HOMEPAGE



Stuttgart

POWER PUR UND SENSIBLE ZWISCHENTÖNE

Zweites "Colours International Dance Festival" von Gauthier Dance



Die Produktion zur Eröffnung mit dem programmatischen Titel „Mega Israel“ mit drei Stuttgarter Erstaufführungen von Hofesh Shechter, Sharon Eyal-Gai Behar und Ohad Naharin birst vor Power und Provokation.


  • Gauthier Dance//Dance Company Theaterhaus Stuttgart: MEGA ISRAEL: "Uprising" Foto © Regina Brocke
  • Gauthier Dance//Dance Company Theaterhaus Stuttgart: MEGA ISRAEL: "Killer Pig" Foto © Regina Brocke
  • Gauthier Dance//Dance Company Theaterhaus Stuttgart: MEGA ISRAEL: "Minus 16" Foto © Regina Brocke

So muss ein Festival beginnen, will es eine Stadt wie derzeit Stuttgart miteinbeziehen, für alle Altersgruppen Angebote machen und mit dem Tanz die Vielfalt dieser Kunst, die ohne Toleranz und Internationalität nicht möglich ist, Verbindendes schaffen, wo oft genug derzeit das Trennende Konjunktur hat.

Zum zweiten Mal also „Colours International Dance Festival - Presented by Eric Gauthier“. Und wie könnte es anders sein, Gauthier Dance eröffnet das Mega-Festival mit gut 20 internationalen Gastspielen namhafter Kompanien und Neuentdeckungen. Das Festival wird seinem Motto gerecht, die Vielfalt der Farben des Tanzes rund um die Welt zu präsentieren.

Die Produktion zur Eröffnung mit dem programmatischen Titel „Mega Israel“ mit drei Stuttgarter Erstaufführungen von Hofesh Shechter, Sharon Eyal-Gai Behar und Ohad Naharin, birst vor Power und Provokation, nimmt gefangen in so zarten wie sensiblen Momenten, um im nächsten Augenblick nicht nur den Pegel der Lautstärke dermaßen hoch zu fahren, dass die Wände wackeln. Aber was laut ist, muss nicht Lärm sein.

Mit „Uprising“ von Hofesh Shechter wird der Abend eröffnet. Als hätten die sieben Tänzer von Gauthier Dance nur darauf gewartet - auf blanken Sohlen, ganz lässig und locker gekleidet -, dass dieser dröhnende, rockende Beat wie man ihn bei Shechter kennt und erwartet, sie aufeinander losgehen lässt. Was heißt hier gehen, sie gehen sich an, Aggression ist angesagt, wer gibt den Ton, wer ist der coolste? Das könnte man schon so sehen und sähe doch nur einen Teil dieser Sicht nicht gänzlich unironischer Betrachtung männlicher Dominanztänze. Denn wie sollen sie sich nahe kommen, diese coolen Kerle, wenn sie nicht rempeln oder raufen? Am Ende, wenn sich musikalische Fragmente romantischer Revolutionssymphonik zu den verzerrten Beats mischen, wenn sich die sieben Tänzer zu einem Barrikadenbild finden und ein rotes Minifähnchen im leichten Winde weht, dann ist es doch klar, Männer müssen tanzen, sonst sind sie verloren.

Ebenfalls mit Power kommen die Frauen. „Killer Pig“ von Sharon Eyal-Gai Behar für sechs Tänzerinnen, nicht ganz unähnlich den männlichen Rivalitätstänzen davor. Nur scheinen sie jetzt schon einen Schritt weiter, denn mutig und mit verblüffender, tänzerischer Power erobern sie bei neoklassisch grundierter Technik auf halber Spitze in rasanten Sprungvariationen - ohne auch nur ein Minimum an weiblicher Präsenz aufzugeben - doch jene Bereiche, die auch im Tanz bislang nur den männlichen Tänzern zugetraut wurden. Ja, sie geben sich kämpferisch, diese grandiosen Tänzerinnen von Gauthier Dance, sie kennen die Kraft der synchron geführten Gruppe und sie kennen den Wandel, wenn sie sich im leichten Reigen wie in einer schönen Hommage an die Zeit der Ballets Russes fast schwebend durch den Raum bewegen. Dann klickt es nochmal, erst die Männer, dann die Frauen, jeweils spannende Varianten: Gewalt und Zärtlichkeit und die bewegenden Visionen des Tanzes.

