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Bern

BIS INS LETZTE DETAIL DURCHDACHT

„Le Corbusier“ von Yu-Min Yang in Bern uraufgeführt



Als Gewinner des Jurypreises der Tanzplattform Bern 2016 erhielt Yu-Min Yang die Möglichkeit ein neues Stück zu kreieren. Mit „Le Corbusier“ ist ihm ein tänzerisch wie architektonisch spannender Abend gelungen.


  • "Le Corbusier" von Yu-Min Yang Foto © Philipp Zinniker
  • "Le Corbusier" von Yu-Min Yang Foto © Philipp Zinniker
  • "Le Corbusier" von Yu-Min Yang Foto © Philipp Zinniker
  • "Le Corbusier" von Yu-Min Yang Foto © Philipp Zinniker
  • "Le Corbusier" von Yu-Min Yang Foto © Philipp Zinniker

Schon im Foyer wird man mit gestapelten Stühlen und Tischen auf das Thema dieses Tanzabends eingestimmt: Le Corbusier, Architekt, Architekturtheoretiker, Designer, aber auch Maler und Dichter. Genauso bewundert wie umstritten sind seine stahlbetongeprägten Ideen einer neuen Gesellschaft. Doch nicht etwa seine heute zum Teil zum UNESCO-Kulturerbe zählenden Bauten wie zum Beispiel die Chapelle Notre Dame du Haut in Ronchamp, das Corbusierhaus in Berlin oder die Bauten in der Weißenhofsiedlung in Stuttgart stehen im Zentrum des neuen Werks des taiwanesischen Choreografen Yu-Min Yang. Vielmehr versucht Yang sich über die in dem Architekturgedicht „Le poème de l’angle droit“ verewigten künstlerischen Arbeiten Corbusiers ein Bild von dem Menschen Charles-Édouard Jeanneret zu machen. Und dabei gelingt es ihm auf wunderbar selbstverständliche Weise Menschliches und Architektonisches, Starres und Bewegtes zu verbinden.

Die Bühne (Till Kuhnert) ist nach Corbusiers Prinzipien des ‚Modular’, einer neuen, an menschlichen Proportionen orientierten Interpretation des Goldenen Schnitts gestaltet und mit konstruktivistischen Eisenkonstruktionen versehen. In diesem fest installierten Raum, der gleichzeitig begrenzt und doch offen erscheint, entstehen durch eine ausgeklügelte Lichtgestaltung von Hanspeter Liechti und das Videodesign von Ray Sun Ruey-Horng immer wieder neue Formationen, die mindestens genauso viel erzählen wie der Tanz. Die Bewegungssprache von Yu-Min Yang ist wie der Raum unaufgeregt ausgeglichen. Äußerst ausdifferenziert sind die einzelnen Bewegungen, die vom gesamten Ensemble mit einer so selbstverständlichen Präzision ausgeführt werden, die gute TänzerInnen erkennen lässt.

Am Beginn schmiegt sich ein nackter Mann an eine Wand – ob Beton oder Stein ist nicht ganz auszumachen – langsam, sinnlich tritt er in Beziehung zu dem Material. Das Spiel seiner Rückenmuskeln steht in einem starken Kontrast zu dem Grau der unbeweglichen Masse. Und doch entsteht eine Verbindung zwischen menschlicher und materieller Sinnlichkeit, die sich durch das gesamte Stück zieht. Die TänzerInnen treffen sich immer wieder in der Gruppe, finden sich zu Paaren zusammen. Ein Großteil der Bewegungen entsteht im Miteinander – und doch bauen sich hier keine Beziehungen auf, tritt nichts Emotionales in dieses Formenspiel. So entsteht eine Kontinuität, die sich auch in der trotz Geschwindigkeitswechseln stabilen Dynamik spiegelt, und Zeitlosigkeit erleben lässt.

Über dieses menschliche Formenspiel legt der Komponist Philipp Eltz eine imposante elektronische Klangwelt, die zwischen plätscherndem Wasser, rauschendem Wind und technischen Geräuschen changiert. Auch hier vermischen sich Natur und Technik, Menschliches und Abstraktes, verschwimmen Grenzen, werden Räume geöffnet.

Yu-Min Yang schafft in „Le Corbusier“ eine Begegnung zwischen dem Menschlichen der Materie und dem Materiellen des Menschen. Verbunden wird beides über ihre Sinnlichkeit. So entsteht ein bewegungstechnisch spannender und in seiner Gesamtgestaltung so anregender wie wohltuender Tanzabend.

Veröffentlicht am 23.04.2017, von Anja K. Arend in Homepage, Kritiken 2016/17

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