HOMEPAGE



Kaiserslautern

AUF DER SUCHE NACH DER ZYKLISCHEN ZEIT

Umjubelte Uraufführung von James Sutherlands „Zyklus“ in Kaiserslautern



Entlang einer entwicklungspsychologischen Idee fächert Sutherland nicht nur choreografisch gekonnt sondern auch musikalisch spannend den Zustand der Menschwerdung, als Individuum, Partner, Mitglied einer Gruppe auf.


  • Tanzabend "Zyklus" von James Sutherland am Pfalztheater Kaiserslautern: Duncan C. Schultz, Jura Francesca Wanga, Daniela Hechavarria Castro, Salvatore Nicolosi Foto © Andreas J. Etter
  • Tanzabend "Zyklus" von James Sutherland am Pfalztheater Kaiserslautern: Ben Barthel, Ensemble Tanz des Pfalztheaters Foto © Andreas J. Etter
  • Tanzabend "Zyklus" von James Sutherland am Pfalztheater Kaiserslautern: Duncan C. Schultz, Salvatore Nicolosi, Davide Degano Foto © Andreas J. Etter

Riesenapplaus für „Zyklus“ von James Sutherland in Kaiserslautern. Ob Werkstattbühne mit 13 ausverkauften Vorstellungen von „Tanz.1: Same Time Tomorrow“ oder aktuell die Uraufführung „Zyklus“ im großen Haus, Sutherland trifft den Nerv des Publikums.

So zeit- und selbstvergessen wie sich Nijinski in „L'après-midi d'un faune“ auf dem Fels räkelt, so dehnt, streckt, windet und rollt sich der Tänzer auf einem quadratischen Objekt – für einen magischen Moment überlagern sich die beiden Bilder: der moderne Tänzerkörper gleichsam Fels in der Brandung einer atomisierten Welt und der Faun in der flirrenden Nachmittagshitze, der sich im vorgeburtlich-paradiesischen Zustand des All-Einen wähnt.

Aus der anfänglichen Stille steigen Arvo Pärts chromatische Klangnebel auf, verdichten sich unter grellen Lichtblitzen zu amorpher Sinfonik. „Perpetuum Mobile“ heißt die kurze Komposition, die James Sutherland als Präludium an den Beginn von „Zyklus“ stellt. Quasi der Anfang eines Lebens, das mit gebündelter Energie aus der warmen, vorgeburtlichen Geborgenheit ins Unbekannte fällt, überwältigt von Sinneseindrücken.

Entlang einer entwicklungspsychologischen Idee repräsentieren auch die weiteren drei Kompositionen für den Choreografen den Zustand der Menschwerdung, als Individuum, Partner, Mitglied einer Gruppe. In der seriellen Musik des „Violinkonzerts Nr. 1“ von Philip Glass schwingt der repetitive Charakter einer kreisenden Zeitbewegung, die das Individuum reifen lässt, Strukturen erkennt und im Erwachsenwerden weiter entwickelt. Benjamin Brittens „Sinfonia da Requiem“ transportiert die schmerzliche Erkenntnis der Endlichkeit. In Samuel Barbers „Adagio for Strings“ schließlich transzendiert der Mensch in den zeit- und selbstvergessenen Zustand, aus dem er gekommen ist. Der Kreis schließt sich.

Keineswegs illustrativ sondern abstrakt geht Sutherland die Choreografie an. Er nutzt die energetische Ladung der Musik, verbindet sie streckenweise kongenial mit dem kreativen Formenreichtum seiner 14 Tänzerinnen und Tänzer. Wuchtige Schwünge, sportive Läufe, artistische Sprung- und Auffangvariationen kombiniert er mit fragmentierten Sink- und Fallbewegungen. Konditionell herausfordernd findet die Gruppe hin und wieder Ruhe, interagiert mit den Vierkantobjekten, verbindet sich damit zu einer Landschaft im Hintergrund oder einer Skulptur, die an Laokoon erinnert.

