HOMEPAGE



Berlin

„DIE EINEN, DIE ANDEREN“

Eine internationale Kooperation cie. toula limnaios & cia. gira dança (Brasilien) in der HALLE Tanzbühne Berlin



Ein komplexes Tanzstück, das die Widersprüche in und um uns nicht banalisiert, sondern emotionsgeladen nach dem sucht, was jeden zum Homo sapiens macht.


  • „die einen, die anderen“ von Toula Limnaios; Joselma Soares und Marconi Araújo Foto © Dieter Hartwig
  • "die einen, die anderen" von Toula Limnaios; Karolina Wyrwal, Daniel Afonso, Priscilla Fiuza, Leonardo d’Aquino, Hironori Sugata, Katja Scholz und Daeho Lee Foto © Dieter Hartwig
  • "die einen, die anderen" von Toula Limnaios; Hironori Sugata, Karolina Wyrwal, Priscilla Fiuza, Leonardo d’Aquino, Katja Scholz, Daniel Afonso und Daeho Lee Foto © Dieter Hartwig
  • "die einen, die anderen" von Toula Limnaios; Daeho Lee Foto © Dieter Hartwig
  • "die einen, die anderen" von Toula Limnaios; Karolina Wyrwal (l) und Priscilla Fiuza (r) Foto © Dieter Hartwig
  • "die einen, die anderen" von Toula Limnaios; Joselma Soares und Wilson Macário (l), Iego José und Jania Santos (r) Foto © Dieter Hartwig
  • „die einen, die anderen“ von Toula Limnaios; Katja Scholz, Daeho Lee und Karolina Wyrwal (v.l.n.r.) Foto © Dieter Hartwig
  • „die einen, die anderen“ von Toula Limnaios; Thaise Galvão und Marconi Araújo Foto © Dieter Hartwig

Stehende Ovationen für die vierzehn Tänzerinnen und Tänzer aus Berlin und Natal/Brasilien mit dem Inszenierungsteam um Choreografin Toula Limnaios, die sich in ihrer ersten gemeinsamen Produktion mit einem aufsehenerregenden tänzerischen Diskurs über reale und utopische Körperbilder beidseits des Atlantiks als universell präsentieren. „die einen, die anderen“ thematisiert, verstärkt durch die bewusste Inklusion von vier behinderten Protagonisten, die Suche jedes Menschen nach eigener Entfaltung und sozialem Miteinander.

Die Tanzkompanie der griechischen Choreografin Toula Limnaios tanzt im 21. Jahr ihres Bestehens erfolgreich in Berlin, in Deutschland und Europa. Als innovative Vertreterin der deutschen zeitgenössischen Tanzszene tourt sie weltweit, unterstützt vom Goethe Institut und dem Auswärtigen Amt; sechsmal gastierten die Berliner in Brasilien. Bei gemeinsamen Workshops begegneten sie 2014 der brasilianischen Kompanie. Gira Dança ist ein 2005 in Natal, Hauptstadt des Bundesstaates Rio Grande, von Anderson Leão und Roberto Morais gegründetes Ensemble für zeitgenössischen Tanz mit behinderten und nicht behinderten Menschen. Das neue Tanzstück „die einen, die anderen“ wurde in zwei Monaten gemeinsamer Recherche in Nordostbrasilien erarbeitet.

Was an diesem Abend in der Halle Tanzbühne verhandelt wird, sind in- und übereinander gelagerte bildmächtige Annäherungen an den menschlichen Körper als Ort des Begehrens und der utopischen Sehnsüchte, die durch die Zwänge der Realität fortwährende Wandlung erfahren. Der Zweiteiler fokussiert jeweils die Protagonisten einer Kompanie in der realen Bühnenaktion, wobei die Abwesenden stets per Videoprojektion - aufregend gedreht und kontrapunktisch montiert von Giacomo Corvaia - präsent sind. Vor Bildern einer Industriebrache tastet ein Wesen im Pelz affenartig auf den Handballen, Buntgekleidete stehen im Müll, davor tanzt Daeho Lees muskulöser Körper im Licht. Faszination der Schönheit. Inspiriert von Michel Foucaults Radiovorträgen „Der utopische Körper/Die Heterotopien“ (1966) hinterfragt das Tanzstück betörend-verstörende Körperbilder in divergierenden Lebensräumen. Ein Tanzstück über das, was alle Menschen mit und ohne Behinderung einengt, begrenzt, erniedrigt, beglückt.

