HOMEPAGE



München

MIT „JEAN UND ANTONÍN“ IN DIE EWIGKEIT

Das Staatstheater am Gärtnerplatz feiert in der Reithalle eine denkwürdige Premiere mit zwei Choreografien von Michael Keegan-Dolan und Karl Alfred Schreiner



„Jean“ würde alleine keinen Abend tragen, „Antonín“ sehr wohl. Beide zusammen bilden ein denkwürdiges Duo für existentielle Fragstellungen.


  • "Antonin" von Michael Keegan-Dolan Foto © Marie-Laure Briane
  • "Antonin" von Michael Keegan-Dolan Foto © Marie-Laure Briane
  • "Antonin" von Michael Keegan-Dolan Foto © Marie-Laure Briane
  • "Jean" von Karl Alfred Schreiner Foto © Marie-Laure Briane
  • "Jean" von Karl Alfred Schreiner Foto © Marie-Laure Briane
  • "Jean" von Karl Alfred Schreiner Foto © Marie-Laure Briane

Eine Beerdigung außer Rand und Band, dazu ein ruhiges Stück über die Ewigkeit – das ist „Jean und Antonín“, der neue Ballettabend des Gärtnerplatztheaters. Wegen Renovierung weicht die Inszenierung in die Reithalle an der Infanteriestraße aus, was ihr gar nicht schlecht steht. Die Besucher sitzen hier auf Rängen, und so gewinnt das Vorgeführte an dramatischer Kraft, wie in einem Amphitheater. Auch die Akustik ist hervorragend: Das Orchester des Gärtnerplatztheaters agiert nicht aus einem Graben heraus, sondern spielt auf einer Bühne hinter dem Tanzboden. Es ist den Tänzern ganz nahe. Eine schöne Situation.

Dvořáks Sinfonie Nr. 8 in G-Dur als Beerdigung zu inszenieren, ist schon eine skurrile Idee. Doch Choreograf Michael Keegan-Dolan hat alles richtig gemacht. Sein „Antonín“ ist ein echter Coup!

Der Anfang ist rätselhaft: Zunächst beäugen sich die Hinterbliebenen, indem sie hektisch umeinander herum und um den Aufgebahrten laufen, dabei ruckartig stoppen. Dann setzen sie sich auch noch Partyhütchen auf und hauen mit ihren Schuhen auf den Boden. Provokationstheater? Zu dem Zeitpunkt möchte der Zuschauer noch mit den Beerdigungsgästen im Boden versinken, in Erwartung peinlicher Situationen. Doch das Blatt wendet sich, als im Hintergrund der Vorhang vor dem verdeckten Orchester fällt. Künstliches Gehabe ablegen, die Masken fallen lassen, aufrichtig trauern und sich mit dem Verstorbenen wie den anderen Weinenden beschäftigen, darum geht es in Wirklichkeit.

Einer nach dem anderen lassen die Trauernden los. Sie nehmen sich Zeit – seien es die Damen für einen hin und her wogenden Pas de six, sei es ein einzelner, kleiner Gast mit einem gefühlvollen, viel zu fließenden, aber ehrlichen Solo. Ein Dritter führt einen Veitstanz auf dem Sargdeckel auf, und das ist in Ordnung. Es ist Emotion, keine Blasphemie. Keegan-Dolans Bewegungssprache kann zwischen solchen Feinheiten unterscheiden. Seine Tänzer variieren die typischen erhobenen Arme und die verzweifelt nach unten hängenden Köpfe des Schmerzvokabulars so raumgreifend, dass sie zur gemeinsamen Sprache werden und letztlich erhebend wirken. Dadurch gelingt den Verzweifelten auch der Durchbruch: Ein paar von ihnen stützen die Frau des Toten, sodass sie ihr Kostüm ablegt und ihren Liebsten endlich zum Abschied küsst. Ob das in Dessous geschehen muss, könnte man zur Debatte stellen.

Hier, wie an anderen Stellen, schlägt das Stück etwas über die Stränge, beispielsweise auch, als der Sarg herumgewirbelt wird wie ein Karussell. Andererseits erfordern besondere Situationen besondere Mittel. Die westliche Trauerkultur befindet sich am Tiefpunkt und jede Inspiration taugt im Kampf gegen das hastige Abholen und Zuschaufeln, das viele aus Angst und Hilflosigkeit praktizieren. Die Gesellschaft muss lernen, wieder richtig Abschied zu nehmen. Und solange das der Religion nicht gelingt, darf das gerne auch der Tanz tun.

Keegan-Dolans Toter steht zuletzt auf, teilt eine letzte Zigarette mit der Freundin und geht über die Zuschauerränge in die andere Welt. Er findet Ruhe, weil sein Tod zelebriert wird. Wenn Tanztheater sich mit so etwas Wesentlichem beschäftigt, ist das ein Verdienst.

Karl Alfred Schreiners „Jean“ zur Sinfonie Nr. 7 in C-Dur von Jean Sibelius bildet dazu ein stilles wie undurchschaubares Gegenprogramm. In einer endlosen, weißen Urlandschaft erheben sich Gruppen von Tänzern, die sich ununterbrochen ineinander verwinden. Wogende Bewegungen wecken Bilder vom Spiel der Gezeiten, die Darsteller erheben sich wie Schaumkronen in ihren bezaubernden blau-beigfarbenen Korallenkostümen von Bregje van Balen. Im Hintergrund brennt eine mannshohe Kerze. Doch was symbolisiert sie? Es gibt wenige Höhen und Tiefen in dieser Reminiszenz an die Ewigkeit, sie kommt und geht wie das Meer. Vielleicht ist „Jean“ ja nur ein kurzer Blick auf ein Spiel, das für alle Zeiten andauert, irgendwo im Universum.

