HOMEPAGE



Hannover

WAS MACHT AUS UNS MACHT

Jörg Mannes choreografiert, ganz frei nach William Shakespeare, „Henry VIII“ in Hannover



Entstanden ist eine anspruchsvolle Inszenierung mit ebenso zahlreichen wie sublimen geschichtlichen Anspielungen.


  • "Henry VIII" von Jörg Mannes Foto © Gert Weigelt
  • "Henry VIII" von Jörg Mannes Foto © Gert Weigelt
  • "Henry VIII" von Jörg Mannes Foto © Gert Weigelt
  • "Henry VIII" von Jörg Mannes Foto © Gert Weigelt
  • "Henry VIII" von Jörg Mannes Foto © Gert Weigelt
  • "Henry VIII" von Jörg Mannes Foto © Gert Weigelt
  • "Henry VIII" von Jörg Mannes Foto © Gert Weigelt
  • "Henry VIII" von Jörg Mannes Foto © Gert Weigelt
  • "Henry VIII" von Jörg Mannes Foto © Gert Weigelt
  • "Henry VIII" von Jörg Mannes Foto © Gert Weigelt

Wie verändert Macht den Menschen? Dieser Frage geht Jörg Mannes in seiner Ballettinszenierung „Henry VIII“ nach, die gerade in der Staatsoper Premiere feierte. Henry VIII (1491–1547), das war jener britische Monarch, der in die Geschichte eingegangen ist durch seine Trennung vom Papsttum. Denn das hätte ihm die Scheidungen verwehrt, ohne die er seinem wechselhaften Interesse am anderen Geschlecht nicht so ungezügelt hätte nachgehen können. Nicht zuletzt die wechselvollen Verhältnisse zu seinen sechs Frauen und etlichen Mätressen motivierten also sein Streben nach Macht.

Wunderbar verdeutlicht der Ballettdirektor Mannes in seiner von Shakespeares gleichnamigem Drama (um 1612/13) nur sehr frei inspirierten Choreografie denn auch die Beziehungen Henrys zu seinen Frauen, wobei die Ehefrauen hier, anders als bei Shakespeare, alle auftreten. Bei Henrys erster Hochzeit mit Katharina von Aragon (Michèle Stéphanie Seydoux) tanzt Denis Piza den Monarchen als kraftstrotzenden jungen Mann, seine Werbung ist weniger emotional als höfisch-verhalten. Der eheliche Vollzug ist dem Fortbestand des Hauses Tudor gewidmet, was in eher turnerischen Übungen auf einem Holzbrett zum Ausdruck kommt. Wie unbekümmert der König seinen Neigungen freien Lauf lassen kann, zeigt sein Tanz mit vier Mätressen. Henry umkreist sie unermüdlich, greift nach ihnen, hält die willfährige Beute fest – ein Mann, dem seine Stellung gestattet zu nehmen, was er begehrt.

Doch nicht alle geben sich mit der Rolle der Geliebten zufrieden: Anne Boleyn will mehr – und Giada Zanotti verkörpert sie als Frau, die ihre Reize berechnend einsetzt. Zunächst scheinbar spröde, mit eckigen Bewegungen, hält sie den entflammten Henry auf Distanz und weist ihn ab, bis er verspricht, worauf es ihr ankommt: die Legitimation als Ehefrau Nummer zwei und die englische Krone. Die Werbung um Ehefrau Nummer drei zeigt Henry dagegen als gefühlvollen Liebhaber. Geradezu zärtlich, in ruhigen, fließenden Bewegungen gerät da ein Pas de deux mit der ätherischen Catherine Franco.

Doch der Weg zum Tyrannen hat längst begonnen, immer stärker offenbart sich Henrys unberechenbarer Charakter. Das führt Mannes vor Augen, indem er die Rolle teilt und Henry die Figur „H“ zur Seite stellt. Durch diesen Kunstgriff kann Orazio di Bella als „H“ das seelische Innenleben des Regenten ungebrochen dynamisch und mitunter geradezu akrobatisch verkörpern, während Denis Piza den körperlichen und seelischen Verfall in fahrigen Wutausbrüchen und immer schleppenderen Bewegungen demonstriert – eine Deformation, die auch in einem Kostüm mit Bauchwölbung Ausdruck findet. Ein starker Regieeinfall ist überdies der Einsatz von Gummibällen – mal schwarz als Symbol für die totgeborenen Kinder Katharinas, mal blau für den ersehnten Thronerben, mal weiß für die Opfer von Henrys Hinrichtungen.

