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Halle (Saale)

EPITAPH FÜR EINE ASSOLUTA

Arthaus Musik legt „A Tribute to Maya Plisetskaya“ neu auf



Die DVD vereint Juwelen aus dem Repertoire der Moskauer Bolschoi-Diva und dem, was Choreografen des Westens ihr später auf einen begnadeten Leib maßgeschneidert haben.


  • Foto © Arthaus

Als diese DVD erstmals bei Arthaus erschien, 2010, da war sie ‚nur’ ein Tribut an eine der bedeutendsten Tänzerinnen des 20. Jahrhunderts. Nun hat sie Eingang in die neue Reihe „Elegance The Art of“ gefunden und ist damit endgültig zur historischen Reminiszenz geworden. Denn kaum einer der beteiligten Künstler weilt noch unter den Lebenden. Maurice Béjart hatte sich 2007 verabschiedet, Roland Petit folgte ihm 2011, der blonde Hüne Alexander Godunov ging schon 1995, Anatoly Berdyshev eilte seiner Tanzpartnerin nur wenige Tage voraus, und die, Maya Plisetskaya, sagte Anfang Mai 2015 der Welt Valet. So steht die Neuauflage jener DVD nicht nur als Zeugnis für die Flüchtigkeit von Tanz; vielmehr ist sie ein beredtes Epitaph für einige seiner großen Interpreten, insbesondere jenen, neben der heute über 95-Jährigen Alicia Alonso, legendären Typus der Primaballerina assoluta, wie es ihn kaum je mehr geben wird.

Sechs Jahrzehnte währte Plisetskayas Karriere, und wer sie, bereits fortgeschrittenen Alters, als „Sterbenden Schwan“ gesehen hat, mit unvergleichlichen Ports de bras, später dann beim Defilee mit ihrem Ballet Imperial, in einer spektakulär von Pierre Cardin kreierten Edelrobe – dem bleibt sie unvergessen. Unvergessen bleibt sie, im Gegensatz zu manch einer ihrer frühen Vorgängerinnen, auch dank moderner Technik: Die hält fest, was sich von der Kunst des Tanzes eben festhalten lässt. Dafür vereint „Maya Plisetskaya – A Tribute in Five Ballets“ Juwelen aus dem Repertoire der Moskauer Bolschoi-Diva und dem, was Choreografen des Westens ihr später auf einen begnadeten Leib maßgeschneidert haben.

Älteste Aufnahme, 1976, ist Valentin Elisarievs ganz aus einer russischen Seele geflossenes 20-Minuten-Duett „Romantic Encounter“, inspiriert von einer Novelle Turgenevs, entworfen zu Musik Tschaikowskis, mit Berdyshev als noblem Porteur und einer Plisetskaya voller Leidenschaft und großer Gebärde. Kühl umweht bei aller Konzentration gerät hingegen ihre Aurora im Rosen-Adagio von 1977. Ein Jahr später zeigt sie sich, immerhin schon 52, in einer ihrer Glanzpartien, der „Carmen-Suite“: als Liebeshungrige in einer entzündlich geröteten Arena, mit dem provokant überkreuz gesetzten Einwärtsfuß, der vorgeschobenen Hüfte, der lasziv gespreizten Sitzpose und Godunov als tödlich gereiztem Don José. Über welche Spannweite der Rolleninterpretation sie verfügt, weist „La Rose Malade“ aus, jene Letzte-Liebe-Elegie, die ihr Béjart dedizierte und mit Mahlers berühmtem Adagietto aus der 5. Sinfonie unterlegte. In der Aufzeichnung von 1978 bleibt dem jungen Valery Kovtun bis zum finalen Kuss nicht viel mehr, als seine Hebeathletik zur Verfügung zu stellen.

„Ave Maya“ heißt das Schlussstück der DVD, kaum vier Minuten ist es lang und lässt zu ihrem 75. Geburtstag die Ballerina in Pumps zum Ave Maria mit zwei rot-weißen Fächern spielen, als erlebe sie nochmals die Rollenverwandlungen eines ungewöhnlich langen Bühnenlebens. Eine starke Persönlichkeit und unbeugsame Kämpferin für Neues im Tanz tritt ins Private zurück. Ein Interview zur Entstehung der „Carmen-Suite“ sowie eine Fotostrecke komplettieren als Bonus eine sorgsam zusammengestellte DVD von tanzgeschichtlich hohem Wert.

„Maya Plisetskaya – A Tribute in Five Ballets“, Arthaus Musik 2010, 100 Min.

Veröffentlicht am 30.03.2017, von Volkmar Draeger in Homepage, Tanzmedien

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Kommentare zu "Epitaph für eine Assoluta"



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