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Osnabrück/ Barletta

ZUKUNFT DES TANZES

Ein Blog zu CORPI IN MOSTRA 2017



Wie muss eine Tanzausbildung aussehen, will sie den heutigen Ansprüchen an Tanz gerecht werden? Was gibt es überhaupt an Ausbildungsmöglichkeiten? Fragen, die sich jungen Menschen mit dem Berufswunsch zum Profitänzer stellen.


  • Modern-Unterricht von Philipp Taylor Foto © Maria Stella
  • Sasha Riva in”Ermione in a Black Out”, Ch: Sasha Riva, Simone Repele, Ballet du Grand Théâtre de Genève Foto © Bianco a Colori
  • Saskia de Vries, Laurin Thomas in “As I am left standing”, Ch: Cameron McMillan, Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main Foto © Bianco a Colori
  • Kyoko Ishihara, Zsolt Kovàcs in “Romeo and Juliet”, Ch: Gyula Haramgozó, Hungarian Dance Academy, Budapest Foto © Bianco a Colori
  • Hellen Boyoko, Eliott Marmouset in “The secret life of pigeons”, Ch: Caroline Finn, ArtEZ School of Dance, Arnheim (NL) Foto © Bianco a Colori
  • Guido Sarnataro in „A solo for Diego“, Ch: Richard Wherlock, Ballettschule Theater Basel Foto © Bianco a Colori
  • aia Mentoglio in ihrem Solo „Rewind“, Palucca Hochschule für Tanz Dresden Foto © Bianco a Colori

Von Patricia Stöckemann

Wie muss eine Tanzausbildung aussehen, will sie den heutigen Ansprüchen an Tanz gerecht werden? Was gibt es überhaupt an Ausbildungsmöglichkeiten zum*r Berufstänzer*in? Und wer sind die Lehrer und Leiter, in deren Hände man sich begibt, wenn man Tänzer*in werden will? Fragen, die sich jungen Menschen mit dem Berufswunsch zum Profitänzer stellen.

Mauro de Candia weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig die richtige Wahl einer Schule und guten Ausbildung ist und welche ausschlaggebende Rolle dabei die Lehrer und deren Wissen um die Kunst der Bewegung, des Tanzes und des gesamten professionellen Metiers spielen. Deshalb hat er vor Jahren ein Ausbildungsprojekt in seinem Heimatland Italien ins Leben gerufen, das Kindern und Jugendlichen (sowie ihren Eltern) auf dem Weg zum professionellen Tänzer eine Orientierung bietet, ihnen Perspektiven aufzeigt und eröffnet. Eine wichtige Initiative für sein Land, aber auch ein Gewinn für die daran Teilhabenden.

Lehrer europäischer Tanzakademien geben während des Jahres Klassen in den verschiedenen Regionen Italiens. Die Plattform CORPI IN MOSTRA in Barletta bildet dann den Abschluss in Form einer Audition. Zur Plattform kommen an einem Wochenende im März die beteiligten Leiter* bzw. Lehrer*innen der von Mauro eingeladenen und von ihm in das Projekt einbezogenen europäischen Ausbildungsinstitutionen zusammen. Sie präsentieren sich mit ihrem Profil den nach einer qualifizierten Tanzausbildung suchenden italienischen Kindern und Jugendlichen zwischen 10 und 16 Jahren, die sich in verschiedenen Klassen (von Ballett über Modern bis zu Zeitgenössisch und Improvisation) zeigen. Mitgereist sind auch die Eltern der Kinder, die sich bei der Präsentation der Institute informieren können – bei den Workshops/Klassen allerdings ausgeschlossen sind. So entsteht ein erstes sich Kennenlernen von allen Seiten und im Bestfall die Auswahl seitens einer Ausbildungsschule für eine*n Schüler*in und eines Schülers für eine Ausbildungsstätte.

Ich bin im März ein weiteres Mal nach Barletta gereist, um die 7. Ausgabe von CORPI IN MOSTRA zu erleben. Für mich ist es immer wieder spannend und aufschlussreich, zu sehen, welch unterschiedliche Ausrichtung, Profile, Konzepte die professionellen Tanzakademien vertreten und was es an Nachwuchs und Talenten zu entdecken gibt. Aber auch zu erkennen, welche Verantwortung sowohl die privaten Ballettschulen (bei der Vorausbildung) als auch die professionellen Tanzakademien (bei der Berufsausbildung) haben. Die Ausbildung prägt die jungen, angehenden Tänzer*innen nicht nur physisch, stilistisch, sondern auch geistig und in ihrem Denken in/über Bewegung.

Eigentlich, so sollte man meinen, geht es heute nicht mehr um die alte, kontrovers diskutierte Frage: Ballett oder Modern/Zeitgenössisch. Und doch bestimmt sie das Denken bei der Profilierung bzw. Schwerpunktsetzung einer Ausbildung. Wahrscheinlich ist es unumgänglich. Denn angehende Balletttänzer*innen brauchen eine andere Fokussierung als auf das Zeitgenössische konzentrierte Tänzer*innen. Aber eine professionelle Tanzausbildung, die nicht beide Richtungen im Unterrichtsprogramm vorsieht, nur mit unterschiedlicher Gewichtung – je nach Ausbildungsprofil –, gibt es kaum noch.
An Ballettakademien waren bei CORPI IN MOSTRA dabei: die Académie de Danse Princesse Grace in Monte Carlo (mit Luca Masala), die National Ballet Academy in Amsterdam (mit Jean-Yves Esquerre), die BallettSchule Theater Basel (mit Julie Wherlock), die Northern Ballet Academy in Leeds (mit Jane Tucker), die Hungarian Dance Academy in Budapest (mit György Szakály). An Ausbildungsschulen für den zeitgenössischen Tanz waren vertreten: die Tanzabteilung der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt (mit Diether Heitkamp), die Palucca Hochschule für Tanz Dresden (vertreten durch Christian Canciani), ArtEZ Dansacademie in Arnheim (vertreten durch Gemma Jelier und Philip Taylor), das Conservatorio Superior de Danza „Maria de Avila“ Madrid (vertreten durch Héctor Del Torres), die Rome International Dance Academy, Rom (mit Sara Lourenco).

