geworfenheit des Menschen zwischen Himmel und Erde und die Sehnsucht nach deren Überwindung. Als ob die Bewegungskomposition eine lange Passage bildet, durchweht Kado diese mit überraschenden Richtungswechseln und kleinen Verwirbelungen, bis sie schlicht gehend die Bühne verlässt. Man gerät versunken ins Nachdenken über den Tanz bei dieser grandiosen dritten internationalen Ballettgala, zu der die Ballettfreunde des Staatstheaters geladen haben. Bei Kado scheint es, als ob die Bewegungen nicht mit dem ersten Klang einsetzen, sondern bereits sehr lange zuvor existieren und sich dauernd, die Zeiten überwindend, formulieren. Am Ende bildet der Zeitabschnitt der Nürnberger Gala am Wochenende nur jene Folie, auf der sie sichtbar werden.

Das kurze, in die Ferne führende Stück bildet mit dem atemberaubenden Schluss der Ballettgala eine überraschende, aber dramaturgisch schlüssige Klammer. Wo andere Kompanien mit Werken des klassischen Repertoires beginnen, um zeitgenössisch zu enden, machen es die Nürnberger andersherum. Ksenia Ryzhkowa und Osiel Gouneo, die neuen Stars des Bayerischen Staatsballetts, tanzten den Grand Pas de deux aus Marius Petipas „Don Qujote“ und zelebrierten dabei, selten in Nürnberg, am Ende des formidablen Programms die Herrlichkeit des klassischen Tanzes. Als dessen zentrale Aspekte faszinieren seit jeher die Überwindung der Schwerkraft und das Emporstreben in die Transzendenz – ein vieldeutiger, thematischer Gleichklang zu „Bow“. Vor allem Gouneo, dem der Himmel ein außergewöhnliches Talent zum Sprung geschenkt und das Leben den Willen zur Entwicklung einer superben Tanztechnik in die Hände gelegt hat, war in diesem Zusammenhang als Tänzer, schlicht gesagt, eine Wucht. Hier knüpft einer an die legendäre Reihe weltweit außergewöhnlicher Tänzer wie Nurejew, Baryschnikow, Malakhov, Acosta, Vogel oder Polunin an.

Souverän mithalten konnte sein Kollege Alexander Campbell vom Royal Ballet in London gemeinsam mit seiner Partnerin Yuhui Choe. Formvollendet ihr Grand Pas de deux aus Arthus Saint-Leóns „Coppelia“; betörend ihr nicht endender wollender Tanz in „Within the hour“ von Christopher Weeldon, dessen Handschrift damit erstmals in Nürnberg zu sehen war und das die Pforte über das Nachdenken über das Wesen des Tanz abermals weit öffnete. Es ist nicht immer das Ephemere, das Flüchtige, das Tanz so spannend macht. Es ist, wie diese Gala den Gedanken zu entwickeln hilft, dessen Immaterialität, die aber die Materialität der Form, des Körpers, seiner Bewegungen und der Kenntnisse seiner Schöpfer über die Wirkung von Körper, Form und Bewegung braucht, um als unsichtbare Episode oder ganze Erzählung in der Fantasie des Betrachters entstehen zu dürfen. Immer wieder in bewegter Umarmung verbleibend, von der Bühne gehend und wieder zurückkehrend, inszenieren Campbell und Choe den Tanz am Ende als Metapher der Widerkehr des immer Gleichen.

Von Klasse sind schließlich ebenso die Auftritte der Kollegen von der Semperoper in Dresden. Anna Merkulova und István Simon exerzierten souverän mit „New Sleep“ Tanz von William Forsythe, um im Anschluss erstmals in Nürnberg mit „Sweet Spell of Oblivion“ eine berührende Choreografie von David Dawson zum Leben zu erwecken. Nicht zu kurz kam die Ensemblearbeit. In Christian Spucks rätselhaft-betörendem Stück „das siebte blau“ hat das Ensemble des Staatstheaters, das das anspruchsvolle Werk erst vor einigen Monaten erobern durfte, nun souverän hineingefunden, wie die Wiederaufnahme des nahezu nur aus Srpüngen und Drehungen bestehenden 3. Satzes bei der Gala bewies. Gekonnt arbeiteten die Kompanie Spucks Ironie in dem Werk aus, seine Persiflage auf das Corps im Ballett, aus dessen Reihe keiner tanzen darf.

