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Dresden

TIEFE BERÜHRUNG

Balanchine, Kylián und Forsythe im Ballettabend „Vergessenes Land“ beim Semperoper Ballett in Dresden



Durch die Choreografien dreier Ikonen des 20. Jahrhunderts werden ein Vielzahl von Assoziationen und Emotionen hervorgerufen, sowie tief empfindbare, konstruktive Verunsicherungen erzeugt.


  • "Vergessenes Land" von Jiří Kylián Foto © Ian Whalen
  • "Vergessenes Land" von Jiří Kylián Foto © Ian Whalen
  • "Vergessenes Land" von Jiří Kylián Foto © Ian Whalen
  • „Symphony in C“ von George Balanchine Foto © Ian Whalen
  • „Symphony in C“ von George Balanchine Foto © Ian Whalen
  • „Quintett“ von William Forsythe Foto © Ian Whalen
  • „Quintett“ von William Forsythe Foto © Ian Whalen
  • „Quintett“ von William Forsythe Foto © Ian Whalen

Er wolle in jeder Saison eine Ikone der Choreografen des 20. Jahrhunderts in Dresden vorstellen, so Aaron S. Watkin, der Dresdner Ballettdirektor. In der letzten Saison gab es mit „Manon“ erstmals eine Choreografie von Kenneth McMillan, in der kommenden wird hier – ebenfalls zum ersten Mal – eine Kreation von Frederic Ashton zu erleben sein. Mit dem neuen Ballettabend werden jetzt gleich drei Ikonen der Choreografie des letzten Jahrhunderts vorgestellt:

George Balanchine, geboren 1904 in St. Petersburg, gestorben 1983 in New York, Gründer des American Ballet, gilt als Begründer des neoklassischen Stils. Er überführte die klassischen Traditionen des Balletts in die Moderne, seine Meisterwerke bedürfen keiner Handlung, er hat einmal gesagt, dass für ihn durch Tanz die Musik sichtbar wird. Jiří Kylián, in Prag geboren und ausgebildet, der im März seinen 70. Geburtstag feierte, wurde von John Cranko als Tänzer an das Stuttgarter Ballett geholt wo bald seine choreografische Begabung entdeckt und gefördert wurde. Von 1975 bis 1999 war er Leiter des Nederlands Dans Theater, begründete seinen speziellen modernen Stil auf klassischer Grundlage. Vergessen und Erinnern, Rückschau und Vorangehen sind wesentliche Themen seiner Arbeiten; Leidenschaften, Melancholie und Emotionen bestimmen seinen Stil der Moderne. Zwei Jahre jünger als Kylián ist William Forsythe aus New York, dessen choreografische Karriere ebenfalls in Stuttgart begann und der dann als Direktor des Frankfurter Balletts und der späteren Forsythe Company mit Residenzen in Dresden und Frankfurt mit seinen inzwischen weltweit aufgeführten Kreationen für die konsequente Erneuerung des Balletts im 21. Jahrhundert steht.

Die Dramaturgie dieses Abends ist verblüffend, die Beziehungen der Werke zueinander schaffen Spannung, Bewunderung und am Ende große Begeisterung, die vor allem aus einer tiefen Berührung entsteht.
Zunächst George Balanchines Choreografie „Symphony in C“ von 1947 zu Bizets beschwingtem, ganz der aufblühenden Melodik verpflichtetem Frühwerk von 1855, als ein choreografisches Meisterwerk perfekter Symmetrie und Musikalität im Wechsel der Solistenpaare mit der immer größer werdenden Gruppe der Tänzerinnen.

Jiří Kyliáns Kreation „Vergessenes Land“ von 1981 zur Musik der „Sinfonia da Requiem“ von Benjamin Britten für sechs Paare bezieht sich zudem auf das Bild „Tanz des Lebens“ von Edvard Munch.
Hier verbinden sich auf ganz andere Weise Klang und Bewegungen der Menschen auf ihren von den existenziellen Fragen nach dem Woher und Wohin bestimmten Wegen, die sie zueinander führen, immer wieder auch in die Einsamkeit und die Versuche der Überwindung.

Und dann wird am Ende William Forsythes „Quintett“ von 1993 zum wie in einer Endlosschleife sich wiederholenden Gesang von Gavin Bryars für zwei Tänzerinnen und drei Tänzer zum emotional zutiefst berührenden Ausklang dieses Abends. Geschichten im eigentlichen Sinne werden nicht erzählt, aber die Zuschauer werden mit einer Vielzahl von Assoziationen, Emotionen, Rätseln und nicht zuletzt auch tief empfindbaren, konstruktiven Verunsicherungen entlassen.