Sie alle beanspruchen einen professionellen Standard. Aber dennoch haben sie unterschiedliche Perspektiven auf das, was Professionalität im Tanz ist. Das hängt, so denke ich, auch mit der Geschichte der jeweiligen Ausbildungsinstitution zusammen und der Historie der einzelnen Länder dieser Schulen. Und mit den Personen, die diese Schulen geleitet haben und leiten.
Man vergleiche beispielsweise nur die Geschichte der Académie de Danse Princesse Grace in Monte Carlo oder die der National Ballet Academy in Amsterdam mit der Hungarian Dance Academy. Das Ausbildungsprogramm ist ähnlich, aber der Geist ist ein anderer.
Das zeigte sich in der Gala der ausgewählten Ausbildungsschulen, die am ersten Abend von CORPI IN MOSTRA im Teatro Curci von Barletta stattfand. Nur ein Beispiel: Die Variation aus "Giselle" und "Schwanensee" zweier Student*innen der Hungarian Dance Academy unterschied sich von den beiden Soli in der Choreografie von Richard Wherlock und getanzt von einem Studenten der Ballettschule Theater Basel, nicht darin, dass die getanzten Partien aus unterschiedlichen Jahrhunderten stammen. Vielmehr meinte man bei den Budapester Eleven zu spüren, dass sie in einem Sinne ausgebildet werden, der noch einem früheren Verständnis von Ballett à la Waganowa angehörte. Gebremst in der Bewegung, von Pose zu Pose oder von Schritt zu Schritt sich befördernd, ohne den Atem einzubeziehen und nur aus der muskulären Kraft die Bewegung ziehend. Der Basler Student brachte dagegen eine andere Bewegungsfreiheit und Dynamik ein, einen Fluss, der spritzig, elegant oder witzig, je nach Stück daherkam.

Von den zeitgenössischen Ausbildungsschulen wirkten in der Gala Student*innen der Frankfurter Hochschule in einer Choreografie von Cameron McMillan und von ArtEZ in einem Stück von Caroline Finn mit. Hier vermittelte sich weniger der Ausbildungsansatz der jeweiligen Schule als vielmehr der Stil der jeweiligen Choreografen – von den Tänzer*innen professionell umgesetzt. Auch das ist Teil der Schulprogramme – ob in den klassischen oder zeitgenössischen Instituten – dass Choreografen mit den Student*innen Stücke erarbeiten, als Vorbereitung auf dem Weg ins Berufsleben.
Sasha Riva, bereits professioneller Tänzer besonderer Klasse beendete die Gala. Er, der im Hamburg Ballett getanzt hat und nun zum Ballett nach Genf gewechselt ist, zeigte ein eigenes Solo und beeindruckte mit seinem tänzerischen Talent und seiner starken Ausstrahlung. Ihm wurde durch Mauro de Candia der „Premio Internazionale ApuliArte 2017“ verliehen – ein Tanzpreis der Region an italienische Künstler.
Aufschlussreich war es dann, als am nächsten Tag die Leiter/Vertreter der beiden Institutionen – Diether Heitkamp und Paul Taylor selbst - Klassen in Improvisation bzw. Modern für die Jugendlichen gaben, die am Abend vorher die Gala besucht hatten. In der Gala konnten sie quasi einen Blick in die Zukunft werfen. Im Workshop erlebten sie Heitkamp und Taylor als Lehrende. Heitkamp schaffte es in seiner klar strukturierten Improvisationsstunde, das Bewusstsein der Schüler*innen für den Körper und Raum wachzurufen, Technik zu vermitteln und die Jugendlichen zugleich in Bewegung zu bringen und zu öffnen. Trotz schwieriger, auch mental herausfordernder Aufgaben. Paul Taylor gab eine Klasse in Modern-Technik, ganz klassisch und in wunderbar altmodischem Sinne.

Bei CORPI IN MOSTRA treffen alle Richtungen und Stile, divergierende Denkweisen über Tanz und Ausbildung aufeinander, reiben sich aneinander, werden miteinander konfrontiert. Das regt zum Nachdenken über das eigene Tun und eine heutige Tanzausbildung an und wirft auch die Frage auf, für welchen „Markt“ man ausbildet und mit welchen Zielen. In dem Podiumsgespräch, das die italienische Journalistin Maria Luisa Buzzi von Danza & Danza mit den Leitern*innen/Vertreter*innen aller beteiligten Ausbildungsinstitute führte, wurden diese Fragen gestellt. Überzeugende Antworten darauf gab es noch wenige. Aber CORPI IN MOSTRA läuft ja weiter, wird weiter Fragen stellen und Menschen dieser Profession zusammenbringen. Denn eines ist gewiss: Der Lern- und Denkprozess liegt nicht nur auf der Seite der zukünftigen Tanzstudent*innen, von denen einige bei CORPI IN MOSTRA das Glück hatten, in eine der Akademien aufgenommen zu werden. Der Lernprozess liegt auch bei denen, die die Verantwortung für die Ausbildung und damit die Zukunft des Tanzes tragen. Ich freue mich auf nächstes Jahr in Barletta.

Veröffentlicht am 11.04.2017, von Gastbeitrag in Homepage, Blogs, Tanz im Text

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Kommentare zu "Zukunft des Tanzes"



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