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Nürnberg

INS GEDÄCHTNIS EINGEBRANNT

„Don Quijote“ von Goyo Montero am Staatstheater Nürnberg



Unerschrockenen Mut und konsequentes Handeln bewies der Spanier mit seiner Interpretation des „Don Quijote“.


  • "Don Quijote" von Goyo Montero Foto © Jesús Vallinas
  • "Don Quijote" von Goyo Montero Foto © Jesús Vallinas

Wer die Ohren spitz machte, hatte keine Mühe, die Reaktionen des Publikums im allgemeinen Hinausgeschiebe aus dem Opernhaus Nürnberg mitzubekommen. „Am Ende etwas zu lang, aber interessant“, murmelten sie. Unüberhörbar folgende Stimme: „Muss das denn sein, dass ich mich im Theater auch noch herunterziehen lasse, wo es draußen eh schon schlimm zugeht?“ Nein. Muss nicht. Aber soll. Denn natürlich darf Theater unterhaltsam sein, ablenken von allem Unschönen, Unbequemen, aus dem eigenen Fokus Verdrängten. Es darf ja auch jeder mit bunten Farben pinseln und sich an den gemalten Flecken erfreuen. Ateliers, Ausstellungen und Aufführungen gibt es hier zuhauf, man gönnt jedem das Seine. Spannend und über das Genussbedürfnis des einzelnen Kulturkonsumenten hinaus wird es aber, wenn der Schritt zur Kunst vollzogen wird – auch wenn eine solche Aussage im ersten Moment viele verärgern wird. Heute ist doch jeder Künstler, oder?

Wagen wir es, auch wenn sich viele vorher dazu schon geäußert haben: Kunst ist dann, wenn sich tiefer, ehrlicher Selbstausdruck eines Menschen mit Experimentierfreude, einem überindividuellen, viele betreffenden Sachverhalt und einer Haltung der vollen Verantwortungsübernahme für das inszenierte oder geschaffene Geschehen verbinden; wenn der Künstler nicht nur nacherzählt, nachmalt, nachmacht oder gefällige Kompromisse macht, sondern ohne Scheu über sich hinaus geht, sich im Selbstbezug auf die Zustände in der Welt einlässt, Stellung bezieht, das Publikum herausfordert und sich dabei als Künstler wiederum an neue Grenzen führt – heißt: wenn er die Formensprache seines Metiers in einer eigenen, überzeugenden Stilistik nicht nur anzuwenden, sondern auch in ihren jeweiligen Bezügen zu reflektieren weiß.

Unerschrockenen Mut und konsequentes Handeln bewies in diesem Zusammenhang Goyo Montero mit seiner jetzt die Bühne erreichten Uraufführung „Don Quijote“ im Opernhaus des Staatstheaters Nürnberg. Seit acht Jahren ist der Spanier dort zugange und von Anfang an wiesen alle seine Abendfüller einen Einbruch der Wirklichkeit auf, ein Moment, in dem das Theater nicht mehr Theater schien, sondern man plötzlich meinte, Echtes zu erleben. Einen Kuss. Einen Schlag ins Gesicht. Trauer. Mit „Don Quijote“ scheint es, hat Montero Ansätze in eine künstlerische Konsequenz überführt, auf die er in den vergangenen Jahren linear zugearbeitet hat: vorbereitet durch die abstrakten, kurzen Uraufführungen versuchte er, dem Repräsentationstheater treu zu sein und es immer mehr auszutesten durch den Einsatz von Sprache, Schauspiel, Rhythmik, Gesang; die Illusion von Zeit und Raum, Realität und Traum aufzudecken und sie ohne Scheu zum Thema zu machen. Oscarreif wirkte in diesem Zusammenhang der Prolog seines „Don Quijote“: Auf einer Drehbühne ist das Ensemble angeordnet. In einem schmutzigen, zerfetzten und sehr einnehmenden Kostümbild von Angelo Alberto spielt es eine Horde Geknechteter und Geschundener einfachen Gemüts. Sie beginnen im Freeze. Regunsglos. Der eine hat den Fuß angehoben. Man zoomt hinein. Alle setzen zugleich ein und die verschiedenen Aktionen untereinander laufen gleichzeitig ab. Nichst Neues, aber von solcher erzählerischer Dringlichkeit, dass man gebannt wie ein Zaungast zusieht. Drei Mal wiederholt sich das, durch die Drehbühne jeweils um neunzig Grad zum Zuschauer verschoben. Der Verstand fängt an zu suchen: Was war vorher, was nachher, gibt es überhaupt eine Linearität im gezeigten Geschehen? Mini-Stories wie der Tod eines Seiltänzers ereignen sich. Dinge werden geklaut. Hinten ein Sacksofa, auf dem eine Gestalt schläft. Die Atmosphäre ist bedrohlich. Die Scheinwerfer haben alle im Visier. Keiner kann entrinnen. Es kann damals sein und jetzt und morgen. Nur die große Lanze, dann die schmutzigen Seiten und die Erzählung der ersten Zeilen aus dem Roman in jenen Sprachen, die die Tänzer jeweils ihre Muttersprache nennen, weisen den Weg in die große Erzählung „Don Quijote“.

