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Hamburg

NEUES VON DEN „JUNGEN CHOREOGRAPHEN“

20 neue Arbeiten von Ensemblemitgliedern des Hamburg Ballett



20 Tänzerinnen und Tänzer des Hamburg Ballett zeigten eigene Choreografien in bemerkenswerter Vielfalt. Schade nur, dass sich die Arbeiten in die winzig-kleine Opera stabile zwingen müssen, die vergleichsweise wenig Raum bietet, so dass sich die Wirkung kaum voll entfalten kann.


  • "Junge Choreographen" am Hamburg Ballett: Edvin Revazov "Closed Rooms" mit Priscilla T selikova und Graeme Fuhrmann Foto © Kiran West
  • "Junge Choreographen" am Hamburg Ballett: Miljana Vracaric "Life within" Foto © Kiran West
  • "Junge Choreographen" am Hamburg Ballett: Marcelino Libao "Paloma Muerta" mit Jacopo Belussi und Mayo Arii Foto © Kiran West
  • "Junge Choreographen" am Hamburg Ballett: Marc Jubete "in our hands" mit Niurka Moredo und Lloyd Riggins Foto © Kiran West
  • "Junge Choreographen" am Hamburg Ballett: Lizhong Wang "Relative Theory" mit Yun-Su Park und Pascal Schmidt Foto © Kiran West
  • "Junge Choreographen" am Hamburg Ballett: Florian Pohl "Embrace" mit Patricia Friza und Florian Pohl Foto © Kiran West
  • "Junge Choreographen" am Hamburg Ballett: Pascal Schmidt "To.Get.Her" mit Sara Coffield und Nicolas Gläsmann Foto © Kiran West
  • "Junge Choreographen" am Hamburg Ballett: Leeroy Boone "(Memory) Loss" mit Yaiza Coll Foto © Kiran West
  • "Junge Choreographen" am Hamburg Ballett: Konstantin Tselikov "sella" mit Madoka Sugai Foto © Kiran West

Es ist eine gute Tradition, dass alle ein bis zwei Jahre die Tänzerinnen und Tänzer des Hamburg Ballett die Gelegenheit bekommen, eigene choreografische Arbeiten zu zeigen. Letztes Jahr hatten sich 17 Ensemblemitglieder dafür gemeldet, dieses Jahr waren es sogar 20 (vorwiegend GruppentänzerInnen und Solisten). Alle Arbeiten entstanden in deren karg bemessener Freizeit mit KollegInnen aus der Kompanie, die ebenfalls freiwillig Mehrarbeit leisteten – keine Kleinigkeit angesichts des umfangreichen Arbeitseinsatzes des Hamburg Ballett mit ca. 90 Vorstellungen pro Spielzeit und diversen Gastspielen. Umso mehr, als die Anforderungen, denen sie sich da stellen mussten, nicht gerade leicht waren und die kleine Opera stabile für den Tanz eine nicht wirklich geeignete Bühne ist. Es bleibt ein weiteres Mal unverständlich, warum diese Aufführungen nicht auf Kampnagel gezeigt werden(die K2 wäre dafür bestens geeignet, möglicherweise sogar die K6, denn der Ansturm auf die Karten war groß, und viele Interessenten gingen leer aus). Dies umso mehr, als es erst vor kurzem ein interessantes Gespräch gegeben hat über eine engere Zusammenarbeit zwischen dem Hamburg Ballett und Kampnagel (wir werden darüber noch berichten).

Es ist bemerkenswert, was die jungen Tänzerinnen und Tänzer hier geleistet haben, auch wenn nicht alles gleichermaßen gelungen war – aber das gehört zu solchen choreographischen Gehversuchen dazu. Großer Respekt deshalb für alle Beteiligten, auch für ihren Mut, sich unter diesen Bedingungen einem interessierten Publikum zu stellen!

