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Linz

ANKER GEWORFEN – LAND IN SICHT

Das 4. Tanzhafen Festival Linz schlug Wellen



Der verwendete Bodenbelag in Julia Hartigs „teleta_K_T“ aus zertretenen Eierschalen kann auch als Motiv des „Tanzhafen Festival“ gelesen werden: ästhetisch ansprechend, fruchtbar, piksend.


  • „teleta_K_t“ von Julia Hartig Foto © Cordula Kastner
  • "teleta_K_t" von Julia Hartig Foto © Cordula Kastner

Am siebenten Abend des „Tanzhafen Festival“ in Linz stehen Trauben junger Menschen plaudernd am Vorplatz des schicken Kunstmuseums Lentos an der Donau. Ihre lässig-bequeme Kleidung, welche Männer und Frauen häufig mit einem zerzausten Haarknötchen krönen, scheint den strammen Haar-Code abwesender Ballettelevinnen humorvoll zu zitieren. Im Vorbeigehen fängt man englische Wortfetzen auf. Kein Wunder, in der Universitätsstadt Linz leben viele internationale Twens. Etliche unter ihnen studieren zeitgenössischen Tanz an der Anton-Bruckner-Privatuniversität und besuchen naturgemäß das „Tanzhafen Festival“.

„How I See You“ von Alina Bertha und Łukasz Czapaski eröffnet wenig später den vierteiligen Abend. Das 15-minütige Duett über Geschlechterbeziehungen markiert ein Charakteristikum des 4. Tanzhafen Festivals. Denn einmal mehr fokussieren die künstlerischen Leiterinnen Ulrike Hager und Ilona Roth auf kurze Stücke, um dem talentierten Nachwuchs, der infolge der professionellen Ausbildung üppig gedeiht, eine Plattform zu geben. Zeitgenössischer Tanz ist der lokalen Bevölkerung zwar seit Jahrzehnten durch internationale Tanzgastspiele im Posthof vertraut, doch bevor sich das „Tanzhafen Festival“ der regionalen Community bzw. den kleineren Playern widmete, klaffte eine Lücke im Tanzangebot der Stadt. Aus diesem Grund programmierten Ulrike Hager und Ilona Roth auch dieses Jahr vorrangig Miniaturen, die eine abwechslungsreiche Bandbreite an gesellschaftlichen Fragestellungen, tanztechnischen Zugängen und ästhetischen Ausdrucksformen offenbaren. Zwei abendfüllende Stücke bekannterer Formationen, u. a. „Disaqpear“ der renommierten Oberösterreicherin Silke Grabinger, ergänzten den Live-Reigen.

Einige Tanzstücke waren Wiederaufnahmen, andere feierten in Linz ihre Österreichpremiere. Selbst Weltpremieren fanden statt, etwa die rasante Arbeit „What a Wonderful World“ des Collective B. Mit ohrenbetäubender Livemusik, wechselnden Visuals und einer von den Martial Arts inspirierte Bewegungssprache entwickelte das Collective B. ein 30-minütiges, raumzeitliches Sensorium des Schocks, welches die Physis des Publikums attackierte. Herzklopfen, zitternde Knie und Atemanhalten folgten auf den Fuß. Es schien, als übersetzten die Performerinnen Sonia Borkowicz und Elsa Mourlam Antonin Artauds Schrift vom Theater der Grausamkeit in eine Performance ohne Gnade. Eine interessante Rückmeldung im nachfolgenden Austauschformat „Rehearsing Attention“ von Inge Gappmaier war übrigens, dass sich die physische Intensität nur auf jene Menschen übertrug, die nah am Bühnengeschehen saßen, während die Choreografie für die Zuschauerinnen und Zuschauer auf den erhöhten Sitzreihen eine überraschende Symmetrie entfaltete.

Das vierte „Tanzhafen Festival“ Linz dauerte vom 15. bis 31. Mai. An dreizehn Tagen innerhalb der zweieinhalb Wochen liefen 24 Festivalbeiträge an neun verschiedenen Orten, u. a. im Raumschiff, der RedSapata Tanzfabrik, im Ars Electronica Center, im Lentos, in der Landesgalerie Linz oder im Posthof. Längst hat sich Linz von einer staubigen Industriestadt zu einer interessanten Kulturdestination gewandelt, die 2009 sogar den Sprung zur Kulturhauptstadt Europas schaffte. Trotz der Möglichkeit, Räume kostengünstig zu nutzen, ist die finanzielle Situation des „Tanzhafen Festival“ seit der ersten Ausgabe unvermindert schwierig. Aufgrund des kontinuierlichen Erfolges hofft das Führungsduo jedoch, dass sich die Veranstaltung zukünftig auch ökonomisch konsolidieren wird.

Kein Tellerrand ist dem Tanzhafen Festival zu hoch. Dieses Jahr kooperiert man erstmals mit dem Moviemento Programmkino und zeigte an zwei Abenden experimentelle Tanzfilme, vielfach von Kunstschaffenden, die – ganz der kuratorischen Strategie des Festivals entsprechend – entweder hier leben oder durch Geburt bzw. Studium mit der Region verbunden sind. Vier Workshops aus den Feldern Urban, Contemporary, Gaga und Body Music binden ebenso bewegungsaffine Menschen in das Festivalgeschehen ein wie ein offener Lindy-Hop-Tanzabend und zwei Community Days mit Beiträgen von Kindern, Jugendlichen, geflüchteten und Menschen mit besonderen Bedürfnissen.

Wie sehr das „Tanzhafen Festival“ den Kunstschaffenden als Sprungbrett dient, war im Zuge der Wiederaufnahme von „teleta_K_T“ evident. Julia Hartig diplomierte mit ihrer 25-minütigen Performance „teleta_K_T“ an der Abteilung für Experimentelle Gestaltung der Kunstuniversität Linz. In der Arbeit inszeniert die aufstrebende Künstlerin den Theatertext „Gier“ der früh verstorbenen, britischen Autorin Sara Kane ohne Worte. Gefangen in einem Seil ohne Ende, organisieren vier Frauen und vier Männer ihre trostlosen Beziehungen mithilfe des Fadenspiels Cat’s Cradle. Ihr Körpergewicht hält dabei das Seil straff gespannt. Jede Positionsveränderung ist nur unter schmerzlicher Anstrengung möglich, da sich jeweils der Rest der Gruppe widerständig verhält. Der verwendete Bodenbelag aus zertretenen Eierschalen kann auch als Motiv des „Tanzhafen Festival“ gelesen werden: ästhetisch ansprechend, fruchtbar, piksend.

Der Aufenthalt wurde von Linz Tourismus übernommen.

Veröffentlicht am 01.06.2017, von Ingrid Türk-Chlapek in Homepage, Kritiken 2016/17

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