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Gießen

TANZART OSTWEST IN GIEßEN ERÖFFNET

Tanzcompagnie Gießen zeigt „Schlaflabor - InPatients Suite“ von Marcos Marco und „Seid was ihr wollt“ von Massimo Gerardi



Mit Atmosphäre - einmal räumlich, einmal sprachlich - spielen die diesjährigen Gastchoreografen Marcos Marco und Massimo Gerardi.


  • „Seid was ihr wollt“ von Massimo Gerardi Foto © Rolf K. Wegst
  • „Seid was ihr wollt“ von Massimo Gerardi Foto © Rolf K. Wegst
  • „Seid was ihr wollt“ von Massimo Gerardi Foto © Rolf K. Wegst
  • „Seid was ihr wollt“ von Massimo Gerardi Foto © Rolf K. Wegst
  • „Seid was ihr wollt“ von Massimo Gerardi Foto © Rolf K. Wegst
  • „Schlaflabor - InPatients Suite“ von Marcos Marco Foto © Dagmar Klein
  • „Schlaflabor - InPatients Suite“ von Marcos Marco Foto © Dagmar Klein
  • „Schlaflabor - InPatients Suite“ von Marcos Marco Foto © Dagmar Klein

Zur TanzArt ostwest in Gießen gehören traditionell ein site-specific-project zu Beginn, das wenig bekannte Stadträume tänzerisch erkundet, und die letzte Tanzpremiere der jeweiligen Spielzeit. Beide Choreografien werden mit der Tanzcompagnie Gießen (TCG) erarbeitet, zur site-specific kommen in der Regel noch Gasttänzer hinzu. Die Gastchoreografen für das diesjährige TanzArt ostwest Festival haben beide auf Einladung von Ballettdirektor Tarek Assam schon einmal mit der TCG gearbeitet: der in Marseille lebende Spanier Marcos Marco beim site-specific-project in einem ehemaligen Fitnessstudio (2014) und der in Dresden lebende Italiener Massimo Gerardi für das Studiobühnenstück „Puppentänze“ nach E. T. A. Hoffmanns „Sandmann“ (2011).

Das alte Orthopädie-Gebäude hätte schon längst abgerissen sein sollen, nun wurden die OP-Säle und das ehemalige Schlaflabor einer letzten, theatralen Nutzung zur Verfügung gestellt. Gespannt folgte das Publikum den Tänzern und Tänzerinnen durch die verlassenen Funktionsräume. Marco hat die zwei Stockwerke zu Parallelwelten erklärt. Unten agiert die Gruppe der Weißkittel hinter Glastüren, die ihren Job mit Selbstsicherheit, Diskussionen und Zweifel füllen. Schließlich treten sie als bunt gekleidete Individualisten zu bläsergestützter Tanzmusik auf, leben fröhlich ihre Neurosen aus und umschmeicheln das Publikum.

Auf der oberen Ebene geht es um individuelle Ängste einzelner Menschen, die als Patient durch die Schleuse in den Operationssaal geschoben oder mit Röntgengeräten traktiert werden und den Netzfäden der Klinik entkommen wollen, indem sie aus dem Fenster schauen. In einem Kostüm aus bunten Luftballons geleitet Magdalena Stoyanova die Gruppe traumwandlerisch hinaus. „Schlaflabor - InPatients Suite“ ist tiefschürfend und augenzwinkernd, wie mit leichter Hand geschaffen.

Nur während der TanzArt-Pfingsttage zu erleben. Es tanzen: Caitlin-Rae Crook, Agnieszka Jachym, Lara Kleinrensink, Magdalena Stoyanova, Skip Willcox, Douglas Evangelista, Iacopo Loliva von der Tanzcompagnie Gießen; und Gäste aus Reggio Emilia: Arianna Gamberini, Mattia Molini, Chiara Zinkone.

Der „Tanzabend nach Klaus Kinskis Rezitationen der lasterhaften Balladen und Lieder des François Villon“ ließ Aufregendes erwarten. Massimo Gerardi steht als Choreograf für das Ausloten von Grenzen und dies tat er auch in „Seid was ihr wollt“, das am Donnerstagabend in der taT-Studiobühne uraufgeführt wurde. Die derbe Sprache der Villon-Texte, vorgetragen in der exzentrischen Diktion von Klaus Kinski, unterlegt von rhythmisch-lautem Sound gingen eine ergreifende Gesamtwirkung ein. Und die beteiligten vier Tänzer und drei Tänzerinnen der Tanzcompagnie Gießen (TCG) loteten hierbei auch ihre eigenen Grenzen aus.

Francois Villon lebte im ausgehenden Mittelalter, als das Leben von Armut und Not, Krieg und Gewalt, von Ungerechtigkeit und Grausamkeit geprägt war. Er war ein Gelehrter und Dichter, landete aber in der Kriminalität. Seine Balladen behandeln allgemeinmenschliche Themen wie Liebe, Enttäuschung und Hass. In den 1920er Jahren schuf der Expressionist Paul Zech eine Nachdichtung. Diese Tatsache würde außer Experten wohl niemand interessieren, wenn da nicht Klaus Kinski gewesen wäre. Der exzentrische Schauspieler bleibt unvergessen durch seine Art des Rezitierens.
Massimo Gerardi betrachtet in seiner Choreografie die aus der Gesellschaft Herausgefallenen, die Geächteten und Diffamierten. Armut und Elend bringen Not und Gewalt, da helfen auch die Gebote der Kirche nicht. Die Bühnenwände werden beschrieben, das Brechen der Zehn Gebote darin formuliert. Maria als Himmelsgöttin und Schmerzensreiche wird zur aggressiv auftretenden Hure (Maria A. Dornio). Körperliches Begehren ist fast in jeder Szene greifbar. Sie wird verkörpert und genial gespielt von Sven Krautwurst. Er ist die Transe in High Heels, der Lover aller Frauen („Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund“) und schließlich auch der Männer. Vollends gruselig wird es in einem Sado-Maso-Spiel, in dem er als Domina ein Opfer an der langen Gummileine zappeln lässt (Lorenzo Rispolano). Verzweiflung spürbar macht das berührende Pas de Deux von Mamiko Sakurai und Yusuke Inoue.

Kraftvoll-dynamische Gruppenszenen lassen den ganzen Raum erbeben, für Grazie und Anmut sorgen bei aller Heftigkeit Clara Thierry und Marcel Casablanca Martínez. Die Lichtinstallationen schaffen intime Räume (Bühne: Katja Wetzel) und zerren alles erbarmungslos ans grelle Neonlicht, zeigen schmutzige Körper und aus Fetzen bestehende Kostüme (Annika Klippstein). Am Ende bringt Gerardi noch seinen Witz ins Spiel, wenn die Tänzer in Rokokofräcken und ziselierten Bewegungen französische Worte genussvoll zelebrieren.

Die nächsten Vorstellungen: 11., 24. Juni 2017, 20.00 Uhr; Wiederaufnahme in der nächsten Spielzeit.

www.tanzart-ostwest.de

www.tanzcompagnie.de

Veröffentlicht am 02.06.2017, von Dagmar Klein in Homepage, Kritiken 2016/17

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