HOMEPAGE



Mannheim

GLATTE OBERFLÄCHE UND TIEFGANG?

Die Alvin Ailey Dance Company gastiert im Nationaltheater Mannheim



Wie schon Tausende Male zuvor sprang der Funke zuverlässig über, und das Publikum entließ die achtzehn TänzerInnen nicht ohne Standing Ovations und eine Zugabe.


  • "Open Door" von Ronald K. Brown Foto © Paul Kolnik
  • "Open Door" von Ronald K. Brown Foto © Paul Kolnik
  • "Piazolla Caldera" von Paul Taylor Foto © Paul Kolnik
  • "Piazolla Caldera" von Paul Taylor Foto © Paul Kolnik
  • "Takademe" von Robert Battle Foto © Andrew Eccles
  • "Revelations" von Alvin Ailey Foto © Andrew Eccles
  • "Revelations" von Alvin Ailey Foto © Krautbauer

Wiedersehen macht bekanntlich Freude. Aber manchmal sind auch bange Gedanken dabei: Wie mag sich das Gegenüber verändert haben in der Zwischenzeit? Die Alvin Ailey Company hat schon oft im Rhein-Neckar-Raum gastiert – erstmals in den siebziger Jahren, zu Lebzeiten des legendären Kompaniegründers. Inzwischen ist das Alvin Ailey American Dance Theatre, gestartet als Amerikas erste und einzigartige Adresse für ‚schwarze’ Tänzer und deren Kultur, längst zur bekanntesten Vorzeigetruppe aus den USA geworden. Seit Kennedys Zeiten genießt das AAADT offiziellen politischen Rückenwind; heute beruft sich die Kompanie explizit auf kulturelle Vielfalt, ohne die afroamerikanischen Wurzeln aufzugeben.

1960 choreografiert Alvin Ailey „Revelations“ zu traditionellen Gospels – bis heute das Signaturstück der Kompanie. Es ist vielleicht die bekannteste Modern Dance Choreografie überhaupt, zig-tausendfach weltweit gezeigt. Beim Mannheimer AAADT-Gastspiel steht das Stück einmal mehr auf dem Programm. Und da stellt sich schon die bange Frage: Kann dieses sehr persönliche, auf intimen Kindheitserinnerungen an Gottesdienste in einer texanischen Baptistengemeinde basierende Stück über Sorgen, Liebe und Erlösung diese lange Zeit überleben? Das heißt, können die TänzerInnen von heute dem zeitgenössischen Publikum die Intimität und den Zugang zu einer der wichtigsten Quellen afroamerikanischer kultureller Identität immer noch authentisch nahebringen – oder ist nichts als eine gefällige Oberfläche geblieben?

Fazit der (Wieder-)Begegnung mit „Revelations“ in Mannheim: Um das Stück – wie überhaupt die künstlerische Ausrichtung der Kompanie muss man sich keine Sorgen machen. Wie schon Tausende Male zuvor sprang der Funke zuverlässig über, und das Publikum entließ die achtzehn TänzerInnen – durchweg Ausnahmeerscheinungen – nicht ohne Standing Ovations und eine Zugabe.

Eingestimmt wurden die Besucher in Mannheim durch das erstmals in Deutschland gezeigte Stück „Open Door“ (Choreografie: Ronald K. Brown). Zum Originalsoundtrack aus Havanna lieferte Brown eine temporeiche Erkundung kubanischer tänzerischer Tradition mit ihrer unverkennbaren rhythmischen Grundlage: ein weiteres überzeugendes Element der Aufarbeitung von Geschichte und Tradition afrikanischer Diaspora.

Absolut bestechend ist der Repertoirebestandteil des Programms: das 1997 von Paul Taylor geschaffene Stück „Piazzolla Caldera“. Sinnlich, ekstatisch und unter absoluter Hochspannung wird hier der Geist des Tangos ausgeleuchtet: ein Tanz, in dem alles geht – außer Einsamkeit. Einen überzeugenden Fingerabdruck hinterließ der amtierende künstlerische Direkter der Kompanie, Robert Battle, mit dem kurzen Solo „Takademe“ (1999). Hier hat indischer Kathak-Tanz Pate gestanden, den der Choreograf klug und witzig dekonstruiert, zum verblüffend jazzigen rhythmischen Silbengesang von Sheila Chandra.

