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Moskau

VERBOTEN, VERSCHOBEN, VERGESSEN?

Zur Absage der Uraufführung „Nurejew“ des Regisseurs Kirill Serebrennikow und des Choreografen Juri Possochow am Moskauer Bolschoi-Theater



Die russische Justiz ermittelt inzwischen gegen Serebrennikow. Sein Reisepass wurde beschlagnahmt. Das setzt auch seine nächste Inszenierung im Ausland aufs Spiel – eine Premiere an der Stuttgarter Staatsoper im Oktober: „Hänsel und Gretel“ von Engelbert Humperdinck.


Die Absetzung oder Zensur missliebiger Theaterstücke kennt man, zumindest im Osten. In der DDR konnten dann zumindest manche dieser Stücke in der Provinz gespielt werden, die an größeren Häusern keine Chance hatten. Ballette traf es seltener. Das Ballett „Der Bolzen“ von Dmitri Schostakowitsch erlebte zwar 1931 am Leningrader Kirov-Theater seine Uraufführung, wurde aber kurze Zeit darauf abgesetzt. Zu linientreu, befanden selbst die stalinistischen Linienrichter, auch musikalisch nicht der größte Wurf des Komponisten – inzwischen in einer Choreografie von Alexei Ratmansky seit 2006 im Repertoire des Bolschoi-Theaters in Moskau. Wegen moralischer Anstößigkeit ließ schon der damalige Oberbürgermeister von Köln, Konrad Adenauer, die Ballettpantomime „Der wunderbare Mandarin“ von Béla Bartók nach der Uraufführung 1926 verbieten.

Vor einem solchen Hintergrund verwundert es nicht, wenn angesichts der gegenwärtigen Turbulenzen um ein drei Tage vor der Uraufführung abgesetztes Stück über den Tänzer Rudolf Nurejew am Moskauer Bolschoi-Theater, von Zensur die Rede ist, von Einschränkung der Kunstfreiheit und im Zusammenhang mit einer hier unumgänglichen Thematik: von homophoben Zusammenhängen. Daraus, dass Nurejew homosexuell war, dass er seine Neigung exzessiv auslebte, hat er selbst kein Geheimnis gemacht, allerdings auch erst, als er nach seiner Flucht in den Westen nicht mehr die Verfolgungen des Geheimdienstes KGB fürchten musste, wo man sich ebenso wie beim Staatssicherheitsdienst der DDR sehr dafür interessierte, wer wann und wo mit wem schlief. Zudem sparen manche der Biografien hier nicht mit teilweise unangemessenen und lediglich reißerischen Detailschilderungen.

Homosexualität war seit 1933 in der Sowjetunion gesetzlich verboten und wurde hart bestraft, Tausende verschwanden in Lagern. Obwohl das gesetzliche Verbot nicht mehr gilt, ist die Diskriminierung und die Ablehnung großer Teile der Bevölkerung immer noch präsent. Durch menschenverachtende Statements führender Politikerinnen und Politiker, werden so gut wie jede angemessene öffentliche Diskussion oder gar kleinste Ansätze von Aufklärung verhindert – vor allem durch die indifferente Haltung des Präsidenten Putin in dieser Frage, der sich im Hinblick auf die Einschränkung der öffentlichen Wahrnehmung homosexueller Menschen auf deren Schutz vor militanten Gegnern beruft. Kinderschutz und Jugendschutz können auch zu Totschlagargumenten werden.

Vor diesem Hintergrund fällt es schwer, sich vorzustellen, dass am ersten Opernhaus des Staates, beim Ballett des Bolschoi-Theaters, das Leben eines schwulen Künstlers im Mittelpunkt einer großen, genreübergreifenden Produktion stehen soll. Und hat man Nurejew wirklich verzeihen können, dass der damalige Startänzer sich nach einem Gastspiel des Leningrader Kirov-Theaters 1961 in Paris abgesetzt hatte? In Abwesenheit wurde er zu mehrjähriger Lagerhaft verurteilt. Zudem kann man ja nicht erwarten, dass Kirill Serebrennikow, einer der angesagtesten Theater- und Filmregisseure Russlands, gemeinsam mit dem renommierten Tänzer und Choreografen Juri Possochow, diese Themen ausblenden würde.

Nein, so die Leitung des Theaters, es habe keine Direktive seitens der Regierung, seitens des Kulturministeriums gegeben, man habe allein die künstlerische Qualität im Blick und da habe sich eben herausgestellt, dass dieses Stück noch nicht aufführungsreif sei. Es gab Gerüchte, dass Bolschoi-Generaldirektor Wladimir Urin entsetzt gewesen sei, ob über den Inhalt oder das vorhandene, künstlerische Ergebnis, wird in dieser Meldung des Standart nicht mitgeteilt. Urin wird nochmals zitiert, wie auch in vielen anderen Meldungen und Kommentaren, es handle sich um eine "künstlerische Entscheidung", und – das liest man nicht in allen Äußerungen – die Premiere finde statt, aber erst zu einem späteren Zeitpunkt.

