HOMEPAGE



Hamburg

VOM FLIEHEN UND ANKOMMEN

Salia Sanou aus Burkina Faso mit „Du Désir d’Horizons“ beim Festival „Theater der Welt“ im alten Kakaospeicher im Hamburger Hafen



Die melancholische Atmosphäre der Halle passt bestens zur Stimmung des Stücks, die immer wieder durch Lebensfreude konterkariert wird – Salia Sanou ist hier ein kleines Meisterwerk gelungen.


  • „Du Désir d’Horizons“ von Salia Sanou Foto © Laurent Philippe
  • „Du Désir d’Horizons“ von Salia Sanou Foto © Laurent Philippe
  • „Du Désir d’Horizons“ von Salia Sanou Foto © Laurent Philippe
  • „Du Désir d’Horizons“ von Salia Sanou Foto © Laurent Philippe
  • Kakaospeicher und Fetsivalgelände Foto © Theater der Welt
  • HAVEN - das Festivalzentrum Foto © Theater der Welt

Was für eine tolle Idee, eine riesige alte Halle, in der mal Kakao gelagert wurde, für die Kultur zu nutzen, noch dazu mitten im Hamburger Hafen, am Baakenhöft, direkt gegenüber der Hafencity-Universität. „Haven“ hieß diese Spielstätte, zentraler Ort der Multi-Kulti-Begegnung in den knapp drei Wochen des „Theater der Welt“. Es gibt eigentlich keinen Grund, sie nicht auch künftig für kulturelle Stelldicheins jeglicher Couleur zu nutzen. Der alte Kakaospeicher hat ihn noch, den rauen Charme einer Industriehalle, wo die Vögel unterm Dach wohnen. Und der Ort ist ein Place-to-be mit Blick auf die Skyline der Hansestadt, wo Möwen über der Elbe kreischen, hin und wieder ein Dickschiff tutet und die Luft nach Meer riecht. Hamburg-Flair at its best.

Mitten in dieser Halle eine eigens aufgebaute Zuschauertribüne, auf den Stühlen jeweils eine Fleecedecke, denn an kühlen Tagen wird es in der zugigen Halle schon nach kurzer Zeit recht ungemütlich. Davor ein bühnenartig abgeteiltes Rechteck – schwarz der Hintergrund, schwarz der Tanzteppich, in einer Ecke stapeln sich übereinander gestellte flache Klappliegen. Tageslicht fällt durch die schmutzigen Glasscheiben – aber an diesem trüben Abend macht die Sonne den wenigen Bühnenscheinwerfern keine Konkurrenz.

Zwischen den gestapelten Liegen schält sich langsam eine Frau heraus und beginnt, selbstvergessen mit sich selbst zu tanzen. Nach und nach kommen weitere Tänzer hinzu, vier Paare sind es schließlich. Erst nach 20 Minuten setzt Musik ein, anfangs Klavier solo, später ein Mix aus verschiedenen Werken, von afrikanischen Songs bis zum griechischen Sirtaki und wummernden, hämmernden Bässen. Mal agieren die Tänzer synchron, mal driften sie wieder einzeln auseinander. Sie stürzen ineinander, verknäulen sich, bilden Haufen, robben über den Boden, tragen einander, halten sich, jagen über die inzwischen über die Bühne verteilten Liegen, die an Flüchtlingslager erinnern. Das weckt Assoziationen zu den zentralen Themen unserer Zeit, die auf diesem Festival breiten Raum einnahmen: Flucht, Verfolgung, Begegnung, Mitgefühl, Erbarmen, aber auch Aggression und Ablehnung. Immer wieder wird der Tanz unterbrochen von Texten der kanadischen Schriftstellerin Nancy Huston, die eine der Tänzerinnen direkt ins Mikro spricht (und die man gerne im Programmzettel abgedruckt gelesen hätte).

Salia Sanou ist hier ein kleines Meisterwerk gelungen. Die melancholische Atmosphäre der Halle passt bestens zur Stimmung seines Stücks, wird aber immer wieder konterkariert durch die Lebensfreude, die sich im Verlauf des Abends mehr und mehr Bahn bricht. So kurven die Tänzer am Schluss mit vier Elektro-Mopeds über die Bühne zu den Worten von Nancy Huston: „It’s love, that makes the world go around.“ Und schließlich finden sie sich alle zusammen – sie sind angekommen. Ein großartiger Abschluss eines berührenden Stücks.

Bleibt zu hoffen, dass die Kulturbehörde aus diesem wunderbaren Fleckchen alter Industrie- und Handelskultur mitten im Hafen auch künftig eine Spielstätte macht, an der sich Kreativität in viele Richtungen entfalten kann.

Veröffentlicht am 13.06.2017, von Annette Bopp in Homepage, Gallery, Kritiken 2016/17

Dieser Artikel wurde 246 mal angesehen.



Kommentare zu "Vom Fliehen und Ankommen"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE NEWS


    TANZLAND

    Eine Million Euro für Gastspielkooperationen
    Veröffentlicht am 22.06.2017, von Pressetext


    TRAUER UM ROSALIE

    Am 12.06.2017 starb die Bühnen- und Kostümbildnerin rosalie in Stuttgart
    Veröffentlicht am 14.06.2017, von tanznetz.de Redaktion


    URAUFFÜHRUNGEN IN WUPPERTAL

    Neustart beim Tanztheater Wuppertal und Adolphe Binder
    Veröffentlicht am 12.06.2017, von Pressetext



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    DANCEMAKERS SERIES #8

    Das Tanz-Ensemble des Luzerner Theaters präsentiert eigene Choreografien

    Am Ende der Spielzeit lädt «Tanz Luzerner Theater» jeweils zu den Dancemaker Series. Auch für die neunte Ausgabe gestaltet das Tanz-Ensemble das gesamte Programm, Bühnen- und Kostümbilder sowie Musikarrangements selber. Die Premiere von «Dancemakers Series #8» findet am 08. Juni im Südpol Luzern statt.

    Veröffentlicht am 05.05.2017, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

    Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
    Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    WIE TANZT MAN REFORMATION?

    Das Bundesjugendballett wagt mit "Gipfeltreffen - Reformation" einen Versuch
    Veröffentlicht am 15.01.2017, von Andreas Berger

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    DAS „CAFÉ MÜLLER“ UND DIE FOLGEN

    Der dreiteilige Ballettabend „Hope“ in Antwerpen

    Veröffentlicht am 30.05.2017, von Boris Michael Gruhl


    POLITIK KANN MAN TANZEN

    INVENTUR 2 evaluierte in Düsseldorf die aktuelle Situation innerhalb der zeitgenössischen Tanz- und Performancekunstsparten

    Veröffentlicht am 04.06.2017, von tanznetz.de Redaktion


    TANZART OSTWEST IN GIEßEN ERÖFFNET

    Tanzcompagnie Gießen zeigt „Schlaflabor - InPatients Suite“ von Marcos Marco und „Seid was ihr wollt“ von Massimo Gerardi

    Veröffentlicht am 02.06.2017, von Dagmar Klein


    WENN SIE MAL SCHAUEN MÖCHTEN …

    Die Palucca Hochschule für Tanz Dresden mit ihrer alljährlichen Leistungsschau im Festspielhaus Hellerau

    Veröffentlicht am 20.06.2017, von Rico Stehfest


    DIE KUNST, DER RAUM UND DER TANZ

    DANCE 2017 mit VA Wölfl, Trajal Harrell und Frédérick Gravel

    Veröffentlicht am 25.05.2017, von Miriam Althammer



    BEI UNS IM SHOP