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Stuttgart

EIN GEMEINSAMER ATEM

Colours International Dance Festival am Theaterhaus Stuttgart



Der Name ist Programm. Am ersten Wochenende leuchtet der Tanz in vielen Farben mit Russell Maliphant Company, der ehemaligen Bausch-Tänzerin Christiana Morganti, Akrobatik und der vom Festival koproduzierten Uraufführung "Cella".


  • Colours International Dance Festival: Narelle Benjamin & Paul White mit "Cella" Foto © Pippa Samaya
  • Colours International Dance Festival: Cristiana Morganti mit "Moving with Pina" Foto © Funaro
  • Colours International Dance Festival: Russell Maliphant Company mit "Conceal | Reveal" Foto © Hugo Glendinning
  • Colours International Dance Festival: Gravity & Other Myths mit "A Simple Space" Foto © Steve Ullathorne

In einem leuchtend roten Abendkleid bewegt sich die italienische Tänzerin Christiana Morganti in bewundernswerter Eleganz und Leichtigkeit. Man möchte sich fragen, was hat ein so beschwingter Tanz mit Pina Bausch zu tun, denn dieser am Ende stürmisch gefeierte Festivalbeitrag heißt „Moving with Pina“ und ist eine „Lecture Performance über die Poetik, Technik und Kreativität von Pina Bausch“.
Allerdings sind diese Poetik, Technik und Kreativität wohl nicht zu denken ohne dieselben der Tänzerinnen und Tänzer des Wuppertaler Tanztheaters, wo Christiana Morganti mehr als 20 Jahre lang getanzt hat. Wenn sie das wunderbare Kleid ablegt und in schwarzer Trainingskleidung dem Publikum nicht ohne Humor, Hintersinn und herzhaft freundlicher Ironie die Fragetechnik der Tanzikone Pina Bausch vorstellt, dann vergehen fast 80 Minuten wie im Fluge. Pina Bausch, so Morganti, habe sie das Sehen mit dem Körper gelehrt, zu jedem Stück habe sie den Tänzerinnen und Tänzern an die 1000 Fragen gestellt. Aus den getanzten Antworten wählte sie aus und fügte zusammen, was am Ende zusammengehörte. Jetzt aber stellt Christina Morganti etliche Fragen und vor allem die darin enthaltenen Techniken der Herausforderung vor, und im persönlichen Falle auch die Antworten mittels ihrer individuellen Körpersprache. Na ja, ob Pina Bausch da immer richtig lag mit ihrer Auswahl und ihren Verwerfungen, manchmal kommt die doch Frage auf.
Bei Pina Bausch gebe es kein „als ob“ - das Publikum müsse Zeuge von etwas Wahrem sein, keine Frage, an diesem Abend im Rahmen des Colours Festivals feiert mit dieser Tänzerin die Wahrheit des Ausdrucks Triumphe, auch wenn sie in Erläuterungen zu „Kontakthof“ mit den verwandelten Gesten aus dem täglichen Leben ganz und gar nichts Alltägliches präsentierte. Es gibt Erinnerungen an ein so kollektives wie emotionales Erlebnis bei „Frühlingsopfer“ oder bei der Sequenz kindheitserinnernder Bewegungen aus „Keuschheitslegende“. Es war ein Höhepunkt des Festivals gleich zu Beginn, nicht zuletzt weil die Tänzerin Maßstäbe setzte und man mit diesen im Hinterkopf sich immer mal wieder dabei erwischen wird, bei anderen Gastspielen zu fragen, wie man es denn nun halte, mit der tänzerischen Authentizität.