Alle drei Choreografien sind zu verschiedenen Zeiten entstanden, sie sind ja einst für ganz andere Tänzerinnen und Tänzer kreiert worden, was natürlich zu der Frage führt: Wie gelingt es, den Eindruck einer puren Rekonstruktion zu vermeiden? Denn die Übernahme des tänzerischen Materials ist die eine Sache, dieses dann aber lebendig zu machen, authentisch, die andere – eben die entscheidende.

Das ist bei Balanchine so, dass die Beherrschung der enormen technischen Ansprüche zwar oberste Voraussetzung ist, die individuelle Kraft der Tänzerinnen und Tänzer muss dazukommen, die eigene Musikalität muss sich erschließen und eben zu jener mitreißenden Dynamik führen, die dieses Werk ausmacht. Das gelingt, sowohl bei den Solistenpaaren Svetlana Gileva und István Simon, Sanguen Lee und Dmitry Semionov, Kanako Fujimoto und Denis Veginy, als auch beim Corps de ballet, wenn dann im großen Finale des musikalisch jubelnden „Allegro Vivace“ mit über 50 Tänzerinnen auch Studentinnen der Dresdner Hochschule für Tanz hinzukommen.

Noch unabdingbarer ist die Individualität natürlich bei einem Werk wie „Vergessenes Land“. Der Abend erfährt an dieser Stelle noch eine enorme Steigerung. Svetlana Gileva und Gareth Haw als schwarzes Paar, Kanako Fujimoto und Joseph Gray als graues, Alice Mariani und Jón Vallejo als rotes, Jenny Laudadio und Skyler Maxey-Wert als rosa, Sanguen Lee und Ouzounis als weißes, sowie Chiara Scarrone und Václav Lamparter als vergessenes Paar sind eben jene wunderbaren Paare auf dem ihnen zugewiesenen Land vor der bedrohlichen Projektion einer Meeresbrandung auf der Bühne von John F. Macfarlane. Sie lassen kraft ihrer persönlichen tänzerischen Körpersprache genau jene Bilder unabdingbarer Eindringlichkeit der Choreografie für den Zuschauer empfindbar werden.

Die Frage nach der authentischen Interpretation stellt sich natürlich bei einem Werk wie „Quintett“ von William Forsythe noch einmal in besonderer Weise. Forsythe widmete das Stück seiner Frau, die zur Zeit der Entstehung im Sterben lag. Er wählte dazu den sich wiederholenden Gesang von Gavin Bryars „Jesus' blood never failed me yet“, geprägt durch die Motive meditativer Religiosität eines gläubigen Gospelgesanges, den Bryars verwendet. Es lässt sich ja nicht wiederholen, was damals, als das Werk 1993 entstand, der Anlass war. Forsythe sagt, er empfinde diese sehr persönliche Hommage an den Tanz und das Leben „in erster Linie als eine Art Liebesbrief, eine Darstellung von all dem was ihr und uns gemeinsam am Herzen lag“. Wenn man wie jetzt in Dresden mit den Tänzerinnen Courtney Richardson und Duosi Zhu, den Tänzern Christian Bauch, Francesco Pio Ricci und Michael Tucker so starke Persönlichkeiten hat, dann kann man sich der emotionalen Kraft dieser Bilder des bewegten Wiederstandes nicht entziehen.

Es sind keine Geschichten, aber es sind eben jene Bilder der Assoziationen jener Menschen, die zueinander kommen, sich ganz nahe sind, um dann wieder in der Einsamkeit zu verlöschen, die durch eine Öffnung im Bühnenboden in die Tiefe fallen können, darin aber auch Zuflucht suchen, wieder aufsteigen, einander heraushelfen oder in einer sich wiederholenden Bildsequenz am Ende mit aller Kraft verhindern wollen, dass eine Tänzerin in diese bodenlose Tiefe fällt.
So erschließt sich dieser Ballettabend am Ende durch seine dynamischen Dramaturgie, und so erschließen sich die Beziehungen dieser Choreografien, mit dem Bogen von der heiteren Beschwingtheit zur existenziellen Tiefe, was einander nicht ausschließt. Gezeigt wird eine starke Kompanie und das Publikum ist am Ende so berührt wie begeistert.

Veröffentlicht am 22.05.2017, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Kritiken 2016/17

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