Fünf greifen nach den Brüsten einer Frau, Spiel und Bedrängnis, die Gruppe zerfällt in fragmentierte Individuen, während sich das brasilianische Septett im Video eng umschlungen über dem Rollstuhlfahrer auf einem Abrissdach türmt. In kontrastierenden Parallelaktionen, teils zeitversetzt und mit völlig unerwarteten emotionalen Umschwüngen, kreiert Toula Limnaios mehrfach hochexplosive Crescendi menschlicher Kraftentladung. Die Berliner verausgaben sich als Selfi-Hipster-Septett im Leerlauf, während im Film eine Kleinwüchsige wütend Lehm schleudert, Dreck frisst. Die Selbstbespieglung und Vereinzelung auf der Bühne erweitert der Kamerablick: junge Brasilianer versuchen die isolierte Enge in Abrissmauern zu überwinden. Körper als gnadenlose Topi! Göttergleich und fratzenhaft. Hündische Paare zerfleischen einander und schreddern Mahlers Adagetto. Ralf R. Ollertz komponiert sich aufbäumende oder meditativ-surreale Klangwelten. Nur zum berührenden Liebesduett der korpulent-schönen Joselma Soares mit dem Mann im Rollstuhl erklingen Originaltöne von Bach. Formvollendet sitzt ein Paar in Rückenansicht. Sie wenden sich um, kurzzeitig irritiert die Beinbehinderung des Mannes, im Yogasitz zum Publikum gewinnen Karolyna Wyrwal und Marconi Araújo ungeteilte (Film)-Souveränität. Choreografische Sequenzen der Berliner sind im realen Part der Brasilianer gedoppelt und um neue Bewegungsmuster erweitert. Der Mensch als Dompteur und als dressierter Affe, der Mann im Rollstuhl kippt auf die Bühnenfläche, kreiselt am Boden, erdrückt einen Mann, wird von diesem auf seinen deformierten Beinen jedoch wie ein Fakir gehoben; im Film sind Hironori Sugata und Marconi Araújo zum aufrechten Gang fest aneinander geschnallt. Die kleinwüchsige Schönheit Jania Santos wird zur weiblichen Bestie, mit enormer Power treibt sie das Wutquintett an und attackiert eine gefesselte Frau, die sie von sich stößt. Das brasilianische Septett zelebriert Posen sozialen Zusammenhalts. Auf der großen Leinwand marschieren die vierzehn Protagonisten eng aneinandergeschmiegt mit lachendem Gesicht am sonnigen Meer; auf der dunklen Bühne strampelt, aufgespießt zwischen zwei Beinen, die kleinwüchsige Frau und kommt nicht voran.

„die einen, die anderen“ - ein komplexes Tanzstück, das die Widersprüche in und um uns nicht banalisiert, sondern emotionsgeladen nach dem sucht, was jeden zum Homo sapiens werden lässt.
Karin Schmidt-Feister

Weitere Aufführungen:
3. + 4. Juni, 8. bis 11. + 15.bis 18. Juni 2017, jeweils um 20.30 Uhr
HALLE TANZBÜHNE BERLIN Eberswalder Straße 10 Tickets 030 - 44044292

Veröffentlicht am 02.06.2017, von Karin Schmidt-Feister in Homepage, Kritiken 2016/17

Dieser Artikel wurde 1008 mal angesehen.



Kommentare zu "„die einen, die anderen“"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LEUTE AKTUELL


    ARBEITEN WIE EIN KRAFTWERK

    Goyo Montero im Gespräch
    Veröffentlicht am 01.12.2017, von Alexandra Karabelas


    "TANZ DER MENSCHLICHKEIT"

    Nestroy Spezialpreis für Doris Uhlich und Michael Turinsky mit "Ravemachine"
    Veröffentlicht am 17.11.2017, von Pressetext


    JÖRG WEINÖHL VERLÄSST DIE OPER GRAZ

    Der Ballettdirektor wird seinen Vertrag nicht verlängern
    Veröffentlicht am 13.11.2017, von Pressetext



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    HOME SWEET HOME (UA)

    Premiere am 18. November 2017 im emma-theater in Osnabrück

    In Mauro de Candias HOME SWEET HOME, inspiriert von Franz Kafkas BRIEF AN DEN VATER, ereignet sich genau das: Erinnerung, Traum und Wirklichkeit begegnen sich im eigenen Heim.

    Veröffentlicht am 27.10.2017, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

    Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
    Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    VERBOTEN, VERSCHOBEN, VERGESSEN?

    Zur Absage der Uraufführung „Nurejew“ des Regisseurs Kirill Serebrennikow und des Choreografen Juri Possochow am Moskauer Bolschoi-Theater
    Veröffentlicht am 18.07.2017, von Boris Michael Gruhl

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    EIN KLASSIKER – AUFS FEINSTE HERAUSGEPUTZT

    „Don Quixote“ in der Nurejew-Fassung beim Hamburg Ballett

    Veröffentlicht am 11.12.2017, von Annette Bopp


    HELLMUTH MATIASEK FEIERT HEUTE SEINEN 85.GEBURTSTAG

    Pick bloggt über seinen langjährigen Intendanten Hellmuth Matiasek und reist in Gedanken von Rosenheim bis nach Japan

    Veröffentlicht am 15.05.2016, von Günter Pick


    BEATE VOLLACK WIRD NEUE BALLETTDIREKTORIN DER OPER GRAZ

    Mit dem Beginn der Spielzeit 2018/19 tritt sie ihre neue Position an

    Veröffentlicht am 12.12.2017, von Pressetext


    AUF DEN HUND GEKOMMEN

    Mit „Dürer´s Dog“ kreiert Goyo Montero am Staatstheater Nürnberg eines seiner schönsten Ballette

    Veröffentlicht am 11.12.2017, von Alexandra Karabelas


    WAS DER KÖRPER MÖGLICH MACHT

    Mit „Old, New, Borrowed, Blue“ verheiratet das Ballett im Revier Gelsenkirchen eine bunte Mischung von Choreografien miteinander

    Veröffentlicht am 10.12.2017, von Boris Michael Gruhl



    BEI UNS IM SHOP