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Braunschweig

BOTSCHAFTER DES TANZTHEATERS

Der Schweizer Choreograf Gregor Zöllig spricht mit Kirsten Pötzke über seine Wurzeln, die Begeisterung für den Tanz und die Arbeit mit Profis und Laien



"Ich sehe mich als Botschafter des zeitgenössischen Tanzes und möchte beim Publikum die Leidenschaft für den Tanz entfachen."


  • "Speedless" von Gregor Zöllig Foto © Lioba Schöneck
  • "Speedless" von Gregor Zöllig Foto © Lioba Schöneck
  • Gregor Zöllig Foto © Volker Beinhorn
  • "Ein Deutsches Requiem" von Gregor Zöllig; Wessel Oostrum Foto © Ursula Kaufmann
  • "Ein Deutsches Requiem" von Gregor Zöllig; Pauline de Laet Foto © Ursula Kaufmann
  • "Ein Deutsches Requiem" von Gregor Zöllig; Brandon Feeney Foto © Ursula Kaufmann
  • "Dein Herz ist meine Heimat" von Gregor Zöllig; Alice Baccile und Ensemble Foto © Ursula Kaufmann
  • "Dein Herz ist meine Heimat" von Gregor Zöllig; Yuri Fortini Foto © Ursula Kaufmann
  • "Dein Herz ist meine Heimat" von Gregor Zöllig; Alice Baccile und Yuri Fortini Foto © Ursula Kaufmann

Gregor Zöllig absolvierte seine Tänzerausbildung an der Folkwang Universität der Künste, Essen und studierte anschließend zwei Jahre an der Ballettakademie der Stuttgarter John-Cranko-Schule. Schon als Solist an den Theatern in Aachen und Münster engagierte er sich als Choreograf. 1996 war er Preisträger beim Internationalen Choreografen-Wettbewerb in Hannover und schuf Gastchoreografien - unter anderem für die Ensembles der Staatstheater Schwerin und Nürnberg. 1997 wurde Zöllig Leiter des Tanztheaters Osnabrück, 2005 wechselte er nach Bielefeld und brachte das moderne Tanztheater nach Ostwestfalen. Zur Spielzeit 2015/2016 übernahm Zöllig die Tanzsparte am Staatstheater Braunschweig. Seine erfolgreichen Konzepte zur Tanzvermittlung setzt er auch an seiner neuen Wirkungsstätte mit Elan um.

Herr Zöllig, Sie arbeiten jetzt die zweite Spielzeit als Tanzchef am Staatstheater Braunschweig. Sind Sie angekommen?

Ich habe mich immer schnell auf den Ort eingelassen, in dem ich gearbeitet habe, denn nur so fängt man an sich zu verwurzeln. Es ist wichtig für mich, mit ganzem Herzen für das Theater und die Stadt einzutreten, in der ich arbeite, zu schauen, wie ich die Leute für den Tanz begeistern kann.

Ihre Stationen als fest angestelltes Theatermitglied heißen Osnabrück, Bielefeld und Braunschweig. Haben Sie ein Faible für die Provinz?

Provinz existiert doch nur in den Köpfen. Ich versuche daran mitzuwirken, das Theater zur künstlerischen Heimat für die Bewohner des Ortes zu machen, in dem ich gerade arbeite. Dabei hatte ich das Glück, in allen drei Städten die Tanzsparte neu aufzustellen und ihr ein künstlerisch unverwechselbares Profil geben zu dürfen.

Gilt das nicht eher für Osnabrück und Bielefeld? Ihr direkter Vorgänger in Braunschweig, Jan Pusch, hat doch bereits den Boden für das moderne Tanztheater bereitet oder nicht?

Das stimmt. In Bielefeld musste ich tatsächlich ganz neu anfangen, dort war zeitgenössischer Tanz am Theater noch nicht etabliert. In Braunschweig hatte das Publikum zwar schon Kontakt zum Tanztheater, aber viele Zuschauer konnten damit nichts anfangen. Deshalb arbeite ich auch hier daran, den Menschen zu vermitteln, was zeitgenössischer Tanz eigentlich bedeutet. Herzstück des Konzeptes ist „tanzwärts“, ein Tanzprojekt mit Laien. Unter dem Namen „Zeitsprung“ habe ich dieses Modell bereits in Bielefeld umgesetzt.

Sie binden Ihre Tänzer in die Laientanzprojekte ein und leisten sich eine eigene Tanzvermittlerin. Warum so viel Engagement für Menschen, die doch vor allem als Zuschauer im Theater sitzen sollten?

