HOMEPAGE



Hamburg

BEWEGENDE SEE

Das Cullberg Ballett gastierte Anfang Mai mit „Figure a Sea“ von Deborah Hay und Laurie Anderson in der Hamburger Kampnagelfabrik



Wie intensiv und genial Deborah Hay diese Allegorie auf das Wasser komponiert hat, wird erst auf dem Nachhauseweg richtig deutlich. Da klingt und schwingt es im ganzen Körper nach.


  • "Figure a Sea" von Deborah Hay Foto © Jören Urban
  • "Figure a Sea" von Deborah Hay Foto © Jören Urban
  • "Figure a Sea" von Deborah Hay Foto © Jören Urban
  • "Figure a Sea" von Deborah Hay Foto © Jören Urban

Die Szenerie ist denkbar schlicht: ein weißer Tanzteppich vor einem rechteckigen weißen Hintergrund. Drumherum: schwarzes Dunkel. Schon während das Publikum eingelassen wird, bewegen sich die 17 Tänzerinnen und Tänzer des schwedischen Cullberg Balletts (das im Mai sein 50-jähriges Bestehen feiern konnte) in schlichten Kostümen (blusige Hemden und Hosen: Marita Tjärnström) auf diesem Boden, finden sich einzeln, zu zweit oder in kleinen Grüppchen zusammen, scheinbar ungeplant, zufällig. Das abgegrenzte weiße Rechteck stellt hier keine Grenze dar – es wird ständig überschritten, ignoriert, begangen und wieder verlassen. Langsam wird das Licht im Saal heruntergedimmt und die Bühnenscheinwerfer gehen an. Alle TänzerInnen sind jetzt außerhalb der weißen Fläche. Die Bühne erscheint leer. Ein leises Wummern setzt ein, das sich im Verlauf der nächsten Stunde in einen undefinierbaren Soundtrack entwickelt, dessen Klänge sich meist aus dem Synthesizer speisen.

In dieser Art geht es dann eine gute Stunde weiter. In einem relativ eintönigen Wechsel zwischen Kommen und Gehen, einander begegnen und sich wieder trennen, sich in Grüppchen zusammenfinden und wieder auseinanderdriften bespielen die acht Tänzerinnen und neun Tänzer die Bühnenfläche – gehend, laufend, springend, sich drehend, hüpfend, stehend. Das Ganze erscheint nur oberflächlich gesehen wie zufällig. Deborah Hay hat der – im Übrigen exzellenten – Kompanie ein raffiniert ausgeklügeltes Bewegungskonzept verpasst, das höchste Konzentration und Aufmerksamkeit für den anderen erfordert.

Denn immer wieder nimmt der/die eine von der/dem anderen ein Bewegungsmuster ab, wiederholt es, spiegelt es, wandelt es ab. Wie von unsichtbaren Fäden miteinander verbunden bewegen sich die Figuren durch den Raum (es wäre spannend zu beobachten, wie das aus der Vogelperspektive aussieht). Zwischendurch murmelt jemand etwas Unverständliches vor sich hin, dann erstirbt das Wort wieder im Mund. Vereinzelt halten TänzerInnen unvermittelt inne und bleiben wie Skulpturen im Raum stehen. Einer der Tänzer beginnt plötzlich in der Bühnenmitte ein klassisches Exercice, eingewoben in den Bewegungskanon der anderen, bis auch er sich schließlich wieder in den Fluss des Geschehens einsortiert und die strenge Regelmäßigkeit einer, wie zufällig dahingetupften (Un)Ordnung weicht. Paarweise erstarren die TänzerInnen unvermittelt mit fratzenhaften Grimassen in unnatürlichen Verrenkungen. Da denkt man schon: War’s das jetzt? Aber nein: Gleich danach wuselt alles noch einmal furios durcheinander, wilder denn zuvor, bis eine/r nach der/dem anderen in die schwarze Umgebung eintaucht und verschwindet. Nur eine Tänzerin ist noch übrig, die sich weiterhin über die Bühne bewegt, bis auch sie sich im langsam erlöschenden Licht ins Dunkel auflöst, während die Musik bis dahin noch einmal an Lautstärke zunimmt.