Diese Frage war beim Gastspiel der Russell Maliphant Company nicht so leicht zu beantworten, denn in den vier kurzen Kreationen bestimmte vor allem das Licht mit seinen Stimmungsmomenten, in denen sich die Tänzerinnen oder Tänzer auch schon mal regelrecht aufzulösen scheinen, die wesentlichen Eindrücke. Dass Michael Hulls als „Licht-Magier“ angekündigt wird, erweist sich ohne Widerspruch. Wie da Menschen aus den Umrissen ihrer Schatten immer wieder heraustreten, um gleich darauf zu verlöschen, hat faszinierende Momente.
Auch spielen die Schatten, insbesondere wenn sie sich vervielfachen, eine entscheidende Rolle bei dieser meditativen Suche nach jenem Licht, welches diese wirft. Nach jener Höhe, aus dem ein Lichtstrahl auf die einsamen Menschen fällt, und wer bestimmt, ob die Kraft des Lichtes die Tänzerinnen oder Tänzer in die momentanen Höhen des aufrechten Ganges führt oder wieder zu Boden drückt. Dass hier vieles im Dunklen bleibt, ist gewollt. Dass dennoch eine gespannte Aufmerksamkeit des Publikums diese 60 Minuten durchzieht, spricht dann doch für die Kraft des Geheimnisses und der Einladung zur individuellen Deutung.

„Cella“ hieß die erste Uraufführung als Koproduktion mit dem Festival, kreiert und getanzt von Narelle Benjamin und Paul White aus Australien. Das Stück, ebenfalls stark bestimmt vom vielfach geheimnisvollen Lichtdesign von Karen Norris, lässt zunächst nur in Umrissen erkennen, dass da zwei Menschen auf dem Boden der Bühne ihre Körper dehnen und zusammenrollen und dann langsam, aber immer stärker die sie umgebende Räumlichkeit wahrnehmen und auch im immer wieder gefährdeten aufrechten Gang zu erkunden suchen. Bald werden sie sich erkunden, sie werden sich aufhelfen, sie werden sich niederwerfen, sie werden sich Schmerzen zufügen. Einem Kuss mit langem Anlauf, momentaner Erschöpfung folgen energiegeladene Momente, in denen die Körper wie von magnetischer Kraft getrieben zueinander kommen und sich dann regelrecht verknoten. Manche Körpererkundungen die Narelle Benjamin und Paul White aneinander vornehmen, wenn sie etwa die Dehnbarkeit der Haut austesten und bei verblüffender Atemtechnik die Rippen zum Tanzen bringen, verursachen Schmerzen beim Zusehen. Der wird dann lächelnd fort gefegt, wenn er mit ihr schwanger ist, eine neue Variante des hebräischen Schöpfungsmythos, bei der Adam Eva gebiert und beide wie von einer unsichtbaren Nabelschnur aneinander gebunden bleiben und sich in immer neuen Varianten ineinander verschlingen. Und wenn sie ihm am Ende die Abbilder seiner inneren Lebensmotorik, Herz und Lunge, auf die Brust malt, dann findet dieses bildstarke Tanztheater seinen Höhepunkt: Zwei Menschen, vier Beine und Füße, vier Arme und Hände, zwei Köpfe, ein Herz, ein gemeinsamer Atem.

Auch aus Australien kommen die zwei Akrobatinnen und fünf Akrobaten mit ihrem live agierenden Musiker Elliot Zörner am späten Abend in der Sporthalle des Theaterhauses. Dass Schwerkraft wohl doch zu überwinden ist, stellen die Mitglieder von "Gravity & Other Myths" in „A Simple Space“ unter Beweis. Sie wollen nicht nur hoch hinaus, sie können es. Sie wollen nicht nur Wahnsinnssprünge vollführen, sie können es und haben dabei das charmanteste Lächeln im Gesicht, als wollten sie sagen: "Na, was habt ihr denn, das machen wir doch ganz nebenbei mal, euch zur Freude." Da weht der wunderbare Geist der besten Zeiten des "Cirque du Soleil" durch die Festivalnacht. Da das Ganze eben auch einer choreografischen Grundierung folgt, fügt sich dieses besondere Format bestens in die farbige Vielfalt des ersten Wochenendes beim zweiten Colours International Dance Festival, das noch bis zum 23. Juli ganz sicher viele Höhepunkte und Überraschungen im Programm hat.

Veröffentlicht am 12.07.2017, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Kritiken 2016/17, Tanz im Text

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Kommentare zu "Ein gemeinsamer Atem"



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