Einer der Tänzer der Rolle des Nurejew, der ungenannt bleiben möchte, sieht das laut Standart ganz anders. Er bestätigt zwar, dass es Probleme gegeben habe, das sei aber in einem solchen Prozess normal, so der Tänzer gegenüber AFP, "Deshalb glaubt auch niemand in der Truppe an die Begründung". Weiter kann man in der Meldung des Standart lesen, eine regierungsnahe Quelle habe dem unabhängigen Sender Rain TV gesagt, in dem Ballett sei es um "Freiheit für Schwule" gegangen, und dies habe wie eine "Provokation" gewirkt. In Russland ist Homosexualität weitgehend ein Tabu-Thema: Homo-Ehen sind verboten, der Ruf nach rechtlicher Gleichstellung Homosexueller wird abgelehnt. Ein seit 2013 geltendes Gesetz stellt positive Äußerungen über Homosexualität, angebliche "Homosexuellen-Propaganda", in Anwesenheit von Minderjährigen unter Strafe. Für das umstrittene Werk war allerdings von vornherein vorgesehen, eine Altersbegrenzung ab 18 Jahre durchzusetzen.

In einem längeren Kommentar der New York Times, in dem immerhin die Möglichkeit einer Verschiebung der Uraufführung aus künstlerischen Gründen nicht gänzlich unberücksichtigt bleibt, gibt es einen Link zu einem Video, auf dem man einen kurzen Probenausschnitt sieht. Leider weiß man nicht, in welcher Phase der Proben diese Aufnahmen gemacht wurden, auf denen in der Tat noch sehr unfertig wirkende kurze Passgen zu sehen sind. Für die Hüter der Moral könnten allerdings die als queere Gestalten schreitenden Tänzer in High Heels schon eines der Probleme sein, mit denen sie nicht umgehen möchten und deshalb zu verhindern suchen, es anderen Menschen zu ermöglichen. Inzwischen aber kursieren Fotos und Videos im Netz, die einen aktuelleren Stand wiederzugeben scheinen. Was bei den fürsorglichen Verantwortlichen Anstoß erregen dürfte, ist das Bild eines nackten Tänzers bei Hinteransicht und eine Videozuspielung eines nackten Mannes von vorn in voller Größe.

Aber sollte es einem Regisseur vom Range Kirill Serebrennikow bei einem Werk über das widersprüchliche und auch zerrissene Leben eines Ausnahmekünstlers wie Rudolf Nurejew, der 1993 an AIDS qualvoll starb, wirklich nur um nackte Provokationen gehen? Das ist schwer vorstellbar, zumal man ihn als Opernregisseur auch hierzulande kennt. Denkt man an seine Sicht auf „Salome“ an der Oper in Stuttgart, oder auf „Der Barbier von Sevilla“ an der Komischen Oper in Berlin, sind die Meinungen geteilt – natürlich gibt es Zustimmung und Ablehnung.

Aber ist das nicht eine der ersten Aufgaben des Theaters, auch des Tanzes, konstruktive Widersprüche hervorzurufen? Eine genreübergreifende Musiktheater- und Ballettproduktion über eine so bedeutende und auch widersprüchliche Persönlichkeit wie Rudolf Nurejew böte sich an. Dass „Nurejew“ wie angekündigt im kommenden Jahr auf der Bühne des Moskauer Bolschoi-Theaters lebt, liebt, tanzt und stirbt, würde sich genauso anbieten: im März 2018 wäre er 80 Jahre alt geworden.

Schade nur, dass man den Status Quo verschlimmert hat, indem die russische Justiz inzwischen gegen Serebrennikow ermittelt. Sein Reisepass wurde beschlagnahmt. Das setzt auch seine nächste Inszenierung im Ausland aufs Spiel – eine Premiere an der Stuttgarter Staatsoper im Oktober: „Hänsel und Gretel“ von Engelbert Humperdinck. Es scheint um mehr zu gehen als nur seinen „Nurejew“...

Veröffentlicht am 18.07.2017, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Gallery, Themen

Dieser Artikel wurde 1040 mal angesehen.



Kommentare zu "Verboten, verschoben, vergessen?"



    • Kommentar am 23.08.2017 07:45 von tanznetz.de Redaktion
      Es wird immer schlimmer in Fall Serebrennikow. Der Regisseur wurde inzwischen festgenommen. Der Leiter des Moskauer Gogol-Theaters wird beschuldigt, Gelder in Höhe von etwa einer Million veruntreut zu haben. Auch die „Hänsel und Gretel“-Inszenierung in Stuttgart im Oktober steht damit ernsthaft auf dem Spiel. Er ist wegen Betrugsverdacht verhaftet worden. Das teilte das Staatliche Ermittlungskomitee am Dienstag in Moskau mit. Der Leiter des Moskauer Gogol-Theaters steht vorgeblich im Verdacht, staatliche Gelder von 68 Millionen Rubel (knapp eine Million Euro) veruntreut zu haben. Viele russische Künstler fordern eine Freilassung des inhaftierten Theatermachers. Auch die Staatsoper Stuttgart setzt sich für Serebrennikow ein.
    • Kommentar am 24.08.2017 12:28 von tanznetz.de Redaktion
      Solidaritätsbekundung der Ruhrtriennale und von Intendant Johan Simons

      Bochum, 24. August 2017 – Mit Betroffenheit reagieren die Ruhrtriennale und Intendant Johan Simons auf die jüngsten Strafverfolgungen der Künstler Kirill Serebrennikow und Doğan Akhanlı durch Russland und die Türkei. „Wir solidarisieren uns politisch und künstlerisch mit Kirill Serebrennikow und Doğan Akhanlı, die gerade zum unfreiwilligen Symbol werden, künstlerische Freiheit und freie Meinungsäußerung zu verteidigen“, so Johan Simons am Mittwoch in Bochum.