„Jean“ würde alleine keinen Abend tragen, „Antonín“ sehr wohl. Beide zusammen bilden sie ein denkwürdiges Duo für existentielle Fragstellungen. Die Zeit vergeht wie im Flug.

Veröffentlicht am 02.04.2017, von Isabel Winklbauer in Homepage, Kritiken 2016/17

Dieser Artikel wurde 1440 mal angesehen.



Kommentare zu "Mit „Jean und Antonín“ in die Ewigkeit"



    • Kommentar am 03.04.2017 20:10 von Sabine Winkler
      Ein wirklicher interessanter Abend, Isabel Winklbauer. Das Arrangement in der Reithalle superb, die Atmosphäre in der Anordnung mit dem Orchester für das existenzielle Thema des Abends denkbar geeignet.

      Auch in ihren Einschätzungen ist der Kritikerin nur zuzustimmen. Nur passt der Sub-Titel des Artikels "...mit zwei Choreografien von Michael Keegan-Dolan" auch zum Programm des Abends? Aber allein die Länge der kritischen Auseinandersetzungen mit den beiden Werken sagt vieles. Vielleicht sollte es Karl Alfred Schreiner anderen Balletdirektoren gleich tun, sich mehr auf die Direktion konzentrieren und das Choreografieren anderen überlassen, die dafür etwas mehr Talent haben.

Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




Ähnliche Beiträge

SHAKESPEARSCHE LIEBES-VERWIRRSPIEL IN DER PARTYSZENE DER 60ER/70ER JAHRE

"Ein Sommernachtstraum" von Henning Paar Gärtnerplatztheater

Veröffentlicht am 18.04.2010, von Malve Gradinger


FEUERPROBE BESTANDEN

Karl Alfred Schreiners "Dornröschen" am Münchner Gärtnerplatztheater

Volkstümliches Musiktheater zu machen – das war dem im Herbst 2012 ans Münchner Gärtnerplatztheater berufenen Intendanten Josef E. Köpplinger anzunehmender Weise vom Bayerischen Kunstminister aufgetragen worden. Mit den Gärtnerplatz-Musiktheaterproduktionen wurde dieser Auftrag bisher erfolgreich erfüllt.

Veröffentlicht am 28.01.2013, von Malve Gradinger


ANGESTRENGT!

„Berlin 1920 – eine Burleske“ von Karl Alfred Schreiner

Nur taumelnd tänzelndes, fiebrig jazzendes Nachtleben zu choreografieren war Schreiner offensichtlich zu wenig. Direkt von der Bühne herunter springt es einen an, wie sehr sich Karl Schreiner anstrengen musste, um die zerbrechende Liebesgeschichte zwischen dem Fabrikarbeiter Hans und der bürgerlichen Eva zu erzählen.

Veröffentlicht am 23.11.2013, von Malve Gradinger


STADION-ATMOSPHÄRE FREI HAUS

Drei Fußballstücke am Gärtnerplatztheater in München

Jo Strømgren, Marco Goecke und Jacopo Godani beschäftigen sich im Ballettabend "Hattrick" mit dem Thema Fußball - das funktioniert, weil der zeitgenössische Tanz, den das Gärtnerplatz-Ensemble pflegt, dem Rasensport optisch recht nahe kommt.

Veröffentlicht am 12.03.2015, von Malve Gradinger


 

AKTUELLE KRITIKEN


DIE WERKSTATT DEINES VERTRAUENS

Die zweite Hälfte der diesjährigen Tanzwerkstatt Europa glänzt mit internationalen Gastspielen und einer erfolgreichen Münchner Produktion
Veröffentlicht am 16.08.2017, von Natalie Broschat


STARKE EMOTIONEN UND PARISER FLAIR

Das Ballett des Salzburger Landestheaters gastierte mit Peter Breuers „Mythos Coco“ am 9. und 10. August im Deutschen Theater München
Veröffentlicht am 12.08.2017, von Vesna Mlakar


GEOMETRISCHER TANZ, WILDE MUSIK

Die Michael Clark Company eröffnete das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel
Veröffentlicht am 11.08.2017, von Annette Bopp



AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



PARA QUE O CÉU NÃO CAIA (FOR THE SKY NOT TO FALL)

Tanztheater von Lia Rodrigues im Muffatwerk München

“There is only one sky and we must take care of it, for if it becomes sick, everything will come to an end.” Davi Kopenawa

Veröffentlicht am 10.08.2017, von Pressetext

LETZTE KOMMENTARE


ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

„Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


STANDING OVATIONS

Pick bloggt über die Gastspielreise des Bundesjugendballetts und -orchesters
Veröffentlicht am 16.01.2017, von Günter Pick

MEISTGELESEN (30 TAGE)


BALLETT MACHT SCHÖN!

Der Zauber des späten Anfangs

Veröffentlicht am 27.07.2017, von Gastautor


ACCESS TO DANCE



Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


DIE PREMIEREN DER KOMMENDEN SAISON!

Wir haben den tanznetz.de-Premierenkalender angelegt

Veröffentlicht am 08.08.2017, von tanznetz.de Redaktion


WO BRASILIEN TANZT - DAS GRÖßTE FESTIVAL DER WELT

Das Festival de Dança de Joinville im Bundesstaat Santa Catarina in Brasilien

Veröffentlicht am 09.08.2017, von Gastautor


VIEL STYROPOR

Dancesoap „Minutemade“ mit „Act Three“ in München

Veröffentlicht am 20.07.2017, von Vesna Mlakar



BEI UNS IM SHOP