HOMEPAGE



Köln

FANTASIE MIT TIEFSINN

Pick bloggt über „Die Metabolisten – Stoff wechseln“ von Silke Z. resistdance in der Alten Feuerwache in Köln



15 Performer zwischen 19 und 62 Jahren begegnen sich und verhandeln in tänzerischen Dialogen ihre jeweiligen körperlichen Möglichkeiten. Auf der Bühne lesen und selektieren sie die Bewegungen der anderen und übertragen sie entsprechend ihren innewohnenden Erfahrungen zu eigenen, neuen Bewegungsabläufen.


  • "Die Metabolisten - Stoff wechseln" von Silke Z resistdance Foto © MEYER ORIGINALS
  • "Die Metabolisten - Stoff wechseln" von Silke Z resistdance Foto © MEYER ORIGINALS
  • "Die Metabolisten - Stoff wechseln" von Silke Z resistdance Foto © MEYER ORIGINALS
  • "Die Metabolisten - Stoff wechseln" von Silke Z resistdance Foto © MEYER ORIGINALS
  • "Die Metabolisten - Stoff wechseln" von Silke Z resistdance Foto © MEYER ORIGINALS

Warum manche, so wie ich, erst ins Lexikon schauen müssen, um zu wissen, was Silke Z. uns auf der Bühne präsentieren wird, erschließt sich mir wie bei vielen zeitgenössischen Produktionen mal wieder nicht, aber ihr neustes Stück „Die Metabolisten – Stoff wechseln“ hat mir trotzdem viel Spaß gemacht. Und ich gestehe, wenn ich die tiefschürfenden Gedanken vorher gelesen hätte, wäre ich wahrscheinlich zu Hause geblieben, was schade gewesen wäre. So war ich nicht ‚vorbelastet’ sondern freute mich auf einen zeitgenössischen Abend mit Tanz und dem wurde sie mehr als gerecht. Und um es gleich vorweg zu sagen, ich war auch höchst angetan von der musikalischen Seite dieses Abends (André Zimmermann). Denn der Mann am Klavier, sorry am Mischpult, hat es wirklich drauf. Er trifft den richtigen Ton zur rechten Zeit - mit Rhythmus und allem, was das Herz begehrt. Er kann wahrhaft mit Lautsprechern zaubern. Das wird er vielleicht nicht gerne hören, denn es steckt mit Sicherheit viel Arbeit und Einfühlung dahinter. Zimmermann zaubert aus seinem Technikgehäuse nicht etwa das immer gleiche ‚Poppige’ aus dem Radio oder Töne, die man täglich in der U-Bahn hören kann, sondern macht Musik, die man so noch nie gehört hat, die aber ganz und gar nicht verstört.

Wenn das Publikum in der Alten Feuerwache Platz genommen hat und es dunkel geworden ist, dauert es, bis wir erkennen, wer oder was sich da auf allen Vieren langsam, sehr langsam und mit zitternder Hand vorwärts bewegt. Eine solche Hand fiel mir bald auf und sie gehört zu einem Portugiesen, Abine Leao Ka. Es dauerte noch ziemlich lange, bis das Licht voll da war und man alle Performer gut erkennen konnte, weil sie wieder eine menschliche Fortbewegung bei aufrechtem Gang praktizierten. Meist waren sie paarweise angeordnet, aber es gab auch eine Dreierkonstellation und sehr zum Ärger der CSU auch zwei desselben Geschlechts beieinander ohne, dass man gleich vermuten müsste, dass sie heiraten wollen. Schließlich nahmen sie Aufstellung um das Karree der Bühne und nacheinander kam es zu kleinen solistischen Einlagen, wie zum Beispiel von Malina Hoffmann mit schöner Ausstrahlung oder von einem jungen Mann, der mir auffiel, da ich ihn, wie sich herausstellte, schon in „The Boy who cried Wolf“ mit akrobatischem Können gesehen hatte. Hier aber blieb er rein tänzerisch und lieferte eine Nummer ab, die ich technisch sonst nur aus der Folklore der Georgier mit Stiefeln kannte. Dass er barfuss tanzte, war daher umso erstaunlicher.