Der 43-jährige Goyo Montero ging frei mit der über 400jährigen Vorlage von Cervantes um. Zusammengefasst, überführte Montero sie in ein grandioses Gleichnis über die Glaubens- und Gladiatorenkämpfe heute. Ohne falsche Rücksichtnahme spricht er in einer sehr klaren, eindringlichen Bilderfolge alles an, was den Zeitgenossen heute den Appetit verhagelt – Zustände, gegen die er den Junker von der Mancha mit hoch erhobener Lanze, berührend naiv und kampfbereit entgegenreiten lässt: Bewachung, Verfolgung und Ausgrenzung von Menschen an Mauern, egal wo auf der Welt; die Bevormundung der Frau durch ganze Gesellschaften, sei es in westlich-demokratischen oder, aus unserer Sicht, in islamisch geprägten Gesellschaften; die finanzielle Verarmung Vieler und ihr daraus resultierender, täglicher Kampf ums Überleben mit dem Wenigsten; Hinrichtung und Mord als Machtspiel – sei es auf dem Computer, sei es im echten Leben. Hatte Montero, der ein sehr physisches, dynamisches modernes Körper- und Tanzverständnis in seiner Compagnie praktiziert, in den vergangenen zwei, drei Jahren die klassische Bewegungssprache für sich reflektiert, betritt er hier fester als jemals zuvor mit „Don Quijote“ die Ufer des politischen Tanz- oder choreographischen Theaters.

So wenig wie hier wurde bei Montero noch nie getanzt. Dafür ist kurz vor Schluss der Gruppentanz ein meisterhaftes vitales Stück Choreografie – soll noch einer behaupten, man darf hier nicht genießen. Auch die Pantomime kommt gut zum Zug. Stuttgarter Niveau präsentieren hier die Solisten, oder vielmehr Solistinnen: Don Quijote wird von einer Frau verkörpert, einer fast herrlich störrisch an ihre Welt glaubende, und dabei auch irgendwie fragil wirkende Rachelle Scott; ebenso Sancho Panza, hier ist es die bodenständig und treu agierende Natsu Sasaki. Dulcinea wiederum wird durch Iván Delgado zu einem ohne Ironie agierenden, berührenden Transvestiten. Kurzum: Von Anfang an zieht dieser „Don Quijote“ unsagbar in Bann. Bis zum Schluss. 90 Minuten lang. Wie ein Spielfilm, der in der Vergangenheit spielt. Getragen von der Auftragsmusik von Owen Belton, der kongeniale Vorlagen und Resonanzflächen zu Monteros Szenen komponiert hat. Wenn alle Momente von Furcht, Angst, Bedrohung in Getöse, Nebelschaden und hartem Scheinwerferlicht durchlebt sind, inklusive des Raum einnehmenden Scheinwerfergestells als Pferd, auf das Don Quijote unverdrossen klettert, wird man in eine offene Situation zarten Tanzes um riesige Sackkissen herum entlassen, perlend zu den Klängen von Chopins berühmtem Adagio aus dem 2. Klavierkonzert. Man braucht das, um zu verarbeiten. Um tatsächlich Monteros Kernaussage zu begreifen: Don Quijote ist heute überall. Jeder Mörder, jeder Freiheitskämpfer, jeder zum Tode Verurteilte, jeder Flüchtling, jeder Gefangene, jeder Abhängige, jeder Arme, der in seiner Welt ist, kämpft gegen die Windmühlen. Man wird Monteros „Don Quijote“ lange nicht aus dem Gedächtnis löschen können.

Veröffentlicht am 01.05.2017, von Alexandra Karabelas in Homepage, Kritiken 2016/17

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