Diese Momente des Atemholens, fein abgestufter Dynamik und subtiler Brüche sind von großem ästhetischem Reiz. Zum einen, weil sie dem Betrachter Zeit geben Einzelne als individuelle Künstlerpersönlichkeit wahrzunehmen; bewundernswert sind Tanztechnik, Musikalität und Kondition aller, bestechen doch bei den Tänzerinnen jene, die schon lange mit Sutherland arbeiten - wie Camilla Marcati, Risa Yamamoto, Keiko Okawa - durch Präzision, Durchlässigkeit und einen Nuancenreichtum, der Staunen macht. Unter den Tänzern beeindruckt insbesondere die Performancequalität von Huy Tien Tran und Duncan C. Schultz, beide sind mit Sutherland neu ans Pfalztheater gekommen.

Zum anderen kann der Blick wandern. Zum Bühnenbild (Claus Stump) - eine zimmergroße schwarze Box auf dunkler Bühne. In ihr ist eine etwas kleinere Lichtbox verborgen. Beide werden, wie auch der dreiseitige, reflektierende Umlauf mit Neonstäben unabhängig voneinander, jedoch in Verbindung mit der Choreografie auf und ab bewegt. Licht und Raum in monochromen Tönen bilden mit dem Tanzensemble ein abstraktes Gesamtkunstwerk – auf der Suche nach der verlorenen Zeit, die einst eine zyklische war.

Fazit: Absolut sehenswert, nicht zuletzt dank des Orchesters des Pfalztheaters (Leitung: Uwe Sandner) und dem hervorragenden Violinsolisten Pierre-Eric Monnier.

Veröffentlicht am 08.04.2017, von Leonore Welzin in Homepage, Kritiken 2016/17, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 1132 mal angesehen.



Kommentare zu "Auf der Suche nach der zyklischen Zeit "



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    DAS LETZTE GELÄUT

    James Sutherlands „Quartett“ - Ein faszinierendes Tanzstück mit Molltrübungen.

    Inspiriert von der Lektüre des Romans „Alexandria-Quartett“ des britischen Schriftstellers Lawrence George Durrell, übernimmt James Sutherland das Thema „wechselnder Perspektiven“.

    Veröffentlicht am 10.02.2013, von Leonore Welzin


    SPIEL MIR DAS LIED DER ERLÖSUNG

    Boléro-Extase: Tanzstück von James Sutherland am Theater Pforzheim

    Veröffentlicht am 12.02.2012, von Leonore Welzin


    FREMD IM EIGENHEIM

    „Nussknacker und Mäusekönig“ mit tiefenpsychologischem Blick neuinterpretiert von James Sutherland und Robert Eikmeyer

    Das Künstlerduo ist Traumdeuter, die das Weihnachtsmärchen entstauben, ohne ihm den Zauber zu nehmen. Schon zur Ouvertüre geht es quicklebendig zu: Trott, trott, hopp, hopp, galoppieren unzählige weiße Schatten-Ratten über die Leinwand.

    Veröffentlicht am 20.02.2014, von Leonore Welzin


    WECHSEL IN DER BALLETTLEITUNG DES STADTTHEATERS PFORZHEIM

    Mit Beginn der Spielzeit 2015/16 geben James Sutherland und Elsa Genova die Leitung des Balletts am Stadttheater Pforzheim ab.

    Die Ballettschule bleibt in bewährten Händen.

    Veröffentlicht am 24.09.2014, von Pressetext


    TSUNAMI IM BLUT

    Begeisterungsstürme für Sutherlands „Sacre“ in Pforzheim

    Zum zarten Zirpen der Zikaden treten Tänzer aus dem Dunkel an ein Wasserbecken. Es nimmt an Stelle des Orchestergrabens die gesamte Bühnenbreite ein. Die fast nackten Darsteller sind dabei Bildelemente eines monochromen Tableaus vivant.

