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Stuttgart

TRÄUME AUS EINER FREMDEN WELT

Das Tokyo Ballet gastiert in Stuttgart mit Natalia Makarovas berühmter „La Bayadère"



Die hochkonzentriert-dramatisch wirkende Art der Darstellung und weniger ins Epaulement gehende Tanzweise der Gäste aus Japan sorgte für Begeisterung.


  • "La Bayadère" von Natalia Makarova Foto © Ulrich Beuttenmüller
  • "La Bayadère" von Natalia Makarova; Mizuka Ueno und Dan Tsukamoto Foto © Ulrich Beuttenmüller
  • "La Bayadère" von Natalia Makarova; Akimi Denda Foto © Ulrich Beuttenmüller
  • "La Bayadère" von Natalia Makarova; Misuka Ueno und Dan Tsukamoto Foto © Ulrich Beuttenmüller

Kaum zu glauben, dass dieses Ballett noch nie in der so tanzaffinen Landeshauptstadt von Baden-Württemberg zu sehen war: „La Bayadère“ – 1877 von Marius Petipa in St. Petersburg uraufgeführt. Während in München Staatsballettgründerin Konstanze Vernon 1998 eine Neufassung des exotischen Stücks in Auftrag gab, die der japanische Künstler Tomio Mohri opulent ausstattete, machten in Stuttgart die Kompaniechefs John Cranko, Glen Tetley, Marcia Haydée und Reid Anderson einen Bogen um den wegen seines Schattenakts so legendären Abendfüller.

Mit der deutschen Erstaufführung in der Choreografie des Franzosen Patrice Bart endete seinerzeit die Ära von Konstanze Vernon beim Bayerischen Staatsballett. Bis auf das Bild des Schattenreichs, das man in Europa immer mal wieder separat zeigte, war das Werk bis dahin nur in Russland bekannt. Dort hatten Ballettmeister wie Alexander Gorski, Agrippina Waganowa, Wachtang Tschabukiani oder Wladimir Ponomarjew Petipas Version wiederholt überarbeitet. So wurde 1948 beim Kirov-Ballett das berühmte Solo des „Goldenen Idols“ in den Handlungsablauf integriert. Eine kurze, intensive Partie, die enorme Auftrittspräsenz eines Tänzers ganz in Gold verlangt. Mit hohen, weiten Sprüngen nimmt dieser die Bühne weitgehend ein, wobei Arme und Hände Posen des indischen Tempeltanzes beibehalten.

Anlässlich der drei fast völlig ausverkauften Gastvorstellungen des Tokyo Ballets wurden Arata Miyagawa (7., 9. 4.; der ehemalige Absolvent der Cranko-Schule bot beim Signieren der Programme in der Pause die Möglichkeit für eine persönliche Begegnung) sowie in der am 8. April besuchten zweiten Vorstellung Iori Nittono verdientermaßen heftig beklatscht. Choreografisch ungewöhnlich: Während des Solos, das unmittelbar auf die zweite Pause folgt, ist (abgesehen von der riesigen Buddha-Statue im Hintergrund) niemand anwesend. Alle Aufmerksamkeit richtet sich ausschließlich auf den Interpreten – anders als in München, wo diesen die Hof- und Priestergesellschaft umringt. Iori Nittono, der tags zuvor Madgawaja, den wilden, impulsiven Anführer der Fakire verkörpert hatte, präsentierte kraftstrotzend ein symbolisch starkes Goldenes Idol – mit durchweg exzellenter Körperbeherrschung.

Die erste vollständige „La Bayadère“-Aufführung im Westen fand 1980 in New York statt. Später wurde Natalia Makarovas inhaltlich sehr klar gestrickte, überzeugende Inszenierung für das American Ballet Theatre mitsamt der märchenhaft-monumentalen Ausstattung von Pier Luigi Samaritani von zahlreichen Kompanien übernommen. So auch vom Tokyo Ballett – Japans fabelhaft aufeinander eingestimmter, in den Ensembleszenen unglaublich exakt und unisono auftretender Kompanie.

Besonders im Königreich der Schatten, als 24 Ballerinen nacheinander in einer geradezu hypnotisierenden Kette sich permanent wiederholender Schrittmuster und endloser Arabesques eine Rampe hinab und über die Bühne schreiten, beeindruckte die hohe Stilsicherheit. Das Corps der japanischen Tänzerinnen zelebrierte den weißen Akt in technisch-musikalischer Perfektion. Betörend wie das Opium, das Yasuomi Akimoto als Solor raucht, um sich in das Reich seiner mittels einer Giftschlange ermordeten Geliebten zu halluzinieren.

