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Paris

EIN OPULENTES SOMMERMÄRCHEN

George Balanchines „Sommernachtstraum“ erstmals an der Pariser Oper



Man merkt dem Ballett an, dass sich Balanchine im handlungslosen Genre deutlich wohler fühlt, denn er fügt lange Divertissements ein, schafft damit aber einen feierlichen Ballettabend.


  • "Ein Sommernachtstraum" von George Balanchine; Alice Renavand Foto © Agathe Poupeney
  • "Ein Sommernachtstraum" von George Balanchine; A. Carbone und E. Thibault Foto © Agathe Poupeney
  • "Ein Sommernachtstraum" von George Balanchine; Ensemble Foto © Agathe Poupeney
  • "Ein Sommernachtstraum" von George Balanchine; E. Abbagnato und F. Vantaggio Foto © Agathe Poupeney
  • "Ein Sommernachtstraum" von George Balanchine; Hugo Marchand und E. Abbagnato Foto © Agathe Poupeney
  • "Ein Sommernachtstraum" von George Balanchine; Hugo Marchand und Ensemble Foto © Agathe Poupeney
  • "Ein Sommernachtstraum" von George Balanchine; A. Renavand und Ensemble Foto © Agathe Poupeney
  • "Ein Sommernachtstraum" von George Balanchine; Hugo Marchand und E. Thibault Foto © Agathe Poupeney

Es ist ein Erbe der kurzen Millepied-Ära, dass George Balanchines „Sommernachtstraum“ diese Spielzeit ins Repertoire der Pariser Oper aufgenommen wurde. Zuletzt sah man 2001 im Palais Garnier John Neumeiers meisterhaften „Sommernachtstraum“, der nicht nur einen Großteil der Handlung des Stückes in Tanz umsetzte und dessen Humor erfasste, sondern auch seine eigene Interpretation sichtbar machte. Neumeier war beeinflusst von Peter Brooks Produktion für die Royal Shakespeare Company im Jahr 1970, die eine radikal neue Perspektive auf das Stück eröffnete: anstatt des magischen Waldes mit zarten Feenmädchen in Tüllröckchen, welche die kinderfreundlichen Produktionen des Stückes im 19. und frühen 20. Jahrhundert bevölkerten, sah man bei Peter Brook eine mit androgynen, ganz und gar nicht lieblichen Feen bevölkerte weiße Bühne. Die Erotik der Beziehung zwischen der Feenkönigin und dem durch Pucks Magie mit einem Eselskopf versehenen Handwerker Bottom kam sehr explizit zum Vorschein.

Brooks Interpretation war wiederum beeinflusst von den Schriften des polnischen Theaterdirektors Jan Kott, der die dunkle Erotik des Geschehens in Shakespeares Stück hervorhob. Balanchines Ballett entstand allerdings vor diesem Paradigmenwechsel, der die Interpretation der Komödie für immer veränderte – und so mag es manchen Zuschauer wundern, im Programm der Pariser Oper Kotts Überlegungen zur Bestialität des Stückes zu lesen, die wenig zu Balanchines familienfreundlichem Ballett passen wollen. Balanchine selbst gab an, es als Gegenstück zum „Nussknacker“ für die wärmere Saison geschaffen zu haben. Man merkt dem Ballett an, dass sich Balanchine im handlungslosen Genre deutlich wohler fühlt, denn er fügt lange Divertissements ein, die nur sehr lose mit dem auf ein Minimum reduzierten, in kurzen Pantomimeszenen im ersten Akt dargestellten Geschehen verbunden sind. Der zweite Akt sieht den handlungslosen Balletten des Choreografen zum Verwechseln ähnlich.

Die Tänzer der Pariser Oper, nur bedingt unterstützt von einem Orchester, das Mendelssohns Musik recht schwerfällig interpretiere, dienten der Choreografie mit Hingabe. Im Zentrum des Stückes steht Titania, für die Balanchine mehrere Soli und Pas de Deux schuf, unter anderem ein originelles Duo mit dem eselsköpfigen Bottom. Eleonora Abbagnato war eine atemberaubend glamouröse Titania, für die der Titel der Etoile wie geschaffen scheint – sie glänzte bereits vor 16 Jahren als Hippolyta/ Titania in Neumeiers Ballett. Ganz neu in der Riege der Etoiles war ihr junger Oberon Hugo Marchand (siehe auch www.tanznetz.de/blog/27049/auf-dem-weg-zu-den-sternen), der es schaffte, seiner Rolle einiges darstellerisches Interesse zu verleihen. Seine tänzerische Aufgabe beschränkt sich auf mehrere sehr kurze Soli im ersten Akt, in denen er dank blitzschneller Fußarbeit geradezu durch den Feenwald zu schweben scheint – keine einfache Herausforderung für den sehr großen und imposanten Marchand, dem der Balanchine Trust zunächst die für den besonders kleinen und dynamischen Edward Villella geschaffene Rolle verweigern wollte. Seine Darbietung zeigte, wie gut der Trust daran tat, diese Entscheidung zu überdenken.

In den darstellerisch und tänzerisch marginalen Rollen des Theseus und der Hippolyta – letztere dreht immerhin eine Serie von Fouettés inmitten ihrer erstaunlich gestikulierenden Jagdhunde – waren Alice Renavand und Florian Magnenet zu sehen. Unter den vier Liebenden, die sich im Wald vergebens verfolgen, machten vor allem Laetitia Pujol und Alessio Carbone einen guten Eindruck, ohne der Choreografie allerdings allzu viel Humor abgewinnen zu können. Am überzeugendsten in dieser Hinsicht war Emmanuel Thibault als großäugiger, Chaos verbreitender Puck, dessen Interpretation derselben Rolle in Neumeiers Ballett unvergesslich bleibt.

Generell geht es in Balanchines Stück sehr feierlich zu – so ist das von Neumeier amüsant umgesetzte „Pyramus und Thisbe“-Zwischenspiel aus Shakespeares Stück durch ein seriöses Divertissement ersetzt, in dem Sae Eun Park durch ihre lyrische Grazie bestach. Wie im „Nussknacker“ zelebriert Balanchine in diesem Ballett seinen großen Vorgänger Marius Petipa, Schöpfer der ersten bekannten Fassung von „Sommernachtstraum“ der Ballettgeschichte, in dem der russische Choreograf in seiner Jugend auftrat. Christian Lacroix komplettierte Balanchines tänzerisches Fest mit einer farbenprächtigen, teilweise geradezu überwältigenden neuen Ausstattung.

Besuchte Vorstellung: 23.3.17
www.operadeparis.fr

Veröffentlicht am 24.03.2017, von Julia Bührle in Homepage, Kritiken 2016/17

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