      Am Dienstag war der russische Theater- und Opernregisseur Kirill Serebrennikow mit dem Vorwurf der Geldunterschlagung in St. Petersburg verhaftet worden. Am Mittwoch wurde er in Moskau vernommen und wird bis zum 19. Oktober mit einer Fußfessel unter Hausarrest gestellt. Es besteht ein Kontaktverbot. Serebrennikow darf kein Internet nutzen und keine Post über Social Media verschicken, kein Theater betreten und keine Filmaufnahmen machen. Er bestreitet die Vorwürfe. Im Juli hatte das Moskauer Bolschoi-Theater drei Tage vor der Premiere eine Ballett-Inszenierung Serebrennikows über den russischen Tänzer Rudolf Nurejew abgesagt; es dementierte damals, es hätte die Aufführung abgesagt, weil in dem Stück Nurejews Homosexualität offen thematisiert würde. Der türkischstämmige deutsche Autor Doğan Akhanlı war Ende vergangener Woche an seinem Urlaubsort in Spanien festgenommen worden; derzeit ist er unter Auflagen frei; die deutsche Bundesregierung versucht, eine Auslieferung an die Türkei zu verhindern. Akhanlı thematisiert in seinem literarischen Werk den Völkermord an den ArmenierInnen vor 100 Jahren in der heutigen Türkei. Er war bereits in der Türkei wegen des Vorwurfs des Raubes und Totschlags juristisch angeklagt, aber freigesprochen worden; das Urteil war 2013 wieder aufgehoben worden.



      Johan Simons: „Natürlich ist es nicht einfach, sich von außen einen umfassenden Einblick in die juristischen Zusammenhänge zu verschaffen. Aber unser Vertrauen in die Unabhängigkeit und Rechtschaffenheit der russischen oder auch der türkischen Justiz ist seit der jüngsten Vergangenheit nicht ohne Grund erschüttert. Es gilt, früh und immer wieder das Wort zu ergreifen und zu warnen, wenn der Eindruck entsteht, die Feinde der Demokratie und der Kunstfreiheit könnten ihre Absichten hinter anderen Manövern verstecken. Europa und die Welt brauchen mutige KünstlerInnen und JournalistInnen, und mutige KünstlerInnen und JournalistInnen brauchen jetzt die Solidarität und Unterstützung Europas. Vor allem dann, wenn es schon ,Mut’ bedarf, eine unbequeme Wahrheit oder eine vermeintlich unschöne Tatsache frei auszusprechen. Gerade haben wir mit einem politischen Europa-Schwerpunkt die Ruhrtriennale 2017 eröffnet und während wir dieses Festival der Künste feiern, bestätigen die jüngsten Ereignisse in Russland und Spanien bzw. der Türkei einmal mehr die Dringlichkeit dieser Themenwahl aufs Traurigste. Sofort muss ich daran denken, was Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller vor wenigen Tagen in ihrer Festspielrede zur Eröffnung der Ruhrtriennale gesagt hat: ,Oft kommt der Anfang des Totalitären harmlos daher, als ginge es nur um den guten Geschmack, um die Verletzung der Gefühle, die Gewöhnung an einige Grenzen, über die man sich im Schreiben oder Malen nicht hinwegsetzen dürfe. Und dann kommt Schritt für Schritt immer noch eine Grenze hinzu. Die Zensur wollte immer schon nicht nur Bücher und Bilder, nicht nur Kunst verbieten, sondern die Wahrnehmung der Welt, aus der heraus die Kunstwerke entstanden sind.’ – Als KünstlerInnen in Freiheit, die wir hier in Deutschland sind, ist es unsere Pflicht, dafür einzutreten, den Wert dieser Grundwerte allen Menschen zu vermitteln und unsere Stimme für ihre Gültigkeit auch andernorts zu erheben. Zu diesen universellen europäischen Werten

      gehören eine unabhängige und rechtsstaatliche Aufklärung der fraglichen Vorwürfe und die uneingeschränkte Freiheit der Kunst.“
    • Kommentar am 14.09.2017 11:35 von tanznetz.de Redaktion
      Der in Russland unter Hausarrest stehende Theaterregisseur Kirill Serebrennikow wird im Oktober nicht wie geplant in Stuttgart arbeiten können. Wie die Staatsoper mitteilte, wird man an der Premiere von „Hänsel und Gretel“ am 22.10 trotzdem festhalten. Die Märchenoper wird ohne Serebrennikow fertig inszeniert werden.

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