Darauf folgt Tanz für alle im grandiosen Finale dieser Eröffnung des Festivals der Farben: die ganze Kompanie mit 16 Tänzerinnen und Tänzer, dazu das Publikum auf der Bühne.
Ohad Naharins Kultstück „Minus 16“, 1999 für das Netherlands Dans Theater in Den Haag kreiert, man mag es ja schon mehrfach erlebt haben, hier aber, mit den Tänzerinnen und Tänzern der Gauthier Dance Company am Stuttgarter Theaterhaus, erlebt man es neu. Die heitere, einladende Improvisation eines Tänzers geschieht schon in der Pause, auch vor leerem Saal, wie er in sich versunken tanzt und dann in kreativer Erschöpfung zu Boden geht. Wenn sich dann die traditionelle Musik aus Israel mischt mit deutscher Romantik von Chopin und im immer wieder so beeindruckenden wie auch verstörenden „Echad Mi Yodea“ erklingt - jene wilde, provokante „Laola-Welle“ der Tänzer auf den Stühlen zum traditionellen jüdischen Gesang der Familien, die beim Pessachfest an den überstürzten Aufbruch des Volkes Israel aus der Ägyptischen Gefangenschaft und den Beginn des Weges durch Wüste und Rotem Meer in die verheißene Freiheit erinnert; Wenn sich die Tänzerinnen und Tänzer fast nackt machen und am Ende Kleider und Schuhe in die Mitte geworfen werden, dann ist es klar: Das ist Naharins Kraft des Protestes, die er in diese Arbeit gelegt hat. Und um diese über alles Mitreißende und Dekorative hinaus zu vermitteln, braucht man starke Tänzerpersönlichkeiten. Hier zählen weder Perfektion allein noch die Vollkommenheit der Symmetrie. Hier zählt die totale Hingabe, und die kann man erleben. Aber es ist nicht nur dieser mitreißende Charakter der Arbeiten von Naharin in „Minus 16“, es sind auch sehr sensible Passagen, wie etwa das Duo zu Antonio Vivaldis Vertonung des 126. Psalms, jenem Hoffnungsgesang, der von der Vision, einmal zu sein „wie die Träumenden“, erzählt.
Und auch die Einladung an das Publikum mitzutanzen, eine mitunter heikle Angelegenheit, gelingt, da die Tänzerinnen und Tänzer ihre Partnerinnen nicht allein lassen und so aus der wunderbaren Verführung keine Vorführung wird.

Veröffentlicht am 07.07.2017, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Kritiken 2016/17, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 1164 mal angesehen.



Kommentare zu "Power pur und sensible Zwischentöne"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    KAPUTTE STRUMPFHOSEN UND SCHLIMMERE PEINLICHKEITEN

    Gauthier Dance mit „Kamuyot“ und Gallim Dance mit „Blush“ beim COLOURS Festival in Stuttgart

    Ein schlauer, familienfreundlicher Auftakt des COLOURS Tanzfestivals, das zurzeit die Bühnen des Stuttgarter Tanzhauses mit den unterschiedlichsten Facetten von internationalem Tanz füllt.

    Veröffentlicht am 03.07.2015, von Isabelle von Neumann-Cosel


     

    AKTUELLE NEWS


    SCHWEIZER TANZSZENE GEPRÄGT

    Noemi Lapzeson verstorben
    Veröffentlicht am 12.01.2018, von tanznetz.de Redaktion


    PETER MARTINS TRITT ZURÜCK

    Der langjährige Leiter des New York City Ballets verlässt im Zuge der Vorwürfe sexuellen Missbrauchs die Kompanie
    Veröffentlicht am 02.01.2018, von tanznetz.de Redaktion


    BALLETT AM RHEIN-TÄNZERIN ERHÄLT FÖRDERPREIS

    Ann-Kathrin Adam wird ausgezeichnet
    Veröffentlicht am 12.12.2017, von Pressetext



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    OLD, NEW, BORROWED, BLUE

    Ballett-Premiere am Samstag, den 25.11.2017 um 19.30 Uhr auf der Bühne des Großen Hauses am Musiktheater im Revier

    „Something old, something new, something borrowed, something blue…und ein silberner Sixpence im Spitzenschuh…“, könnte man den Titel des neuen Ballettabends weiterdichten.

    Veröffentlicht am 08.11.2017, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    GLEICHNISHAFTE BILDER VOM MISSBEHAGEN AN DIESER WELT

    Das Cullbergbaletten zeigt Jefta van Dinthers „Protagonist“ im HAU Berlin
    Veröffentlicht am 15.01.2018, von Volkmar Draeger

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    HERZENSANGELEGENHEIT

    Mit dem Abend „Dancing Souls“ stellt sich Alfonso Palencia als Ballettdirektor in Hagen vor

    Veröffentlicht am 14.01.2018, von Marieluise Jeitschko


    GRENZENLOSE GRENZEN

    Die Uraufführung von Jessica Nupens „Don’t trust the border“ in der Hamburger Kampnagelfabrik begeistert mit unbändiger Fantasie und Kreativität

    Veröffentlicht am 18.01.2018, von Annette Bopp


    FREESTYLE HAPPENINGS

    Uraufführung von Jasmine Ellis „Empathy“ im Schwere Reiter in München

    Veröffentlicht am 15.01.2018, von Vesna Mlakar


    FEUER, WASSER – UND ROCKENDE BIENEN

    Zwei Meisterwerke in Zürich: „Speak for Yourself“ von León/Lightfoot und „Emergence“ von Crystal Pite

    Veröffentlicht am 14.01.2018, von Marlies Strech


    FRIVOL FRANZÖSISCH

    Les Ballets de Monte-Carlo: „La Mégère apprivoisée“ von Jean-Christophe Maillot

    Veröffentlicht am 12.01.2018, von Hartmut Regitz



    BEI UNS IM SHOP