Der Nikija verlieh Mamiko Kawashima in exquisit-zarter Manier mit weichen, grazilen Armen eindrücklich Kontur. Alternierend mit Primaballerina Mizuka Ueno (7., 9.4.) ließ sie das Publikum an ihrer geheimen Liebe zu Solor teilhaben, verweigerte sich entschlossen den Annährungen des Großbrahmanen (Mao Morikawa) und demonstrierte im Zusammentreffen mit Gamsatti, der Tochter des Radschas (Kazuo Kimura), erst Demut, dann mörderische Wut. Akimi Denda ihrerseits (alternierend mit Haruka Nara) war eine Rivalin von herber Schönheit und entschiedener Akzentsetzung in Gestik und Sprüngen, die sich nichts gefallen und schon gar nicht den Ehemann wegschnappen ließ.

Gleichzeitig überraschte (im Vergleich mit hiesigen Kompanien) eine durchaus eigene, hochkonzentriert-dramatische, verhaltener wirkende Art der Darstellung und weniger ins Epaulement gehende Tanzweise. Mit ihren gestochen scharfen Solovariationen fielen Akira Akiyama, Yurika Mikumo und Kanako Nihei als Bajaderen positiv auf. Dendas Gamsatti hatte es neben Kawashimas liebreizender, leichtfüßiger und biegsamer Nikija nicht leicht, tanzte sich dann aber im dritten Akt mit ihrem brillant dargebotenen Brautsolo an der Seite des stets aufmerksamen Partners Yasuomi Akimoto in die Herzen der Zuschauer.

Akimoto verkörperte mit viel Akkuratesse, schöner athletischer Linie und ergiebiger Sprung- und Drehfreude den Solor und damit einen zwischen zwei Frauen hin- und hergerissenen Mann. Seine Emotionen spielte er gemäß den choreografischen Vorgaben mimisch deutlich und ohne heftigere Gefühlsentladungen aus – passend kontrolliert zu der ins buddhistische Indien verlegten Dreiecksgeschichte. Eine Eigenheit, die die saubere Interpretation der Tokioter sogar in den Pas de deux auszeichnet.

Mit der unter Cranko zu Weltruhm avancierten Stuttgarter Truppe ist das Ensemble dank häufiger gegenseitiger Gastspiele eng verbunden. Seit ihrem ersten Besuch 1973 gastierte das Tokyo Ballet nun bereits zum neunten Mal im Südwesten Deutschlands. Zuletzt hatten die Japaner 2014 Maurice Béjarts „The Kabuki“ mitgebracht: eine Geschichte aus dem Japan der Edo-Zeit, eigens für das Tokyo Ballet choreografiert. Dan Tsukamoto (die Erstbesetzung für Solor am 7.,9.4.) begeisterte damals in der Rolle des Yuranosuke mit einer formvollendeten Symbiose aus europäisch-klassischen und historisierend-japanischen Stilelementen. In „La Bayadère“ wurde nicht minder hinreißend die Kunstfertigkeit, im russisch tradierten, klassischen Genre zu reüssieren, bravourös unter Beweis gestellt. Yolanda Sonnabends überaus prächtig-ornamentierte Kostüme voller funkelnder Details und satter Farbkombinationen taten ein Übriges. Am besten kamen sie bei den Nummern der Gruppen und Solisten im dritten Bild des ersten Akts zur Geltung, wenn Gamsatti und Solor Verlobung feiern.

Wesentliche Merkmale von Makarovas Adaption sind ihre dramaturgischen Straffungen und die Wiederherstellung des Schlussakts. Dort kann sich Solor (die tote Nikija vor Augen) nicht zur Heirat mit Gamsatti durchringen. Alle werden von den erzürnten Göttern unter den berstenden Steinen des Tempels begraben. Nicht zu vergessen: das neue Arrangement der Musik von Léon Minkus durch John Lanchbery. Da das Staatsorchester Stuttgart aufgrund von Konzertvorbereitungen nicht verfügbar war, sprang die Württembergische Philharmonie Reutlingen unter kundiger, feinfühliger und schön-zügiger Leitung des balletterfahrenen Dirigenten Valery Ovsyanikov ein.

Das Stuttgarter Publikum würdigte die Gesamtleistung der romantischen Produktion aus Fernost mit anerkennend langem Schlussapplaus. Mit Hilfe von Projektionen gelang ein visuell überwältigendes Finale. Den Interpreten des Tokyo Ballets wurde mit zufriedenen Ovationen für ihre perfekt einstudierte, sehenswerte Erstpräsentation der „Bayadère“ gedankt.

Veröffentlicht am 20.04.2017, von Vesna Mlakar in Homepage, Kritiken 2016/17

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