Doch worauf es Silke Z. bei diesem Stück besonders ankam, war auch Menschen in einem Alter zu zeigen, in dem man sich normaler Weise kaum mehr auf einer Bühne tanzend produziert. Besonders dann, wenn man es gar nicht gelernt hat, sondern anderweitig z.B. als Schauspieler oder Performer arbeitet. Das wusste ich allerdings nicht, sondern erfuhr es erst durch die Lektüre des Textes. Ausnahmsweise störte mich das nicht und mindestens drei dieser Paare waren mit solcher Hingabe dabei und schienen in der Bewegung aufzugehen, dass es Spaß machte, ihnen zu zusehen. Und offensichtlich war der Prozess dieser Arbeit, die gegenseitige Inspiration im tänzerischen Dialog, auch für die Tanzprofis eine positive Erfahrung. Aber ich möchte nicht vergessen noch Dong Uk Kim herausstellen, einen Koreaner mit einem undurchschaubaren Gesicht, der neben einer großartigen Technik von einer Vitalität zehrt, die außergewöhnlich ist, ohne aufdringlich zu werden. Jeder hatte Gelegenheit, sich mit seinen Stärken solistisch zu profilieren und in diesem Arbeitsprozess des gegenseitigen Austauschs den Anderen etwas davon abzugeben. Sonst wäre die Atmosphäre bei dieser gemischten Gruppe nicht so besonders herzlich gewesen, wie ich es sonst nicht oft, außer vielleicht bei Theaterleuten, die sich in der Kantine treffen, erlebe. Allerdings ist die Alte Feuerwache für Gemeinschaftlichkeit auch wie gemacht, da sie eine „Kneipe“ beherbergt.

Rundherum ein gelungener Abend von Silke Z. und ich freue mich, dass sich diese Mannschaft noch einige Male in diesem Stück zu Gastspielen wiedertrifft. Zwei davon ebenfalls in
Köln am 13. und 14. Oktober in den Ehrenfeldstudios, aber zuerst einmal in den Niederlanden in Tilburg am 30. April um 15 Uhr und in Ludwigsburg am 8. Mai beim „Festival Vielfalten“.

Veröffentlicht am 26.04.2017, von Günter Pick in Homepage, Gallery, Blogs

Dieser Artikel wurde 606 mal angesehen.



Kommentare zu "Fantasie mit Tiefsinn"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE KRITIKEN


    TIEFE BERÜHRUNG

    Balanchine, Kylián und Forsythe im Ballettabend „Vergessenes Land“ beim Semperoper Ballett in Dresden
    Veröffentlicht am 22.05.2017, von Boris Michael Gruhl


    BEWEGENDE SEE

    Das Cullberg Ballett gastierte Anfang Mai mit „Figure a Sea“ von Deborah Hay und Laurie Anderson in der Hamburger Kampnagelfabrik
    Veröffentlicht am 20.05.2017, von Annette Bopp


    WIE DIE ZEIT VERRINNT

    Regensburg-Mannheimer Mix beim neuen Tanzabend „Hello Surprise“ am Nationaltheater Mannheim
    Veröffentlicht am 19.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    „DUATO | SHECHTER“

    Am 21. April 2017 feiert der choreographische Doppelabend „Duato | Shechter“ Premiere am Staatsballett Berlin. Mit einer Neukreation Nacho Duatos und einer Arbeit von Hofesh Shechter.

    Duato präsentiert seine Kreation „Erde“, die sich der Zerstörung des Planeten durch den Menschen widmet, während Shechter die ästhetischen Grenzen des Staatsballett mit seiner Arbeit „The Art of Not Looking Back“ erweitert.

    Veröffentlicht am 12.04.2017, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

    Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
    Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    WIE TANZT MAN REFORMATION?

    Das Bundesjugendballett wagt mit "Gipfeltreffen - Reformation" einen Versuch
    Veröffentlicht am 15.01.2017, von Andreas Berger

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    „DU BIST NICHT NUR FLEISCH“

    Zu Gast in Leverkusen: Alvis Hermanis inszeniert Mikhail Baryshnikov

    Veröffentlicht am 15.05.2017, von Andreas Berger


    FOLKWANG - ZWISCHEN EXPERIMENT UND SCHULE

    Von Kurt Jooss bis zu Rodolpho Leoni

    Veröffentlicht am 14.05.2017, von Marieluise Jeitschko


    STIL UND IDENTITÄT

    Zum Auftakt des Festivals DANCE 2017 in München

    Veröffentlicht am 17.05.2017, von Miriam Althammer


    HOFFNUNG ZUM AUFBLASEN

    Jeff Koons hat in New York sein neues Kunstwerk enthüllt

    Veröffentlicht am 15.05.2017, von tanznetz.de Redaktion


    DEMIS VOLPI GEHT NEUE WEGE

    Zum Ende der Spielzeit endet das Engagement des derzeitigen Hauschoreografen am Stuttgarter Ballett

    Veröffentlicht am 17.05.2017, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP