HOMEPAGE



Hamburg

GLANZVOLLE STIMME, LANGWEILIGE CHOREOGRAFIE

Der Liederabend „Love“ von Simone Kermes in der Elbphilharmonie



Die Sopranistin Simone Kermes kombinierte Arien über die Liebe mit Tanz. Eine schöne Idee, die choreografisch aber nicht überzeugte.


  • "Love", ein Abend von und mit Simone Kermes; Choreografie Torsten Händler Foto © Claudia Höhne

Es klang verheißungsvoll: Die Sopranistin Simone Kermes, bekannt für ihre atemberaubenden Koloraturen und ungewöhnliche künstlerische Einfälle, kommt mit kleinem Ensemble und zwei Tänzern in den großen Saal der Elbphilharmonie. „Love“ heißt das Programm (und gleichnamige Album) mit Arien und Liedern aus Renaissance und Barock rund um Höhen und Tiefen, Glück und Leid einer liebenden Frau. Ihr zur Seite das Kammerorchester „La Magnifica Comunità“, das auf historischen Instrumenten (Streicher, Cembalo, Schlagwerk, Laute) spielt und auf italienische Musik spezialisiert ist.

Und natürlich war die Sangeskunst der Kermes über jeden Zweifel erhaben. Ob Claudio Monteverdi oder Henry Purcell, Antonio Vivaldi, John Dowland oder weniger bekannte Komponisten aus dieser Zeit – sie lotete alle Nuancen der mal heiteren, mal schwermütigen, mal kämpferischen, mal resignativen Stücke bis in jeden Winkel hinein aus. Überzeugend nicht nur dann, wenn sie die Koloraturen souverän aus ihrer Kehle perlen ließ und auch noch die aberwitzigsten Sprünge bravourös meisterte, sondern vor allem auch in den leisen, zarten Tönen. Der große Saal der Elbphilharmonie machte dabei seinem guten Ruf hinsichtlich der Akustik alle Ehre – selbst die Laute war ohne jede elektronische Unterstützung exzellent zu vernehmen.

Als Verstärkung der gesanglichen und musikalischen Aussage hatte Simone Kermes zwei 18- und 19-jährige Tänzer engagiert: Ludovico Tambara und Tommaso Marchignoli, beide Italiener, beide Zöglinge der Staatlichen Ballettschule Berlin, der eine wie der andere sowohl tänzerisch wie technisch erkennbar gut ausgebildet. Das Problem war nur, dass Torsten Händler, der viele Kreationen für das Ballett Chemnitz und andere namhafte Bühnen geschaffen hat und seit 2015 freiberuflich arbeitet, ihnen eine durch und durch langweilige Choreografie und Inszenierung verordnet hatte. Sie mussten die Kermes mal auf dem Boden kriechend umrunden, mal sich ihr zu Füßen legen, mal sie hüpfend und Beine schwingend umkreiseln oder andere recht gewollt erscheinende, oft hölzern-eckige Bewegungen ausführen. Ein goldenes großes Tuch diente mal als Vorhang, mal als Mantel oder Teppich oder – zur Kordel gedreht – als Fessel, erschien vorwiegend aber schlicht als überflüssig und hinderlich. Das passte weder zum Gesang der Kermes noch zum Inhalt der Lieder und Arien. Bewegung und Musik kamen nur selten so zusammen, dass sich wirklich etwas Neues, Drittes ergab. Und so wurde leider nicht das erreicht, was Simone Kermes eigentlich wollte: mehr Tiefe. Im Gegenteil: Der Tanz erschien häufig sogar eher störend.

Auch die Kostüme von Johanna Henze waren gewöhnungsbedürftig: die Jungs waren bis zur Pause in gülden-blaue Kniebund-Pluderhosen gehüllt, dazu transparente, in die Hosen gesteckte Hemden. In Teil 2 waren die Pluderhosen dann durch lange blaue Hosen ersetzt, während die Hemden diesmal über den Hosen getragen wurden. Die Kermes – für diesen Abend mit platinblonden Kringellocken anstatt der roten Mähne – erschien mal im Brokatreifrock, mal in schwarzem Ballonrockkleid mit schräger Schuhkreation (bewundernswert, dass sie darauf laufen konnte), in Teil 2 dann in königsblauer Barockrobe mit golden abgefütterten Tütenärmeln. Eine ziemlich überflüssige Kostümierung, die nicht wirklich Sinn ergab.

Erst in den Zugaben wurde deutlich, was für eine ‚Rampensau’ die Kermes sein kann. Die erste, eine halsbrecherisch schwierige Arie aus dem Repertoire des Kastratensängers Farinelli, erlaubte ihr, alle Register zu ziehen und das gesamte Rund des großen Saales mit glitzernden Koloraturen zu füllen. Schon da frisst ihr das Publikum aus der Hand und kommt langsam aus der Reserve. Erst recht aber, als sie fragt: „Habt Ihr noch Lust?“ und „Was wollt Ihr hören? Was Deutsches?“ Als die Antwort „Bach“ aus den ersten Reihen kommt, dreht sie sich um und spricht mit den Musikern. Und dann schält sich aus den ersten hohen Tönen ganz langsam eine Melodie, die in Deutschland wohl kaum jemand nicht kennt, und für Sekundenbruchteile stockt allen der Atem – das kann doch nicht sein??? Doch, es ist unverkennbar: Helene Fischers „Atemlos“ als Koloraturarie ... Ein Gag, der das Publikum endgültig zu Beifallsstürmen hinreißt. Schlagfertig die Antwort der Kermes auf die Frage nach dem nächsten Wunsch, bei dem ihr natürlich auch „Königin der Nacht“ zugerufen wird. „Wieso?“, fragt sie da, „die hab ich doch gerade gesungen ...“