Veröffentlicht am 05.08.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Gallery, Kritiken 2016/17

Dieser Artikel wurde 763 mal angesehen.



Kommentare zu "Glatte Oberfläche UND Tiefgang?"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    EINSAME SPITZE: „IN/SIDE“ VON ROBERT BATTLE

    Das Alvin Ailey American Dance Theater mit seinem zweiten Programm auf Deutschland-Tournee

    Veröffentlicht am 10.08.2011, von Marieluise Jeitschko


    MIT GROOVE

    Alvin Ailey Dance Theater startet diesjährige Sommertournee

    Da sind sie wieder einmal in's alte Europa gekommen, die Botschafter des schwarzamerikanischen Tanzes. Den Großen Saal der Alten Oper Frankfurt füllt das „Alvin Ailey Dance Theater“ gleich an vier Abenden.

    Veröffentlicht am 04.07.2014, von Dagmar Klein


    PARTY FÜR DIE „SEX MACHINE“

    Die Philadelphia Dance Company mit einer Hommage an James Brown

    Musik und Tanz waren die ersten kulturellen Bereiche, in denen Künstler mit afroamerikanischen Wurzeln eine eigene Identität entwickeln konnten. So nahmen die Truppen von Alvin Ailey anfangs nur Mitglieder mit dunkler Hautfarbe auf.

    Veröffentlicht am 13.03.2015, von Isabelle von Neumann-Cosel


     

    LEUTE AKTUELL


    AUF NEUEN WEGEN

    Bettina Wagner-Bergelt verlässt das Bayerische Staatsballett
    Veröffentlicht am 29.08.2017, von tanznetz.de Redaktion


    "EINE GROßE EHRE"

    Tarek Assam zum Sprecher der Bundesdeutschen Ballett- und Tanztheaterdirektoren Konferenz gewählt
    Veröffentlicht am 05.05.2017, von Dagmar Klein


    BOTSCHAFTER DES TANZTHEATERS

    Der Schweizer Choreograf Gregor Zöllig spricht mit Kirsten Pötzke über seine Wurzeln, die Begeisterung für den Tanz und die Arbeit mit Profis und Laien
    Veröffentlicht am 20.04.2017, von Kirsten Poetzke



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    ROMEO UND JULIA

    Grand Moscow Classical Ballet am 03.10. im Admiralspalast Berlin

    In der unsterblichen Tragödie ROMEO & JULIA wird die ganze Tragik und Schicksalshaftigkeit menschlicher Existenz offenbar – ein idealer Stoff für modernen Ausdruckstanz.

    Veröffentlicht am 05.09.2017, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

    Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
    Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    VERBOTEN, VERSCHOBEN, VERGESSEN?

    Zur Absage der Uraufführung „Nurejew“ des Regisseurs Kirill Serebrennikow und des Choreografen Juri Possochow am Moskauer Bolschoi-Theater
    Veröffentlicht am 18.07.2017, von Boris Michael Gruhl

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    DEUTSCHLAND BLEIBT TANZLAND

    Das Spielzeitheft Nr. 4 ist da!

    Veröffentlicht am 30.08.2017, von tanznetz.de Redaktion


    AUF NEUEN WEGEN

    Bettina Wagner-Bergelt verlässt das Bayerische Staatsballett

    Veröffentlicht am 29.08.2017, von tanznetz.de Redaktion


    VERBOTEN, VERSCHOBEN, VERGESSEN?

    Zur Absage der Uraufführung „Nurejew“ des Regisseurs Kirill Serebrennikow und des Choreografen Juri Possochow am Moskauer Bolschoi-Theater

    Veröffentlicht am 18.07.2017, von Boris Michael Gruhl


    ACCESS TO DANCE



    Veröffentlicht am 03.05.2013, von tanznetz.de Redaktion


    HELL YES!

    Richard Siegals „El Dorado“ auf der Ruhrtriennale im PACT Zollverein in Essen

    Veröffentlicht am 27.08.2017, von Carmen Kovacs



    BEI UNS IM SHOP