    Veröffentlicht am 19.02.2015, von Leonore Welzin


    KREATIVE SPEERSPITZE

    Brillante Ballettgala beendet die Ära Sutherland in Pforzheim

    Ein letztes Mal, bevor sie in alle Winde zerstreut, das Pforzheimer Erbe an anderem Ort fruchtbar machen, steht das zehnköpfige Ballettensemble plus Gäste gemeinsam auf der Bühne.

    Veröffentlicht am 06.07.2015, von Leonore Welzin


    BITTERZARTE PARABEL VOM FRÜHLINGSERWACHEN

    Pfalztheater Kaiserslautern feiert James Sutherlands „Romeo und Julia“

    Enthusiastisch feiert das Premierenpublikum den Gastchoreografen. Zu Recht, denn die Inszenierung ist eine beeindruckende Gesamtleistung.

    Veröffentlicht am 17.02.2016, von Leonore Welzin


    NEUE TANZÄRA AM PFALZTHEATER

    James Sutherland erforscht Geschlechterrollen

    Weit mehr als eine kluge Gegenüberstellung ist „Same time tomorrow“ ein komplexes Gewebe, das aus der subtilen Versuchsanordnung ästhetischen Mehrwert gewinnt und in puncto Wahrnehmung und Selbstreflexion interessante Fragen aufwirft.

    Veröffentlicht am 12.11.2016, von Leonore Welzin


     

    AKTUELLE KRITIKEN


    DIE WERKSTATT DEINES VERTRAUENS

    Die zweite Hälfte der diesjährigen Tanzwerkstatt Europa glänzt mit internationalen Gastspielen und einer erfolgreichen Münchner Produktion
    Veröffentlicht am 16.08.2017, von Natalie Broschat


    STARKE EMOTIONEN UND PARISER FLAIR

    Das Ballett des Salzburger Landestheaters gastierte mit Peter Breuers „Mythos Coco“ am 9. und 10. August im Deutschen Theater München
    Veröffentlicht am 12.08.2017, von Vesna Mlakar


    GEOMETRISCHER TANZ, WILDE MUSIK

    Die Michael Clark Company eröffnete das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel
    Veröffentlicht am 11.08.2017, von Annette Bopp



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    STAATSBALLETT BERLIN: PROGRAMM DER SAISON 2017/2018

    Das Staatsballett Berlin veröffentlicht seine vollständigen Pläne für die Spielzeit 2017/2018

    Drei Premieren, ein Gastspiel der Ballets de Monte-Carlo, die Gala „Polina & Friends“ sowie eine Ballettwoche mit geballtem Programm stellen die Höhepunkte der Saison dar

    Veröffentlicht am 29.06.2017, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

    Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
    Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    STANDING OVATIONS

    Pick bloggt über die Gastspielreise des Bundesjugendballetts und -orchesters
    Veröffentlicht am 16.01.2017, von Günter Pick

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    ACCESS TO DANCE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


    SALZ AUF UNSERER HAUT

    Ein Blog zu zwei Workshops mit Virginie Roy und Doris Uhlich bei der Tanzwerkstatt Europa in München

    Veröffentlicht am 15.08.2017, von Carmen Kovacs


    AFRIKANISCHE POLITREALITÄT

    Im Hebbel am Ufer begann „Tanz im August“ mit „Kalakuta Republik“ von Serge Aimé Coulibaly

    Veröffentlicht am 15.08.2017, von Volkmar Draeger


    GEOMETRISCHER TANZ, WILDE MUSIK

    Die Michael Clark Company eröffnete das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel

    Veröffentlicht am 11.08.2017, von Annette Bopp


    DIE WERKSTATT DEINES VERTRAUENS

    Die zweite Hälfte der diesjährigen Tanzwerkstatt Europa glänzt mit internationalen Gastspielen und einer erfolgreichen Münchner Produktion

    Veröffentlicht am 16.08.2017, von Natalie Broschat



    BEI UNS IM SHOP