HOMEPAGE



Magdeburg

FREIBEUTERROMANTIK UND ORIENTALISCHER ZAUBER

„Le Corsaire“ von Gonzalo Galguera am Ballett Magdeburg



Mit der Neufassung des Piratenballetts „Le Corsaire“ gelingt Ballettdirektor Gonzalo Galguera ein kleines Wunder.


  • "Le Corsaire" von Gonzalo Galguera; Lou Beyne und Ensemble Foto © Nilz Böhme
  • "Le Corsaire" von Gonzalo Galguera; Lou Beyne und Raúl Pita Caballero Foto © Nilz Böhme
  • "Le Corsaire" von Gonzalo Galguera; Narissa Course und Ensemble Foto © Nilz Böhme
  • "Le Corsaire" von Gonzalo Galguera; Lou Beyne und Adrián Román Ventura Foto © Nilz Böhme
  • "Le Corsaire" von Gonzalo Galguera; Ensemble Foto © Nilz Böhme

Es gibt noch Wunder. Man glaubt, die großen Ballettklassiker von „Schwanensee“ und „Dornröschen“ bis „Romeo und Julia“ und „Giselle“ zu kennen. Und dann erlebt man ganz unvermittelt mit einer Kompanie, die in den vergazngenen 10 Jahren durch das choreografische Wirken von Gonzalo Galguera klassisch geprägt wurde, ein kleines Wunder auf der Bühne des Magdeburger Opernhauses. Dieses Ballettwunder hat einen Namen, „Le Corsaire“, und ist ein Piratenballett, basierend auf einem Gedicht von Lord Byron. Bekannt sind aus diesem Ballett, das vor allem in der Choreografie von Marius Petipa berühmt wurde, als Bravourstücke jeder klassischen Ballettgala der Pas de trois, das „Le jardin animé“-Divertissement oder der Pas de odalisque. Klassisches Ballett in Reinkultur also, auch wenn die Handlung als aktionsreiche Piratengeschichte nicht nur optisch an die Romantik des „Fluch der Karibik“-Blockbusters mit Captain Sparrow (Johnny Depp) als Freibeuter der Meere erinnert.

In der aufwendigen Magdeburger-Inszenierung sind nun ebenfalls mitreißend getanzte Seeräuber-Romantik und verführerischer Haremszauber mit orientalisierter Ästhetik zu erleben. Choreograf und Ballettdirektor Gonzalo Galguera vertraut auch diesmal auf das tänzerische Können, auf das von den Tänzerinnen und Tänzern exzellent beherrschte klassische Schritt- und Ausdrucksvokabular, auf Eleganz und Harmonie ganz im Sinne der Danse d’école. Für seine Choreografie hat er sich, wie die meisten Choreografen, von Marius Petipa inspirieren lassen. Wir erleben in Spagatsprüngen, den Fouetté-Drehungen und der Manège, wie exzellent die Solisten den hohen technischen Schwierigkeitsgrad der Choreografie beherrschen. Vor allem für die Massentänze der Piraten, den Sklaventanz und die Szenen im Harem hat Galguera, ganz auf seine Tänzerinnen und Tänzer zugeschnitten, neue Tableaus als Mischung aus der Tradition französischer und russischer Stile und Manierismen choreografiert und fordert Solisten und Kompanie bis an die Grenze der Leistungsfähigkeit.

Die von Maria Babanina besorgte Zusammenstellung der insgesamt 52 Musikstücke nach der Rekonstruktion für das Münchner Staatsballett ergänzt die Musik von Adolph Adam, Cesare Pugni, und Léo Delibes durch Musik von Ricardo Drigo, Peter Prinz von Oldenburg und Julius Gerber. Insgesamt wirkt dadurch die Musik zur Handlung des Balletts und zu seinen klassischen Höhepunkten angepasster und ohne Brüche. Und die Magdeburgische Philharmonie unter Svetoslav Borisov sorgt mit Eleganz für die Harmonie zwischen Orchester und Bühne.

Diese Piratengeschichte um die Freunde Konrad und Birbanto, die zu erbitterten Feinden werden, um den Sklaven Ali, um Medora und Gulnare, die Lankedem auf dem Sklavenmarkt an Seyd Pascha für dessen Harem verkaufen soll, liefert das Gerüst für beeindruckende Tanznummern mit atemberaubenden solistischen Leistungen. Dabei haben Galguera und Olga Illiewa sehr viel Wert auf pantomimische Gestik gelegt, auffallend insbesondere bei der Statisterie. In den zauberhaften Bühnenbildern von Darko Petrovic mit einem mächtigen Piratenschiff im Prolog/Epilog, einem orientalischen Markt und einer wildromantischen Grotte sowie einem prächtigen Harem erlebt man orientalische Illusionen und Freibeuterromantik pur. Und die farbenprächtigen, edlen Kostüme (Josef Jelínek) sind eine Augenweide.

In diesem Bühnenambiente sind die mehr als 30 Tänzerinnen und Tänzer, die von der Kompanie getanzten Korsaren, Haremsdamen, Marktfrauen, Korsarinnen und Sklavinnen ein Erlebnis, das für ein Stadttheater sensationell ist. Glanzvoller Höhepunkt ist das berühmte „Le jardin animé“–Divertissement als Traum des Seyd Pascha. Lou Beyne als Medora und Narissa Course als Gulnara brillieren in der Coda, den Variationen und im Adagio gemeinsam mit den Tänzern der Kompanie und in einem wunderschönen Blumenreigen mit mehr als 20 Eleven der Magdeburger Theaterballettschule - ein ästhetischer Genuss. Klassisches Ballett auf allerhöchstem Niveau erlebt man mit Lou Beyne, Adriàn Romàn Ventura als Konrad und Raùl Pita Caballero als treuem Freund Ali im Pas de trois mit makellosen Sprüngen, Pirouetten und Manègen. Die Herren der Kompanie, insbesondere kraftvoll auftrumpfender Daniel Smith als Korsar Birbanto und Gegenspieler von Konrad, zeigen ihr ganzes tänzerisches Können. In den temperamentvollen Tänzen der Freibeuter überzeugt einmal mehr Leah Allen als Birbantos Freundin.

Ich habe mit dieser Ballettpremiere ein kleines Wunder erlebt. Nimmt man den stürmischen Beifall des Publikums und die Standing Ovations als Indiz, dann stehe ich mit meiner Meinung wohl nicht alleine da.

Veröffentlicht am 07.04.2017, von Herbert Henning in Homepage, Kritiken 2016/17

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Kommentare zu "Freibeuterromantik und orientalischer Zauber"



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