Ich sehe mich als Botschafter des zeitgenössischen Tanzes und möchte beim Publikum die Leidenschaft für den Tanz entfachen. Indem ich mit Laien zwischen acht und 80 Jahren möglichst anspruchsvolle Choreografien erarbeite, die anschließend auf der Theaterbühne aufgeführt werden, kann ich den Menschen zeigen, was es bedeutet, ein Tänzer zu sein und welche Prozesse nötig sind, um eine Choreografie umzusetzen. Sie sollen Spaß haben, müssen aber auch Disziplin, Durchhaltevermögen und Bühnenpräsenz zeigen. Die Teilnehmer lernen meine Kompanie hautnah kennen, aber auch den gesamten Mikrokosmos Staatstheater mit allem, was auf, vor und hinter der Bühne geschieht. So machen wir aus passiven Zuschauern aktive Tanzenthusiasten. Das spiegelt sich auch in den Reaktionen bei den Vorführungen. Da kommt dann einfach mehr rüber.

Und die Tanzvermittlerin erklärt den Zöllig-Stil?

Nein, das ist nicht die didaktische Arbeit einer Tanzpädagogin. Wir streben einen Dialog an. Die Tanzvermittlerin ist zunächst für drei Jahre mit einer vollen Stelle am Theater beschäftigt und koordiniert die Projekte, was sehr aufwendig ist. Zusätzlich gibt sie viele Workshops für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, um diese mit dem zeitgenössischen Tanz vertraut zu machen.

Rechtfertigt das Resultat den zeitlichen und finanziellen Aufwand?

Auf jeden Fall. Die Rückmeldung der Teilnehmer zeigt uns, dass wir mit dieser Arbeit eine Lawine von Tanzfreude auslösen. Mit der Universität Bielefeld haben wir das Projekt in Ostwestfalen evaluiert. Natürlich können wir nicht sagen, ob wir dadurch die Zuschauer dauerhaft an das Theater binden. Aber unsere Anmeldungsquote spricht Bände. Das war schon in Bielefeld so. Schulen, mit denen wir zusammenarbeiten, geben uns Rückmeldung, dass die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen entscheidend den Zusammenhalt der Schüler stärkt und ihre soziale Kompetenz fördert. Und ich finde es wichtig, etwas zurückzugeben. Wir genießen am Staatstheater das große Privileg, unsere künstlerische Arbeit verwirklichen zu dürfen – mit Geld von Stadt und Land, also aus Steuermitteln. Deshalb haben wir aus meiner Sicht auch eine Verantwortung, Kunst für die Stadt und die Menschen hier zu machen.

Das heißt, modernes Tanztheater, keine Klassik?

Ich bin durchaus ein Liebhaber des klassischen Balletts, aber das ist nicht meine Sprache. Mir ist es wichtig, Menschen auf der Bühne zu sehen, keine Dressurpferdchen. Für den Anfang habe ich daher ganz bewusst eine Folkwang-Note gesetzt. Bewegungen müssen eine Bedeutung haben und dürfen auch gern durch das gesprochene Wort ergänzt werden. Ich lade außerdem internationale Choreografen ein, um die unterschiedlichen choreografischen Handschriften vorzustellen.

Sie wurden in Bielefeld sehr gefeiert, warum sind Sie gegangen?

Irgendwann muss man wechseln und neue Herausforderungen annehmen, um künstlerisch nicht auf der Stelle zu treten. Aber in jedem Stück, das ich bislang in Braunschweig aufgeführt habe, sitzen auch immer Zuschauer aus Ostwestfalen. Darüber freue ich mich sehr und bin natürlich auch stolz darauf.

Was ist besser in Braunschweig?

In Bielefeld hatte ich zehn Tänzer. In Braunschweig darf ich mit einer 16-köpfigen Kompanie arbeiten. Von den neuen zusätzlichen Kräften stammen übrigens drei aus dem Ensemble meines Vorgängers Jan Pusch. Auch die Movimentos-Akademie habe ich ja sozusagen von ihm geerbt. Solche Projekte machen mir Spaß, wenn ich eine Choreografie in der Arbeit mit den Tänzern – ob Laien oder Profis – entwickeln darf. Mein Ensemble ist auch immer an meiner Arbeit beteiligt. Daher brauche ich ganz bestimmte Tänzer, die daran mitarbeiten können und möchten. Es ist eine Art Liebesbeziehung.

Das klingt zufrieden. Bleiben noch Wünsche offen?

Bessere Bedingungen für die Trainings- und Probenarbeit. Mein großer Wunsch ist es, in Braunschweig ein neues Probenzentrum für den Tanz aufzubauen. Zur nächsten Spielzeit wechselt am Staatstheater die Intendanz. Ich arbeite daran.

Veröffentlicht am 20.04.2017, von Kirsten Poetzke in Homepage, Leute

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