Was stach heraus unter den zwanzig jeweils fünf- bis gut zehnminütigen Darbietungen? Zum einen gleich zu Beginn Lizhong Wang mit einer feinen Arbeit zu einer Eigenkomposition von Hisano Kobayashi am Klavier im Stil der Minimal Music: „Relative Theory“. Aus einem weißen Tuch, hinten rechts am Bühnenrand befestigt, wickelt sich langsam die hoch gewachsene, schmale Gestalt von Yun-Su Park, während Pascal Schmidt im langen schwarzen Hosenrock (Kostüme: Dennis Peschke) und Aleix Martínez in blau-grauer Weste und Anzughose den Vordergrund durcheinanderwirbeln und Winnie Dias über Kopf aus einem Spalt des schwarzen Vorhangs im Hintergrund lugt (später ist sie tänzerisch im roten Gewand beteiligt und setzt nicht nur optisch einen Kontrast zum Schwarz-Weiß der anderen). Der Reiz der Choreografie liegt in der Dynamik der Bewegungen, in ihrer streng geometrischen Anordnung und im Nachdenken über die Bedeutung der Zeit: „Zeit ist ein Maß, ein Ereignis, eine Erfahrung, eine Tatsache“, beschreibt Lizhong Wang das Motto zu seiner Choreografie. Die Frage: „Was ist deine Theorie von der Zeit?“ kann dann jeder Zuschauer für sich auf seine Weise beantworten.

Leeroy Boone stellte mit „(Memory) Loss“ eine problematische Mutter-Tochter-Beziehung zu Swingmusik von Dinah Washington und Ella Fitzgerald in den Mittelpunkt. Yaiza Coll zeichnet eine Mutter der 1950er Jahre, hin- und hergerissen zwischen Tochter und Selbstverwirklichung und der Liebe zu einem offenbar gewalttätigen Mann, während sich Giorgia Giani aus einem folgsamen Schulmädchen zur eigenständigen jungen Frau wandelt.

Beziehungen aller Couleur standen dann bis zur Pause im Mittelpunkt der anderen Arbeiten. Am berührendsten unter ihnen die Skizze einer unmöglichen Dreierbeziehung von Hayley Page zu einer Eigenkomposition von Kirsten Melenko am Klavier mit hervorragenden Protagonisten: Winnie Dias (die viel zu tun hatte an diesem Abend), Nicolas Gläsmann und Florian Pohl. Illia Zakrevskyi verordnete der wunderbaren Madoka Sugai und Christopher Evans einen traurigen Pas de deux unter dem Motto „Melancholy“, während sich Marcelino Libao mit „Paloma Muerta“ ein Spektakel über die Verbindung des Menschen mit der Natur und die Verbindung zwischen zwei Menschen ausgedacht hatte – mit einer großartigen Mayo Arii im schillernden Tüllrock im Mittelpunkt.

Einer der Höhepunkte folgte dann gleich zu Beginn des zweiten Teils des ersten Programms: Edvin Revazovs „Closed Rooms“ zu Musik von Max Richter und David Lang. Revazov lässt Florian Pohl, den Hünen unter den Hamburger Tänzern, in Plateau-High-Heels mit 12 cm-Absätzen steigen (und er schafft es tatsächlich, nicht darin umzuknicken!), während sich die kleine Giorgia Giani an ihm entlang und um ihn herum schraubt bzw. von ihm am Haarschopf gehalten wird – das hatte teilweise schon groteske Züge. Beeindruckend der Pas de quatre mit Madoka Sugai, Leeroy Boone, Marià Huguet und Konstantin Tselikov oder der Pas de deux mit der lasziven Priscilla Tselikova in Latex-Leggins und Graeme Fuhrmann als Kerl.

Sehr viel ruhiger und in sich gekehrter danach dann „Ela“, ein Solo mit vier spießigen Tischlampen, das Eliot Worrell seiner Kollegin Greta Jörgens auf den Leib choreografierte. Zum Abschluss gab es geballte Frauenpower für elf Tänzerinnen in hautfarbenen Bustiers und Slips, wiederum zu Musik von Max Richter: „Life within“ von Miljana Vracaric, eine Ode an die Einzigartigkeit der Frau. Aus einem in sich verknäuelten Pulk löst sich jede einzeln und zeigt Individualität, um dann doch wieder mit der Mehrheit zu verschmelzen. Erst zum Schluss schält sich Anna Laudere mit hüftlangen Haaren in weißem Gewand wie eine Königin cool aus der Masse. Sehr gekonnt!

