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Bremen

PUBLIKUM, DAS SICH VERFÜHREN LÄSST

Pick bloggt über vier Tage beim Festival „Tanz Bremen“ und weitere Vorstellungen



Zum zwanzigsten Mal hat Sabine Gehm das „Tanz Bremen“-Festival auf die Beine gestellt und das war gut so! Zwar habe ich nur das Ende gesehen, war aber sehr angetan von Atmosphäre, Leistung und Fantasie.


  • "Sommernacht im Frühling" von Günter Grollitsch Foto © Daniela Buchholz
  • "Sommernacht im Frühling" von Günter Grollitsch Foto © Daniela Buchholz
  • "Bonnie & Clyde" von Günther Grollitsch Foto © Daniela Buchholz
  • "Bonnie & Clyde" von Günther Grollitsch Foto © Daniela Buchholz
  • "Gute Pässe Schlechte Pässe" von Helena Waldmann Foto © Wonge Bergmann
  • "Gute Pässe Schlechte Pässe" von Helena Waldmann Foto © Wonge Bergmann
  • "Gute Pässe Schlechte Pässe" von Helena Waldmann Foto © Wonge Bergmann
  • "Gute Pässe Schlechte Pässe" von Helena Waldmann Foto © Wonge Bergmann

Zum zwanzigsten Mal hat Sabine Gehm das „Tanz Bremen“-Festival auf die Beine gestellt und das war gut so! Zwar habe ich nur das Ende gesehen, war aber sehr angetan von Atmosphäre, Leistung und Fantasie. Neben den großen Namen (Marie Chouinard, Louise Lecavalier, Germaine Acogny und Helena Waldmann) war die Kunst der in Bremen ansässigen ChoreografInnen stark vertreten. Vermisst habe ich den Tanzchef des Theater Bremen, Samir Akika. Sollte er, als Mann, nicht in diese Riege passen? Ich glaube es nicht, und seine Arbeit hat mir nicht aus Prinzip gefehlt.

Das ganze Programm hier aufzulisten, wäre zu umfassend. Was mir an den örtlichen Gegebenheiten allerdings auch sehr am Herzen liegt, ist das Deutsche Tanzfilminstitut, geleitet von einer Frau (!) Heidemarie Härtel, die die große Ära eines der Gründer deutscher Gegenwartskunst miterlebt hat. Von Hans Kresnik nämlich, den man getrost mit Beuys in einem Atemzug nennen kann, obwohl ihm kein Museum gebaut wird. Während des Festivals aber hätte ich gern von seinem Werk etwas gesehen oder/und von Susanne Linke, Reinhild Hoffmann oder Gerd Bohner, der gerade vom Tanzfonds Erbe dem Vergessen entrissen wird. Seine Stücke sind im Archiv des Tanzfilminstituts, aber bei den Bremern, fürchte ich, längst nicht mehr präsent. Wozu haben wir solche Institute? (Sie wurden auf privater Basis gegründet, wie etwa das Tanzarchiv Kurt Peters in Köln, wo übrigens zur Zeit eine wunderbare Ausstellung des Malers der Ballets Russes Ernst Oppler zu sehen ist. Hinfahren und glücklich wieder wegfahren!)

Zurück nach Bremen, wo die Freie Szene wieder anfängt zu blühen, und in diesem Festival bestens vertreten war. Ich fange mal an mit Helge Letonja, der auf zwanzig Jahre Bremen zurückblicken kann mit seiner Freien Gruppe „Steptext Dance Project“. Man hat ihm aus diesem Anlass ein schönes Buch gewidmet, das seine besten Stücke in Beiträgen und Fotos wiedergibt. Beim Festival zeigte er „Out of Joint“ und das hat nichts mit blauem Rausch zu tun, sondern dreht sich um eine Kooperation mit dem Vuyani Dance Theatre in Johannesburg und die Probleme der Schwarzen in der stark europäisierten Gesellschaft Südafrikas. Ähnliche Problematik könnte auch für die iberische Halbinsel gelten, aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit junger Leute. Das Stück dreht sich nämlich um Lebensängste und endet mit einem höchst eindrucksvollen Zitter-Solo, wie ich es noch nie gesehen habe und das durch die Mittel des zeitgenössischen Tanzes auf's Beste zum Ausdruck kommt.