Ans Herz ging der Ausschnitt aus Monteros letzter Premiere „Monade“ zu Kantaten von Bach sowie das Pendant zu „Bow“, Monteros Männersolo „Grinding The Teth“, getanzt von Luis Tena. Interessante Neuentdeckungen boten die Stücke von Juanjo Arques und Vasko Wellenkamp für das Portugiesische Nationalballett. James Sutherland lieferte schließlich mit dem burschikos-urbanen Frauenduett „Same Time Tomorrow“ einen Beitrag, der zeigt, wie weit der Tanz in die zeitgenössische Formensprache hineingegangen ist.

Veröffentlicht am 13.03.2017, von Alexandra Karabelas in Homepage, Gallery, Tanz im Text, Kritiken 2016/17

Dieser Artikel wurde 1089 mal angesehen.



Kommentare zu "Ballettstars auf der Bühne"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LEUTE AKTUELL


    "EINE GROßE EHRE"

    Tarek Assam zum Sprecher der Bundesdeutschen Ballett- und Tanztheaterdirektoren Konferenz gewählt
    Veröffentlicht am 05.05.2017, von Dagmar Klein


    BOTSCHAFTER DES TANZTHEATERS

    Der Schweizer Choreograf Gregor Zöllig spricht mit Kirsten Pötzke über seine Wurzeln, die Begeisterung für den Tanz und die Arbeit mit Profis und Laien
    Veröffentlicht am 20.04.2017, von Kirsten Poetzke


    EINE JUNGE KOMPANIE FÜR BERLIN

    Marion Heinrich im Gespräch mit den Intendanten des „Landesjugendballetts Berlin“
    Veröffentlicht am 31.03.2017, von Gastautor



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    TANZ 4 (UA)

    Uraufführung der Tanzcompany am Theater Trier am 7. Mai 2017

    Mit den Tanzstücken "IMAGINE A … RIGHT IN THE MIDDLE" von Julio Cesar Iglesias Ungo und Alexis Fernandez Ferrera und "AND MY BELOVED" von David Hernandez

    Veröffentlicht am 25.04.2017, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

    Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
    Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    WIE TANZT MAN REFORMATION?

    Das Bundesjugendballett wagt mit "Gipfeltreffen - Reformation" einen Versuch
    Veröffentlicht am 15.01.2017, von Andreas Berger

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    TIEFE BERÜHRUNG

    Balanchine, Kylián und Forsythe im Ballettabend „Vergessenes Land“ beim Semperoper Ballett in Dresden

    Veröffentlicht am 22.05.2017, von Boris Michael Gruhl


    STIL UND IDENTITÄT

    DANCE 2017 in München

    Veröffentlicht am 17.05.2017, von Miriam Althammer


    BEWEGENDE SEE

    Das Cullberg Ballett gastierte Anfang Mai mit „Figure a Sea“ von Deborah Hay und Laurie Anderson in der Hamburger Kampnagelfabrik

    Veröffentlicht am 20.05.2017, von Annette Bopp


    WIE DIE ZEIT VERRINNT

    Regensburg-Mannheimer Mix beim neuen Tanzabend „Hello Surprise“ am Nationaltheater Mannheim

    Veröffentlicht am 19.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    DEMIS VOLPI GEHT NEUE WEGE

    Zum Ende der Spielzeit endet das Engagement des derzeitigen Hauschoreografen am Stuttgarter Ballett

    Veröffentlicht am 17.05.2017, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP