HOMEPAGE



Berlin

ALLES NUR SCHEIN

Beer and me, that's it: Constanza Macras' "The Pose" an der AdK Berlin



Das interdisziplinär erfahrene, internationale Dorkypark-Team um die Choreografin ist über vier Stunden mit viel Energie, Tempo und Spiellaune in Aktion. Der globale Kult ums eigene Ich wird dabei sommerlich leicht, humorvoll parlierend gespiegelt.


  • „The Pose“ von Constanza Macras/DorkyPark in der Akademie der Künste Berlin Foto © Dieter Hartwig
  • „The Pose“ von Constanza Macras/DorkyPark in der Akademie der Künste Berlin Foto © Dieter Hartwig
  • „The Pose“ von Constanza Macras/DorkyPark in der Akademie der Künste Berlin Foto © Dieter Hartwig
  • „The Pose“ von Constanza Macras/DorkyPark in der Akademie der Künste Berlin Foto © Dieter Hartwig
  • „The Pose“ von Constanza Macras/DorkyPark in der Akademie der Künste Berlin Foto © Dieter Hartwig
  • „The Pose“ von Constanza Macras/DorkyPark in der Akademie der Künste Berlin Foto © Dieter Hartwig

Selbstinszenierung und Selbstoptimierung feiern Hochkonjunktur insbesondere in einer so schrankenlos partysüchtigen Egomanen-Metropole wie Berlin. Hier lebt die in Argentinien geborene Choreografin Constanza Macras seit mehr als zwei Jahrzehnten. Ihre unkonventionell kraftvollen Kreationen touren deutschland- und weltweit. Nach vier Jahren Abstinenz erlebte mit „The Pose“ wieder eine Dorkypark-Produktion ihre Berliner Uraufführung. Das interdisziplinär erfahrene, internationale Dorkypark-Team (ergänzt um 25 Gast-Performer) ist über vier Stunden mit viel Energie, Tempo und Spiellaune in Aktion. Der globale Kult ums eigene Ich wird dabei sommerlich leicht, humorvoll parlierend gespiegelt; bitterböse schrille abgründige Sequenzen sind rar.

Die Zuschauer sind in Bewegung, wandern zunächst in drei Gruppen zu drei parallel bespielten Aufführungsorten in der Akademie der Künste am Hanseatenweg. Abendsonne liegt über dem Garten, die große Linde spiegelt sich in der Wasserfläche, durch Stelen tritt eine ältere Frau (Ana Mondini) in schwarzem Kleid und grünen Heels. Ihr souveräner Gang verliert sich in Unsicherheit, sie taumelt über den Rasen, später angstbesetzt in die Arme eines schlaksigen Jungen. Kleinste Spuren von Paartanzposen verflüchtigen sich in einem langsamen Kippen, Schwingen, Fallen. Eine junge Frau verknotet ihre Gliedmaßen, stürzt barfuß ins Wasser. Für ein paar Sekunden bevölkert eine bunte Tanzgruppe mit stereotypen MTV-Bewegungen den Garten. Schauspieler Luc Guiol auf erfolgloser Jobsuche kommentiert sprachlich präzise und amüsant seine absurden Fotoreihen für Casting-Agenturen, die vor den Zuschauern auf einem Screen erscheinen. Diese Selbstkommentierung eigener Porträt-Fotos gekoppelt mit körperlicher Selbstbefragung zieht sich auch bei den anderen Hauptakteuren überzeugend durch alle Stationen.

Im Sitzungssaal führt Miki Shoji lächelnd plappernd ihre banalen Selfies in Flugzeugen, Hotels, Flughäfen, Zimmern rund um den Erdball vor: „It´s me, I was drunk, felt so good, made a photo …“. Eine andere Frau, deren Körper in einem akrobatischen Solo von innen heraus zu zerspringen drohte, besingt zur Gitarre Urlaubsbanalitäten. Der androgyne Japaner Nile Koetting in Glitzershorts legt sich selbst Handschellen an, schreitet als Paradiesvogel, gräbt sich in die Erde ein und öffnet seine gefesselten Hände wie ein Blütenkelch. In der Beschreibung seiner austauschbaren Fotos als Model eröffnet er dem Publikum die dahinter verborgene Spur seiner persönlichen Geschichte einer psychotischen Kindheit als Außenseiter. Diese bewusste Doppeldeutigkeit ist ein starkes Moment, bleibt leider die Ausnahme.

Im Besprechungsraum kommentiert eine Frau ihre Selfies als sexy Telenovela. Erlernte Selbstverliebtheit kreist bei Emil Bordás Slow-HipHop-Balance um eine Hand. Der Südafrikaner Thulani Lord Mgidi agiert in zerstückelten Bewegungsfragmenten und schießt Selfies auf Demos; die Welt verstehen lernt er nicht.
Im Zeitraffer von gehetztem Kleider- und Requisitentausch formen die Akteure auf der Studiobühne vor allen Zuschauern 'lebende Bilder', die in immer neuen Arrangements erstarren. Ein virtuoses Posen-Sammelsurium der Theater-, Film- und Tanzgeschichte für emotionale Zustände und Beziehungen erzeugt kurze Lacher im Publikum. Doch die Gesten ermüden, die Performance zerfasert, findet keine schlüssige dramaturgische Raffung. Wenn im Finaltableau vor der Pause alle Performer unisono in sterbender Schwan-Pose zu Boden gehen, klingt der Sub-Text der klassischen Ballettmeisterin „All hope is lost“ wie ein skeptisches Omen. Nach der Pause kann der Parcours nochmals in drei Gruppen erlebt werden, der Fokus weitet sich auf unterschiedliche Kulturen und Gesellschaften.