Das ist Helena Waldmann leider nicht gelungen in ihrem Stück „Gute Pässe, Schlechte Pässe“, das mit einer Grenzerfahrung spielt. Es bleibt bei einem oberflächigen Spiel von zwei Dutzend Tanzstatisten, die von einem Sprecher von einer auf die andere Bühnenseite gejagt werden, stumm Antwort geben, entweder ihre Zustimmung oder gegenteilige Meinung kundtun. Das erinnert stark an Samstagabend-TV. Dabei stellen die Statisten dann so etwas wie 'Die Mauer' dar, nicht nur in Bremen, sondern auf ihrer gesamten Deutschlandtournee. Vier Tänzer tanzen, doch zum größten Vergnügen der Zuschauer im Theater am Goetheplatz trugen einige Artisten mit ihren Kunststücken bei, mit Flic Flac und Pole-Artistik. Nicht große Klasse, aber die Tänzer hätte man zumindest mit ihren Tricks – wie Fouettes, Tour en l'air, Grand Pirouettes – noch sichtbarer in den Wettbewerb gehen lassen können. Eine Zusammenführung der Artisten und Tänzer blieb bewusst auf der Strecke. Von der Waldmann erwartet man mehr! (Wenigstens den nackten Mann am Pole, wie im Prospekt abgebildet, hätte sie zeigen können...)

Am nächsten Tag wollte ich nach Osnabrück fahren, um den Ballettabend von Soavi mit „Danse Macabre“ von Mary Wigman zu sehen. Leider hatte die DB die Strecke gesperrt und so fiel der gute Wille dem zum Opfer.
Dafür sah ich ziemlich viel Günther Grollitsch. Er ist einer der Gründer von „Steptext Dance Project“ und steht seit einiger Zeit dem Ableger mit dem Namen “tanzbar“ als Choreograf zur Verfügung. Zuerst sah ich im Gerhard-Marcks-Haus ein kurzes, aber intensives Stück mit dem Titel „Bonny und Clyde“. Für diesen Rahmen schien es wie geschaffen zu sein! Spätestens wenn das Paar tot umfällt, kommen jedoch Zweifel. Trotzdem ist die problematische Liebesgeschichte, die Corinna Mindt und Oskar Spatz erleben, einprägsam.

Dann sah ich „SommerNacht im Frühling“ und war entzückt, dass sich endlich mal einer in der Freien Szene an einem Klassiker versucht und das auch gelingt. Die Produktion scheint sich zum Knüller zu entwickeln, man war auf Gastspiel in Lüttich und wird es noch einige Male in der Schwankhalle spielen. Eine Kooperation mit der Shakespeare Company stieß der Lions Club an mit eben jenem Thema in deren Theater. Geschickt hat Grollitsch mit den Schauspielern die Liebespaare gedoubelt und die verkürzten Auftritte der Handwerker brachten dem Publikum herzhafte Lacher, vor allem von Peter Lüchinger als Zettel und bei den Tänzern Christopher Basile und Tim Gerhards.

Zum Abschluss bleibt mir noch über das Gastspiel von Germaine Acogny zu berichten. Und wer gelesen hat, was ich über ihren Auftritt in Düsseldorf geschrieben habe, weiß, dass ich sie bewundere. Daran hat sich nichts geändert. Diesmal erzählte sie uns in französischer Sprache aus ihrem Leben und über die Probleme, die sie mit ihrem Vater hatte, mit den traditionellen Riten und Gesetzen in ihrer Jugend, was auch Probleme mit ihrer Mutter mit sich brachte. Die Produktion ist eine Nummer größer inszeniert als ihre letzte, von Mikael Seere und mit einem eindrucksvollen Bühnenbild von Macej Fiszer. Alles inklusive Filmmaterial vom Feinsten, zusammengemischt, teilweise verfremdet. Auch die Musik von Fabrice Bouillon „Laforet“ trägt großen Anteil an diesem Abend im Theater am Leibnitz Platz, der Bühne der Shakespeare Company. Aber alles ist nichts ohne diese wunderbare Frau, die gleichzeitig eine Zauberin und ein Unschuldsengel sein kann, und eigentlich so wie Marcel Marceau nichts auf der Bühne braucht als Licht und das Publikum, das sich verführen lässt.

Veröffentlicht am 04.04.2017, von Günter Pick in Homepage, Blogs, Tanz im Text

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Kommentare zu "Publikum, das sich verführen lässt"



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