Wie intensiv und genial die inzwischen 76-jährige Deborah Hay, die schon so oft Pionierarbeit im Tanz geleistet hat, diese Allegorie auf das Wasser – ob Meer oder See ist egal – komponiert hat, wird erst auf dem Nachhauseweg richtig deutlich. Da klingt und schwingt es im ganzen Körper nach, als werde man auf sanften Wellen geschaukelt und gewiegt. Sie habe „Figure a Sea“ als „Raum für endlose Möglichkeiten konzipiert“, als „Meditation des Sehens“, heißt es im (wie immer recht dürftigen) Programmzettel. Das Stück eröffne „einen Raum der Selbstreflexion, in dem man sich selbst als Sehende*r bewusst werden kann.“ Man muss das gar nicht so geschwollen und gekünstelt ausdrücken. Es reicht völlig, sich dem Sog des Geschehens einfach hinzugeben.

Veröffentlicht am 20.05.2017, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2016/17

Dieser Artikel wurde 673 mal angesehen.



Kommentare zu "Bewegende See "



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    DIE TÄNZERIN ALS SHOPPING-MALL

    Deborah Hay im Tanzquartier Wien und Anne Juren im Brut-Künstlerhaustheater

    Artikel aus Der Standard vom 10.05.2010


     

    LEUTE AKTUELL


    ARBEITEN WIE EIN KRAFTWERK

    Goyo Montero im Gespräch
    Veröffentlicht am 01.12.2017, von Alexandra Karabelas


    "TANZ DER MENSCHLICHKEIT"

    Nestroy Spezialpreis für Doris Uhlich und Michael Turinsky mit "Ravemachine"
    Veröffentlicht am 17.11.2017, von Pressetext


    JÖRG WEINÖHL VERLÄSST DIE OPER GRAZ

    Der Ballettdirektor wird seinen Vertrag nicht verlängern
    Veröffentlicht am 13.11.2017, von Pressetext



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    IF YOU COULD SEE ME NOW

    Internationales Gastspiel von Arno Schuitemaker mit Premiere am Samstag, den 16. Dezember 2017, in der Tafelhalle Nürnberg

    Die sinnliche Wahrnehmung des Zuschauers wird vor neue Herausforderungen gestellt.

    Veröffentlicht am 08.12.2017, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

    Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
    Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    VERBOTEN, VERSCHOBEN, VERGESSEN?

    Zur Absage der Uraufführung „Nurejew“ des Regisseurs Kirill Serebrennikow und des Choreografen Juri Possochow am Moskauer Bolschoi-Theater
    Veröffentlicht am 18.07.2017, von Boris Michael Gruhl

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    DIE SIEBEN TODSÜNDEN

    Das Tanztheater Wuppertal Pina Bausch präsentiert im Januar 2018 eine Neueinstudierung des zweiteiligen Brecht/Weill-Abends von Pina Bausch „Die sieben Todsünden“.

    Veröffentlicht am 25.11.2017, von Anzeige


    AUFBRUCHSTIMMUNG BEI DER HEINZ-BOSL-STIFTUNG

    Ballettmatinee im Nationaltheater München

    Veröffentlicht am 21.11.2017, von Sabine Kippenberg


    ACCESS TO DANCE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


    HELLMUTH MATIASEK FEIERT HEUTE SEINEN 85.GEBURTSTAG

    Pick bloggt über seinen langjährigen Intendanten Hellmuth Matiasek und reist in Gedanken von Rosenheim bis nach Japan

    Veröffentlicht am 15.05.2016, von Günter Pick


    KREISLAUF DES LEIDS

    Lulu Obermayer bringt mit „Manon Lescaut“ eine unglaublich starke und pointierte Performance an die Kammerspiele München.

    Veröffentlicht am 28.11.2017, von Natalie Broschat



    BEI UNS IM SHOP