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Frankfurt

POESIE UND ERSCHRECKEN

Jacopo Godanis „Extinction Of A Minor Species“ für die Dresden Frankfurt Dance Company im Bockenheimer Depot



In seiner neuen Kreation nimmt Godani eine Erforschung der Möglichkeiten des Tanzes vor und verbindet Techniken des Balletts mit denen zeitgemäßer Ausdrucksmittel des modernen Tanzes.


  • "Extinction Of A Minor Species" von Jacopo Godani Foto © Dominik Mentzos
  • "Extinction Of A Minor Species" von Jacopo Godani Foto © Dominik Mentzos
  • "Extinction Of A Minor Species" von Jacopo Godani Foto © Dominik Mentzos

In der neuen Produktion der Dresden Frankfurt Dance Company mit dem Titel „Extinction Of A Minor Species“ stellt Jacopo Godani die Frage nach den Grenzen der Evolution. Wenn er dabei die Körper der Tänzerinnen und Tänzer bis in die Extreme der Möglichkeiten ihrer Entwicklungen der Bewegungen führt, wird dies zu einem Gleichnis gegenwärtiger Bedrohung unserer Existenz.

Bevor auf der Bühne des Bockenheimer Depots dieser Abend in drei ineinander übergehenden Teilen beginnt, gibt es eine so beeindruckende wie berührende und letztlich auch verunsichernde Installation mit Studentinnen und Studenten der Frankfurter Hochschule für Darstellende Kunst. Drei große schwarze Kästen im diffusen Licht des Foyers. Wir sehen jeweils, zunächst verschwommen, dann in dem Maße wie sie sich auf uns zu bewegen und wir auf sie, hinter changierenden Folien, klarer und in sich schärfenden Konturen menschliche Wesen, die sich in beinahe völlig schutzloser Nacktheit ihrer Körper durch den Zeittunnel der Evolution auf uns zu bewegen.

Auf der Bühne dann zunächst, wie leblos, Tänzerinnen und Tänzer ganz nahe wieder dort, wo die Grenze zwischen ihnen und uns verläuft, verhüllt, bedeckt, als lägen sie dort als unvermeidbare Opfer eines Weges, auf dem wir bisher unterwegs waren, um nun im geschützten Raum des Theaters für Momente innezuhalten. Bald schon kommen neue Bilder auf uns zu: die sich bewegenden Tänzerinnen und Tänzer zu sich mischenden Klangvarianten aus originalem Klavierklang und zugespielten Sounds. Aus der freien Form der Improvisation geht der Pianist Ruslan Brezbrozh über in die kompositorische Vorgabe mit dem assoziierenden Titel „Basso ostinato“ von Rodion Schtschedrin mit den weiterführenden Klangvariationen von 48nord, Ulrich Müller und Siegfried Rösert. 48nord wird dann weitere Klangreisen unternehmen, sie führen bis in fernöstliche Landschaften und öffnen immer wieder die Weite der Assoziation, nach dem ersten, „A Minor Extinction“ genannten Teil im fließenden Übergang zum zweiten, „Premonitions of a Larger Plan“ hin zum Schluss, „Postgenoma“.

Wie die Klänge verändert sich Godanis Raumchoreografie, insbesondere eine seitlich, links vom Zuschauer verlaufende Wand, die zum einen durchlässig werden kann, auch Durchsicht möglich macht, um dann wieder verbergend zu sein, sich auch in voneinander trennenden Bahnen als instabil erweist. Nichts ist wie es scheint, so wie auf jede Bewegung eine andere folgt, so öffnen sich bald die Tore erinnernder Fantasien, wenn Wesen wie Kentauren oder übergroße Faune oder Menschen mit Tiermasken wie Fabelwesen sich zu den Tänzerinnen und Tänzern fügen. Diese finden sich jetzt auch in unterschiedlichen Konstellationen zueinander, um sich bald zu trennen und neu zu finden oder in Einsamkeit wie verlöschend hinter dem Schutz einer schwarzen, in den Raum gestellten Wand zu verschwinden.