Aus aktuellem Anlass dann die letzte Zugabe, ein Lied für den Frieden: „Sag mir, wo die Blumen sind“, der Antikriegs-Song, dem schon Marlene Dietrich und Joan Baez zu weltweitem Ruhm verholfen haben. Und tatsächlich singt der ganze Saal vernehmbar mit – nicht alle, aber viele folgen der Aufforderung der Kermes, sich dabei an den Händen zu fassen. Nicht erst da ist klar: Auf die tänzerischen Einlagen sollte Simone Kermes künftig besser verzichten. Oder sich einen anderen Choreografen dafür engagieren.

Veröffentlicht am 13.04.2017, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2016/17

Dieser Artikel wurde 509 mal angesehen.



Kommentare zu "Glanzvolle Stimme, langweilige Choreografie "



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    EINMAL UM DIE WELT ZUM GLÜCK NEBENAN

    Mit „Cinderella“ erobert das Ballett des Theaters Plauen-Zwickau das Publikum im Sturm

    Veröffentlicht am 15.03.2010, von Boris Michael Gruhl


    LEBENSTANZ VOLLER MELANCHOLIE UND DRAMATIK

    Torsten Händlers Choreografie "love.song.letters" in Zwickau - Ein Schumann-Abend der besonderen Art

    Artikel aus Freie Presse vom 08.06.2010


    JODELRAP UND ELFENTANZ

    Mit dem „Sommernachtstraum“ verabschieden sich Absolventen der Staatlichen Ballettschule Berlin

    Veröffentlicht am 15.06.2010, von Volkmar Draeger


     

    LEUTE AKTUELL


    BOTSCHAFTER DES TANZTHEATERS

    Der Schweizer Choreograf Gregor Zöllig spricht mit Kirsten Pötzke über seine Wurzeln, die Begeisterung für den Tanz und die Arbeit mit Profis und Laien
    Veröffentlicht am 20.04.2017, von Kirsten Poetzke


    EINE JUNGE KOMPANIE FÜR BERLIN

    Marion Heinrich im Gespräch mit den Intendanten des „Landesjugendballetts Berlin“
    Veröffentlicht am 31.03.2017, von Gastautor


    IN MEMORIAM 'OE'

    Pick erinnert sich zum 90. Geburtstag des Tanzkritikers Horst Koegler
    Veröffentlicht am 21.03.2017, von Günter Pick



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    APROPOS LIEBE - URAUFFÜHRUNG VON MARTIN CHAIX

    Premiere am Mittwoch, den 30. November 2016 um 19.30 Uhr im E-Werk des Mecklenburgischen Staatstheaters

    Woher kommt die Liebe in unserer Gesellschaft? Was bedeutet Liebe heutzutage? Das Ballett „Apropos Liebe“ von Martin Chaix führt ein Panorama der Liebe vor und (ver)führt das Publikum zu einer Reise der Seele hin zur innersten Wahrheit.

    Veröffentlicht am 02.12.2016, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    WIE TANZT MAN REFORMATION?

    Das Bundesjugendballett wagt mit "Gipfeltreffen - Reformation" einen Versuch
    Veröffentlicht am 15.01.2017, von Andreas Berger


    STANDING OVATIONS

    Pick bloggt über die Gastspielreise des Bundesjugendballetts und -orchesters
    Veröffentlicht am 16.01.2017, von Günter Pick

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    EIN GENIE DES BALLETTS WIRD TATSÄCHLICH SCHON 80 JAHRE ALT

    Pick bloggt zum 80. Geburtstag von Marcia Haydée

    Veröffentlicht am 12.04.2017, von Günter Pick


    GROßARTIGES BALLETTEPOS

    Nacho Duatos „Erde“ und Hofesh Shechters „The Art of Not Looking Back“ in einem Doppelabend am Staatsballett Berlin

    Veröffentlicht am 23.04.2017, von Gastautor


    TRÄUME AUS EINER FREMDEN WELT

    Das Tokyo Ballet gastiert in Stuttgart mit Natalia Makarovas berühmter „La Bayadère"

    Veröffentlicht am 20.04.2017, von Vesna Mlakar


    HELLMUTH MATIASEK FEIERT HEUTE SEINEN 85.GEBURTSTAG

    Pick bloggt über seinen langjährigen Intendanten Hellmuth Matiasek und reist in Gedanken von Rosenheim bis nach Japan

    Veröffentlicht am 15.05.2016, von Günter Pick


    BOTSCHAFTER DES TANZTHEATERS

    Der Schweizer Choreograf Gregor Zöllig spricht mit Kirsten Pötzke über seine Wurzeln, die Begeisterung für den Tanz und die Arbeit mit Profis und Laien

    Veröffentlicht am 20.04.2017, von Kirsten Poetzke



    BEI UNS IM SHOP