Das zweite Programm zeigte sich insgesamt etwas anspruchsvoller als das erste. Christopher Evans stellte mit „A cosmic Second“ ein verrätseltes Stück für zwei Frauen (Patricia Friza und Yaiza Coll) und ein Paar (Kristina Borbélyová und David Rodriguez) zusammen, das die Grundfragen des Lebens anspricht: allein sein, zusammensein, auseinandergehen, zurückbleiben, brennen und verlöschen.

Nicolas Gläsmann choreografierte mit „Stimmung“ eine träumerisch-schwermütige Elegie, großartig umgesetzt von Madoka Sugai und David Rodriguez, zu einer Eigenkomposition von Katharina Gläsmann (Gesang) für Stimme und E-Gitarre (Emre Can-Tan). Die wunderschönen Tonbögen hätten allerdings des Mikrofons nicht bedurft – die stimmgewaltige Katharina Gläsmann hätte die kleine Opera stabile spielend allein mit Klang erfüllt.

Gut, dass danach Pascal Schmidt mit „To.Get.Her“ etwas Heiterkeit in den Abend brachte. Der Clou in dieser kleinen Huldigung an eine Frau, die sich zwischen zwei Männern entscheiden muss, ist die großartige Sara Coffield. Sie macht mit ihrer enormen Bühnenpräsenz aus dem choreografisch und dramaturgisch etwas holprigen Werk ein famoses Kammerstückchen und tanzt sich unmittelbar mitten ins Herz der ZuschauerInnen.

Mit „Embrace“ zu Filmmusik von Hans Zimmer schuf Florian Pohl einen kraftvollen Pas de deux, den er zusammen mit Patricia Friza auf die Bühne brachte, mit atemberaubenden Verschraubungen und Balancen der beiden Körper. Anschließend hatte sich Winnie Dias die Zerbrechlichkeit der Schönheit zum Thema gemacht, mit der ebenso göttinnengleichen wie verletzlichen Miljana Vracaric im Zentrum, während Florencia Chinellato mit „Alone together“ die Einsamkeit in der Zweisamkeit zu betörender Barmusik mit Chet Baker bearbeitete – und mit Lizhong Wang zusammen perfekt in Bewegung übersetzte.

Vor der Pause dann „...___...“ (Morsezeichen für SOS) von Aleix Martínez, ein düster-verschattetes Werk über Krieg, Zerstörung und die nie versiegende Hoffnung auf bessere Zeiten. Eine diagonal auf die Bühne gestellte Tafelwand dient hier als Projektionsfläche. Die Tänzer beschreiben sie mit Kreide: „Peace. What is the price? Innocent. Freedom. Soul. Children.“ Einer malt eine Strickleiter, als könne man darüber die Wand überwinden, ein anderer die Umrisse eines Körpers, einen Davidstern. Irgendwann werden alle an die Wand gestellt und von Patricia Friza mit zwei Wasserpistolen erschossen. Hoffnungsfroh dann aber doch der Schluss zu dem Strauss-Lied „Morgen“.

Zum Ausklang dann „Good Night, Day“ von Kristina Borbélyová, die wiederum die Einsamkeit und das Rätsel der Liebe in den Mittelpunkt stellte, sowie „sella“ von Konstantin Tselikov, ein Kabinettstückchen für eine Frau in Jeans und Shirt und einen Stuhl, hervorragend getanzt von Madoka Sugai.

Den Abschluss bildete Marc Jubetes „In our Hands“, bei dem sage und schreibe 17 Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne standen und einen Rahmen gaben für einen berührenden Pas de deux für zwei ältere, großartige Tänzer: Niurka Moredo (früher Solistin, heute Ballettmeisterin beim Hamburg Ballett) und Lloyd Riggins (Erster Solist und Stellvertreter von John Neumeier in der Ballettdirektion). Das Motto, unter das Jubete sein Stück gestellt hatte, klingt wie ein Vermächtnis für die weitere Arbeit als TänzerInnen und Choreografinnen: „Wir haben die Wahl, unsere Träume zu verfolgen, zu kämpfen für das, was wir wollen, unseren Weg zu wählen und das Leben zu leben, das wir auch leben wollen.“

Veröffentlicht am 20.03.2017, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2016/17, Tanz im Text

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