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Berlin

BALLETT MACHT SCHÖN!

Der Zauber des späten Anfangs



Bericht über einen Selbstversuch im fortgeschrittenen Alter.


  • "Die Lust zu tanzen kennt kein Alter" Foto © Peter Heinrich
  • Müggelheimer Ballettis v.l.n.r. Marion Heinrich, Sabine Trappe-Rössler, Petra Palm, Liane Wiesner, Bianca Engelbrecht, Ruth Buchholz, Marion Müller, vorn Mitte Brigitte Bätz Foto © Peter Heinrich
  • Brigitte Bätz Foto © Peter Heinrich

Von Marion Heinrich

Manch gute Entscheidung im Leben will reifen. Bei mir dauerte es ein halbes Jahrhundert. Mit zehn bekam ich von meiner Klassenlehrerin das Buch „Galja, die Tänzerin“ geschenkt. Ich verschlang es und besitze es noch immer. Mit 60, ziemlich ausgepowert und krank, drückte ich endlich beherzt die Türklinke zum Müggelheimer Ballettstudio. Vom eigenen Mut überrumpelt sagte ich, ich müsse mein Leben grundlegend ändern. Ich wollte endlich tun, wovon ich immer träumte, tanzen, hier am Rande von Berlin.

Vor mir stand Brigitte Bätz, die Leiterin des BB-Ballettstudios, und ihr offener Blick bedeutet mir: Wann fangen wir an? Ich fühlte mich verstanden und der Motor in mir war angeworfen. War es ihre Art, ihre Ausstrahlung, ihre Grazie? War es ihre Art zu unterrichten? Ich weiß es nicht mehr, aber ich wusste genau, das will ich: Klassisches Ballett. Nicht weil Ballett en vogue ist. Nein, ich wollte wissen, was ich in meinem Alter noch an Köperbeherrschung erreichen kann. Beherrschung – in diesem Wort schwingt Macht über etwas mit und dieses Etwas heißt Schwerkraft. Aber sei es drum, man kann in jedem Alter Kopf und Geist ‚umbauen‘- man muss es nur leidenschaftlich wollen, dachte ich.

Brigitte Bätz hat die berühmte Palucca-Schule absolviert und an verschiedenen Theatern der DDR getanzt. Sie weiß, wie viele Stunden harten Trainings, Disziplin und Schweiß dazugehören, ehe man die Anmut und Grazie einer Ballerina erreicht.
Voller Erwartung ging ich zum ersten Ballettunterricht der Ü40-Frauen. Ruth Buchholz ist mit 83 Jahren die älteste der Gruppe. Seit acht Jahren ist sie dabei. Nur wenige Minuten der Probestunde reichten. Brigitte Bätz sah sofort, dass Ruth professionelle Tänzerin gewesen sein muss. Über 40 Jahre hatte sie nicht mehr getanzt und dennoch scheint es, als habe sie nie aufgehört.

Heute ist die Grande Dame das große Vorbild der ‚Ballettis‘, die sich jeden Dienstagabend zum Training treffen. Die Faszination für die Geschmeidigkeit des eigenen Körpers, das Überwinden der Schwerkraft und die Eleganz der Bewegungen, das ist es, was wir alle wollen. Die Mehrheit unserer Gruppe, Petra, Liane, Sabine, Marion und Bianca, ist berufstätig. Ruth und ich - Rentnerinnen. Natürlich kostet es Überwindung, nach der Arbeit aus Spandau, Hoppegarten oder sonst wo her ins Studio zu kommen. Wer neu zur Gruppe stößt, erfährt sofort, worauf es ankommt: Verlässlichkeit und Disziplin. Sonst kann man sich nicht weiterentwickeln und keine Choreografien einstudieren.
Ballett ist mehr als ein Freizeitsport für Bauch, Beine und Po. Ich wollte mit Feuereifer bei der Stange bleiben. An selbiger wurde mir aber ganz schnell klar, dass ich bei den Exercices, die Muskeln und Geist fordern, ziemlich alt aussah. Irgendwie konnte ich Arme, Beine und Kopf nicht zu einer harmonischen Bewegung vereinen. Die Architektur einzelner Posen sah bei den anderen toll aus, aber bei mir? Als Journalistin hatte ich viel über Hirn- und Altersforschung geschrieben. Ich wusste ja, dass die Plastizität, die Anpassungsfähigkeit beim Lernen von Bewegungen im Alter, abnimmt. Das Gehirn braucht halt länger, um sich neu zu vernetzen, aber man kann in jedem Alter seinen Körper und Geist noch umbauen, sagen Experten. Jahrzehnte alte Bewegungsmuster haben sich bei mir und auch den anderen Frauen eingeschliffen.