Constanza Macras choreografiert und arrangiert „The Pose“ in der Kombination aus intensivem Tanz-Spiel, assoziativem Text, banalem Sound und Architektur als Erinnerungsräume, in denen Achtlosigkeit und Achtsamkeit walten. Alle Akteure reiben sich im Befragen und Aufbrechen tradierter scheinbar festgeschriebener Sprach- und Körperbilder. „The Pose“ ist ein mehrstimmiger Langzeit-Kommentar zur weltumspannenden Selfie-Manie. Er verweist auf die Hoffnungen und Ängste hinter den Bildern, den Posen, dem Lächeln. Die Überlänge des Projektes erschöpft sich in Wiederholungen mit Variationen und nimmt dem Anliegen den Biss.

Veröffentlicht am 12.07.2017, von Karin Schmidt-Feister in Homepage, Kritiken 2016/17, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 772 mal angesehen.



Kommentare zu "Alles nur Schein"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    DIE WELT ALS BILDSCHIRM UND WOHNZIMMER

    Constanza Macras' neues Stück “Here/After” im Berliner HAU1

    Veröffentlicht am 05.12.2011, von Frank Weigand


    ZERFASERNDE TANZAKTIONEN

    Constanza Macras’ „Oedipus Rex“ im Hebbel am Ufer mangelt es an szenischer Fantasie

    Veröffentlicht am 15.03.2010, von Volkmar Draeger


    DEUTSCHER THEATERPREIS DER FAUST 2010

    Tanzpreise an Constanza Macras und Richard Siegal

    Veröffentlicht am 28.11.2010, von Pressetext


    ZUSAMMENPRALL DER KULTUREN

    Zur Europapremiere von „On Fire - The Invention of Tradition“ im Maxim Gorki Theater, Berlin

    Hinterfragen und dekonstruieren: Constanza Macras' raffiniertes Spiel mit postkolonialen Bildern

    Veröffentlicht am 02.10.2015, von Karin Schmidt-Feister


     

    AKTUELLE NEWS


    ALLE PARTNER BEISAMMEN

    Kooperation mit der Dresden Frankfurt Dance Company wird fortgesetzt
    Veröffentlicht am 18.11.2017, von Pressetext


    "TANZ DER MENSCHLICHKEIT"

    Nestroy Spezialpreis für Doris Uhlich und Michael Turinsky mit "Ravemachine"
    Veröffentlicht am 17.11.2017, von Pressetext


    JÖRG WEINÖHL VERLÄSST DIE OPER GRAZ

    Der Ballettdirektor wird seinen Vertrag nicht verlängern
    Veröffentlicht am 13.11.2017, von Pressetext



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    YOU WILL BE REMOVED

    Ein Tanztheater von Johannes Wieland - Wiederaufnahme am 10. Oktober 2017 am Staatstheater Kassel

    In „you will be removed“ beschäftigt sich Tanzdirektor des Staatstheaters Kassel Johannes Wieland mit dem Thema der Flucht – in all seinen Facetten und Erscheinungen und den Folgen...

    Veröffentlicht am 05.09.2017, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

    Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
    Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    VERBOTEN, VERSCHOBEN, VERGESSEN?

    Zur Absage der Uraufführung „Nurejew“ des Regisseurs Kirill Serebrennikow und des Choreografen Juri Possochow am Moskauer Bolschoi-Theater
    Veröffentlicht am 18.07.2017, von Boris Michael Gruhl

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    JÖRG WEINÖHL VERLÄSST DIE OPER GRAZ

    Der Ballettdirektor wird seinen Vertrag nicht verlängern

    Veröffentlicht am 13.11.2017, von Pressetext


    DER SCHÖNE SCHEIN

    Die Uraufführung des Balletts „Die Kameliendame“ von Ralf Rossa an der Oper in Halle

    Veröffentlicht am 14.11.2017, von Boris Michael Gruhl


    AUGE IN AUGE MIT DEN MONSTERN

    Helena Botto zeigt in der Hebelhalle Heidelberg ihr neues Stück „Monstrator“

    Veröffentlicht am 13.11.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    "THE REVISED AND UPDATED BREMEN STRUCTURES"

    Emanuel Gats neue Choreografie in Bremen

    Artikel aus Südkurier vom 17.01.2011


    OLDENBURG LÄSST DIE PUPPEN TANZEN

    „Drei Generationen“ bei der BallettCompagnie Oldenburg

    Veröffentlicht am 16.11.2017, von Martina Burandt



    BEI UNS IM SHOP