Selten konnte Jacopo Godani die ihm eigenen und unverkennbaren Mittel seiner Bewegungssprache so sensibel zur Geltung bringen. Es scheint, als wären sie von großer Zuneigung zu den Tänzerinnen und Tänzern geprägt und erwachsen, wie beispielsweise die oftmals in die Höhe weisenden Bewegungen der Arme aus geradezu weichen und schmiegsamen Bewegungen. Und dann gibt es berührende Bildkompositionen, etwa wenn ein Wesen wie aus künftigen Zeiten in regelrechter Science-Fiction-Manier ganz vorn am Rand der Bühne einen getöteten Kentauren nach der Art einer Pieta im Arm hält. Oder wenn die zerbrechliche Zartheit jener Figuren fernöstlicher Religionen zum Bild wird, wenn ein feierlicher Zug die Szene durchschreitet als wären die uralten Darstellungen ägyptischer Wandmalereien für einen Augenblick wieder zum Leben erwacht.

So kommen im Tanz das Unwiederbringliche und das Gegenwärtige zusammen, Bilder einer Recherche vor dem Rätsel der Evolution, Fluch und Segen im Widerstreit, Kampf und Versöhnung.
Für diesen Abend in Zusammenarbeit der vor 200 Jahren auf Anregung Goethes in Frankfurt begründeten Senkenberg Gesellschaft für Naturforschung, mit besonderen Verdiensten um die Evolutionsforschung, nimmt Jacopo Godani auch so etwas wie eine Erforschung der Möglichkeiten des Tanzes vor, verbindet Techniken des Balletts mit denen zeitgemäßer Ausdrucksmittel des modernen Tanzes, expressiv, aber vor allem immer wieder sensibel und sogar meditativ. Die neun Tänzerinnen und acht Tänzer dieser so berührenden und auch verstörenden Produktion fesseln die Zuschauer durch die Kraft ihres Tanzes, aber auch im Hinblick auf die Brisanz der Frage, ob dieser Tanz wirklich das Ende der Evolution vorweg nimmt, oder doch durch die Kraft der sich immer wieder bewegenden Körper Hoffnungsschimmer eines Konjunktivs aufblitzen.

Zu besonderen Höhepunkten werden zwei Duette: einmal David Leonidas Thiel und Julian Nicosia in einer kämpferischen Auseinandersetzung; dann, in großer Form, als meditativ grundierter Ausklang, Anne Jung und Gustavo Gomes in einem zutiefst berührenden Pas de deux. Keine Jetés, keine Pirouetten, aber dieser Tanz miteinander, die Trennungen, die Versuche, in den solistischen Variationen die Kraft zu schöpfen, den Partner oder die Partnerin wieder zu finden, neu zu sehen, zu halten, loszulassen, um dann doch, getrennt und wie zu Beginn schon in schützender Verhüllung genau dort als Bild einer mahnenden Schwelle zu liegen, wo eben jene Grenze verläuft zwischen dem „Memento mori“ der Kunst und jenem der freien Assoziationen bei den Zuschauern. Und dann sind auch sie wieder da, diese Schemen aus der Installation vom Beginn, jetzt hinter der mehrfach gewandelten Wand auf der Bühne, als wäre eben doch jedes Ende einer Entwicklung auch der Beginn einer neuen.

Veröffentlicht am 02.05.2017, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Kritiken 2016/17

Dieser Artikel wurde 1607 mal angesehen.



Kommentare zu "Poesie und Erschrecken"



    • Kommentar am 03.05.2017 23:03 von Sabine Winkler
      Hoffnungsschimmer des Konjunktivs? Eine bisschen kritischere Auseinandersetzung mit der Darbietung außer "verstörend" wäre durchaus angemessen. Ich bitte um Nachsicht für diese konjunktivische Ironie, mangels Poesie und Erschrecken verband sich der Abend im Rahmen eines Frankfurt-Besuchs für mich eher mit einem Imperativ: Braucht man nicht. Das soll nicht die Leistung der Tänzer schmälern und sicher hat die Company ihre Fans, die ihr treu sind. Aber der Glanz der Frankfurter Ballett-Hoch-Zeit kommt so nicht zurück.

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