Brigitte Bätz erklärt geduldig, zeigt jeder einzeln, wie ein Plié, Battement tendu, ein Développé oder ein Fondu korrekt aussehen müssen. Und immer wieder gebraucht sie originelle Sprachbilder, damit „die Hüfte nicht mehr rausrutscht“ und die Battement Jetés exakt „wie mit der Brotmaschine geschnitten“ ausgeführt werden. Sie gibt praktische Tipps, wie jede von uns an einer Stuhllehne zu Hause weiterüben kann. Und tatsächlich, wir machen alle unsere Hausaufgaben - freiwillig. Keine will die anderen aufhalten, wenn eine neue Choreografie einstudiert wird.

Jede von uns hat eigene Farben, die unsere Gruppe bereichern. Die Leidenschaft zu tanzen ließ uns eine eingeschworene Truppe werden, deren Herz zweifellos unsere Ballettpädagogin ist. Ich frage mich manchmal, wie sie, die zur Perfektion von Kindheit an erzogen wurde, damit klarkommt, dass wir Späteinsteiger eben nicht perfekt sind, obwohl wir alles geben und an unsere Grenzen gehen. Sie lobt, sie kritisiert, korrigiert und motiviert und lockt immer wieder aufs Neue unseren Ehrgeiz, das Beste, was jede vermag, aus sich herauszuholen.

Oft sitzen wir nach dem Training noch zusammen, geschafft und in Erwartung von Muskelkater. Manchmal erzählt Brigitte von ihrer Bühnenkarriere, die 1986 am Nationaltheater Weimar unfreiwillig endete und ihr ein neues Leben am Horn von Afrika, in Äthiopien, eröffnete.

Sie hangelte sich von Job zu Job. Mit einem alten Pick up klapperte sie Kirchen in Addis ab. Sie wollte tun, was sie am besten kann, Ballett unterrichten. Skepsis gegenüber der ‚Ferenchi‘ – der Ausländerin- spürte sie nicht, im Gegenteil. Man forderte sie auf, sich einer Gemeinde vorzustellen und sie tat es auf ihre Art.

Sie ließ sich ihr langes Tutu aus Halle schicken und tanzte im Gemeinderaum das „Prélude“ aus Chopiniana. So etwas gab es nie zuvor. Brigitte Bätz unterrichtete fortan Ballett in der Kirche. Es gab weder Stangen noch Spiegel. Die Kinder übten an Stuhllehnen. Eine tanzende Ferenchi in der Kirche – das sprach sich herum. Auch die Kinder im SOS-Kinderdorf von Addis wurden ihre Eleven. Sie gab ihr Talent, Ehrgeiz und Leidenschaft weiter. Liebe und Anerkennung waren ihr Lohn, denn das was sie kann, ist unbezahlbar. Zurück in Deutschland begann sie eine Ausbildung zur Tanzpädagogin an der „Royal Academy of Dance“, die sie erfolgreich absolvierte. Das theoretische Fundament für ihre eigene Ballettschule war errichtet. Fehlten nur noch ein geeignetes Gebäude und natürlich Diejenigen, die tanzen lernen wollen. Als das Getränkelager von Müggelheim überflüssig wird, entsteht daraus ein schönes Ballettstudio. Natürlich gab es Höhen und Tiefen, Kommen und Gehen. Aber es gibt Mädchen, die als 7-jährige bei Brigitte Bätz anfingen und noch heute als Abiturientinnen zu ihr zum Klassisch-Training kommen. Auch von den ‚Ballettis‘ sind einige von Anfang an dabei.

Im Dezember 2016 feierten wir mit einer großen Gala das 10-Jährige Bestehen unseres Ballettstudios im Saal des Hauses der Russischen Wissenschaft und Kultur in Berlin. Über 100 Mitwirkende gestalteten ein anspruchsvolles Programm. Das Gefühl in tollen Kostümen Glenn Millers „In the mood“ zu tanzen, den Applaus von rund 500 Zuschauern zu erleben, war für mich wie für alle anderen unbeschreiblich und machte Lust auf mehr.

Inzwischen trainiere ich seit über zwei Jahren und beobachte an mir Veränderungen. Ballett macht schön, ich meine nicht nur ästhetisch. Ballett hat meinen Horizont und meine Grenzen erweitert, mir Beweglichkeit und neue Freunde geschenkt. Mein Fazit: Welch ein Glück, wenn man Träume endlich lebt und die Haltestange im Bus für ein Relevé nicht mehr braucht.

Veröffentlicht am 27.07.2017, von Gastautor in Homepage, Gallery, Tanz und Bildung, Blogs

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