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Basel

EINE WEITE REISE

Abendfüllender „Peer Gynt“ von Johann Inger beim Ballett des Theaters Basel – zu Musik von Edvard Grieg



Eine Besonderheit dieser Choreografie: Inger identifiziert sich ein Stück weit mit Peer und lässt verschiedene Tanzstile aufeinander prallen.


  • "Peer Gynt" von Johann Inger; Frank Fannar Pedersen und Ensemble Foto © Ismael Lorenzo
  • "Peer Gynt" von Johann Inger; Ensemble Foto © Ismael Lorenzo
  • "Peer Gynt" von Johann Inger; Frank Fannar Pedersen und Andrea Tortosa Vidal Foto © Ismael Lorenzo
  • "Peer Gynt" von Johann Inger; Frank Fannar Pedersen Foto © Ismael Lorenzo

„Peer Gynt“ ist ein beliebter Ballettstoff. Die Fassungen von Heinz Spoerli (2007) oder John Neumeier (1989/2015) haben Kultstatus. Wie steht es wohl punkto Langzeitwert mit dem „Peer Gynt“, den der schwedische Choreograf Johan Inger für das Ballett des Theaters Basel kreiert hat?

Nicht schlecht. Zumindest dann, wenn Inger dem Ballett noch mehr inneren Zusammenhalt, Tiefgang und Dramatik geben kann. Und auf einigen Klamauk verzichtet.

Das Versdrama „Peer Gynt“ von Henrik Ibsen aus dem Jahr 1876 spielt teils in Skandinavien, teils in Nordafrika. Peer, der Sohn einer Bäuerin, geht wie wild auf die Frauen los. Er entführt Ingrid, die Braut eines anderen, und lässt sie dann sitzen – wie auch seine eigentliche Geliebte, Solveig. Unter den hässlichen Trollen fühlt er sich einige Zeit wohl, hurt herum, haut dann ab nach Marokko. Dort betreibt er Sklavenhandel, wird ausgeraubt, landet im Kairoer Irrenhaus und steigt zum Kaiser der Selbstsucht auf. Es folgen Reue, Schiffbruch, ein Mord – doch zu Hause schließt die alt und blind gewordene Solveig den Sterbenden in ihre Arme.

Ingers Ballett stützt sich vor allem auf die 23-sätzige Schauspielmusik (op. 23), die Edvard Grieg für „Peer Gynt“ komponiert hat. Dazu kommen weitere Grieg-Sätze und ein paar Ausflüge zu Pjotr I. Tschaikowski und Georges Bizet – doch davon später. Das Basler Sinfonieorchester unter Thomas Herzog spielt mit Schwung und farbigem Klang.

Sensationell ist das Bühnenbild des Spaniers Curt Allen Wilmer: Wie senkrecht gestellte Schubladen lassen sich die einzelnen Schauplätze und Hintergründe von den Seitenfronten herausziehen. Eine Winterlandschaft, eine spanische Taverne, ein Friedhof. Die Bilder sind dreidimensional und sorgfältig bis ins Detail gestaltet.

Der große, schlaksige Frank Fannar Pedersen tanzt den Peer leidenschaftlich vital, überzeugt auch in den besinnlichen Szenen. Das hässliche Troll-Mädchen mit den grünen Haaren, das dann von Peer ein ganz kleines grün gewandetes Kind bekommt, wird von Andrea Tortosa Vidal mit komischer Aufsässigkeit wiedergegeben. Während Debora Maiques Marin als Anitra mit Pedersen spannungsvolle Pas de deux hinlegen darf. Sie ist die Frau, die ihn dann ihrerseits verlässt.

Und Solveig (Ye Eun Choi)? Die tanzt nicht, sondern singt ‚nur’. Oft und eindringlich. Dabei erscheint sie nicht als ätherisches Wesen, sondern als robustes Mädchen, das auf Langlaufskis und mit Rucksack zu Peer in den Wald zieht. Der hat dort aus Ikea-Brettern eine Hütte gezimmert. Ein geruhsames Bild: Der Schnee rieselt, Peer hackt Holz, Solveig strickt. Bald wird die Idylle vorbei sein.

Zwischendurch wirbelt eine klassische Ballettgruppe auf die Bühne, tanzt schlecht und recht den Schneeflockenwalzer aus Tschaikowskis „Nussknacker“. Ingers Choreografie ist reich an solchen Zitaten, wobei dann auch das Orchester kurz auf die entsprechenden Kompositionen umstellt. Später verwandelt sich Anitra, bei Ibsen die Tochter eines Beduinenhäuptlings, in eine Carmen, die zwischen zwei Männern jongliert. Dazu erklingt Georges-Bizet-Musik.

Etwas überzeichnet die Figur von Mutter Aase (Sergio Bustinduy en travestie), die am Anfang keifend und den Teppichklopfer schwingend ihrem Sohn nachrennt – Anspielung auf die Witwe Ragotte in „La Fille mal Gardée“? Eine kurz herumirrende Giselle und ein glatzköpfiger Schwan stammen aus entsprechenden Balletten von Mats Ek. Von ihm baut Inger sogar eine ganze Szene aus der Choreografie „Gamla Barn“ (Alte Kinder) ein. Mit gegenseitigem Einverständnis. Johan Inger und der eine Generation ältere Mats Ek sind schon lange miteinander befreundet.

Der 1967 in Stockholm geborene Inger deponiert in seinen „Peer Gynt“ auch ein Stück eigene Lebensgeschichte, wie er selbst erklärt. Vor allem den Konkurrenzkampf der verschiedenen Tanzstile, die er kennengelernt und auch selbst entwickelt hat. Inger absolvierte eine klassische Ballettausbildung, tanzte zunächst im Schwedisch Königlichen Ballett, wechselte später ans viel modernere und kreativere Nederlands Dans Theater. Von 2003-2008 war er Chef des zeitgenössischen Cullberg-Balletts in Schweden. Seither lebt er in Spanien und arbeitet als begehrter freier Choreograf.

In einer amüsanten, lebhaft applaudierten Szene macht Peer ein Casting unter drei Tänzerinnen für ein neues Stück. Mühsam getanzte Klassik (Alba Carbonell Astillo), extrem athletische Moderne (Lydia Caruso) und Anitras Mischstil à la Inger oder Ek prallen aufeinander. Ironie und Parodie auch sonst. Während bei Ibsen der größenwahnsinnige Peer zum Kaiser gekrönt werden will, reduziert Inger das Thema auf ein rassiges Männerquintett, bei dem einer dem andern die Krone abspenstig macht.

Gegen Ende kehrt der grau gewordene Peer in seine Heimat zurück. Voller Schuldgefühle und Reue. Er träumt von seiner eigenen Beerdigung, begegnet im Geist nochmals allen Menschen, die er getroffen und meist enttäuscht hat. In jenem Häuschen, in dem er eine Zeit lang mit Solveig lebte, sinkt er in ihren Schoß und stirbt.

Uraufführung am 18.5.2017

Veröffentlicht am 19.05.2017, von Marlies Strech in Homepage, Kritiken 2016/17

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