Das Bühnenbild wird durch drei bewegliche Wände mit Gobelin-Dekor dominiert und schafft einen variablen Raum für die Tänzer. Die Kostüme sind fast ausnahmslos schwarz und deuten den Renaissancestil nur an. Und das musikalische Spektrum reicht von Werken Johann Sebastian Bachs bis zu Neukompositionen von Mark Polscher.

Entstanden ist so eine durchaus anspruchsvolle Inszenierung mit ebenso zahlreichen wie sublimen geschichtlichen Anspielungen. Um jede zu verstehen, sollte man entweder historisch recht beschlagen sein – oder das Programmheft genau studiert haben. Die tänzerische Leistung des Opernballetts macht indes mögliche Irritationen mehr als wett. Das Premierenpublikum spendet dafür – wie für das von Andrea Sanguineti geleitete Orchester – langen, enthusiastischen Applaus.

Dieser Text erschien in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung am 08.5.2017.

Veröffentlicht am 08.05.2017, von Kirsten Poetzke in Homepage, Kritiken 2016/17

Dieser Artikel wurde 1043 mal angesehen.



Kommentare zu "Was Macht aus uns macht"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    ORDNUNG UND CHAOS - STRICTLY TANGO?

    Südamerikanische Rhythmen sind in Hannover Trumpf

    Veröffentlicht am 19.02.2012, von Marieluise Jeitschko


    BLICKE HINTER DIE FASSADE DER ANSTÄNDIGKEIT!

    "Gefährlichen Liebschaften" von Jörg Mannes zu Gast am Theater Heilbronn

    Veröffentlicht am 30.06.2012, von Leonore Welzin


     

    AKTUELLE KRITIKEN


    EINSAME SEELEN

    "Der Nussknacker" am Thüringer Staatsballett
    Veröffentlicht am 15.12.2017, von Boris Michael Gruhl


    BIS INS JAHR 2100

    PHASE-ZERO PRODUCTIONS mit neuer Produktion im LOFFT Leipzig
    Veröffentlicht am 14.12.2017, von Boris Michael Gruhl


    TANZEN BIS ZUM FREIBIER

    Minutemade - Act One: Einweihung der Studiobühne des Gärtnerplatztheaters
    Veröffentlicht am 14.12.2017, von Vesna Mlakar



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    IF YOU COULD SEE ME NOW

    Internationales Gastspiel von Arno Schuitemaker mit Premiere am Samstag, den 16. Dezember 2017, in der Tafelhalle Nürnberg

    Die sinnliche Wahrnehmung des Zuschauers wird vor neue Herausforderungen gestellt.

    Veröffentlicht am 08.12.2017, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

    Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
    Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    VERBOTEN, VERSCHOBEN, VERGESSEN?

    Zur Absage der Uraufführung „Nurejew“ des Regisseurs Kirill Serebrennikow und des Choreografen Juri Possochow am Moskauer Bolschoi-Theater
    Veröffentlicht am 18.07.2017, von Boris Michael Gruhl

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    DIE SIEBEN TODSÜNDEN

    Das Tanztheater Wuppertal Pina Bausch präsentiert im Januar 2018 eine Neueinstudierung des zweiteiligen Brecht/Weill-Abends von Pina Bausch „Die sieben Todsünden“.

    Veröffentlicht am 25.11.2017, von Anzeige


    AUFBRUCHSTIMMUNG BEI DER HEINZ-BOSL-STIFTUNG

    Ballettmatinee im Nationaltheater München

    Veröffentlicht am 21.11.2017, von Sabine Kippenberg


    ACCESS TO DANCE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


    HELLMUTH MATIASEK FEIERT HEUTE SEINEN 85.GEBURTSTAG

    Pick bloggt über seinen langjährigen Intendanten Hellmuth Matiasek und reist in Gedanken von Rosenheim bis nach Japan

    Veröffentlicht am 15.05.2016, von Günter Pick


    KREISLAUF DES LEIDS

    Lulu Obermayer bringt mit „Manon Lescaut“ eine unglaublich starke und pointierte Performance an die Kammerspiele München.

    Veröffentlicht am 28.11.2017, von Natalie Broschat



    BEI UNS IM SHOP