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Berlin

DIE FÄHIGKEIT VON ANDEREN WELTEN ZU TRÄUMEN

Eszter Salamons durational-Performance „MONUMENT 0.4: LORES & PRAXES (a ritual of transformation)“ bei Tanz im August



360 Minuten Tanz in denen es den BesucherInnen frei steht jederzeit zu kommen und zu gehen.


  • „MONUMENT 0.4: LORES & PRAXES (a ritual of transformation)“ von Eszter Salamon Foto © Lisa Rave

Ein Plädoyer könnte das werden, für die Tanzwelt im Museum. Auch wenn das Konzept nicht neu ist und in den letzten Jahren Arbeiten von Sasha Waltz im Neuen Museum, dem Jüdischen Museum oder MAXXI zu sehen waren, Tino Sehgal seine Werkschau im Martin-Gropius-Bau präsentierte und nicht zu vergessen das „Musée de la danse“ mit Boris Charmatz, von dem man in Berlin nun öfters etwas zu sehen bekommen wird, nachdem es zusammen mit der Volksbühne am 10.09.17 auf dem Tempelhofer Feld zu sehen sein wird, überzeugt es.

„MONUMENT 0.4“ bekommt in dem hellen, lichten Raum des KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst in Berlin-Neukölln im Gebäude einer ehemaligen Brauerei ganz andere Nuancen als Eszter Salamons fast gleichnamiges Bühnenstück „MONUMENT 0: Haunted by wars (1913-2013)“ aus dem Jahr 2014, aus der Reihe, die sich mit Tanz und Erinnerung beschäftigt und auf dem auch das Bewegungsmaterial der neuen Performance basiert. Hierbei handelt es sich um Widerstands- und Kriegstänze aus Krisenregionen der Welt, aus Asien, Afrika, Südamerika und dem Mittleren Osten. In „MONUMENT 0.4: LORES & PRAXES“ greift sie mit dem Begriff „Lore“ (aus dem Englischen beispielsweise in Folklore) nun explizit die Weitergabe von Wissen, das Gemeinsame als Teil der Erinnerung auf und appelliert an das kollektive Gedächtnis.

Die Blicke der TänzerInnen weichen nicht aus, sie treffen dich direkt, sie gehen auf dich zu, sind nahe bei dir, gleich wird dir etwa ins Ohr geflüstert. Sie bewegen sich an dir vorbei, sowie du dich an ihnen vorbei bewegst. Aufdringlich wirkt das nie, auch fallen die TänzerInnen dabei nie ins Private oder Unklare, der Modus ihres spielerischen Kampfes bleibt bestehen. In gekonnter Abfolge überlappen sich dabei die Tänze, das Flüstern und das Singen, sodass man sich unbemerkt vom Rhythmus vieler TänzerInnen und ZuschauerInnen umgeben zu einer Eins-zu-eins-Gegenüberstellung mit einer flüsternden Tänzerin bewegt, die einem von lebendiger Sprache erzählt, die sich im Gebrauch transformiert und von den vielen Körpern, die in einem einzelnen Körper zu Hause sind.

Über zwei Stockwerke verteilen sich die TänzerInnen und laden das Publikum ein, ihnen zu folgen oder mit ihnen zu verweilen. Der Raum erlaubt es die Aufmerksamkeit auf eine einzelne Person zu fokussieren, alle Details einer Bewegung wahrzunehmen, die Atmung und das Geräusch der langen, fliegenden Haarzöpfe im Widerstand des Windes, Fäuste in der Luft, klatschende Hände. Dabei wird eine einzelne Tänzerin, ein einzelner Tänzer nicht zur Singularität, sondern zu einer von vielen differenten Bewegungen im Raum, die man durch den Sound der Stimmen und die Bewegungen der Anderen gerahmt erfährt. Was bleibt von den widerständigen Tänzen, von der Kraft, nachdem sich die Tänze nach zahlreichen Wegen des Erlernens, der Transformation und Migration durch Zeit und Raum an einem solchen Ort zusammenfinden?

Das, was bleibt, ist, was da ist. Eine enorme Kraft der TänzerInnen aus neun Ländern von Costa Rica bis Südafrika (Liza Baliasnaja, Sidney Barnes, Mario Barrantes Espinoza, Boglárka Börcsök, Nick Coutsier, Stefan Govaart, Cherish Menzo, Sara Tan, Louise Tanoto, Tiran Willemse), die die Tänze zu ihren machten und ihre eigene Geschichte damit verweben. Was sich überträgt, ist die angstfreie Offenheit, mit der die TänzerInnen spielerisch den Raum mit den BesucherInnen erkunden, die Empathie, die man erfährt, indem Grenzen zwar ausgelotet aber nicht brutal niedergerissen werden. Man erfährt Mut und Erfindungsgeist und das hinterlässt ein leichtfüßiges Gefühl und den Wunsch genau das mit hinauszunehmen: „mit Vorstellungskraft anzueignen, aufzunehmen und zu stehlen, ohne darauf zu warten, das es einem beigebracht wird.“

Veröffentlicht am 02.09.2017, von Elisabeth Leopold in Homepage, Kritiken 2017/18

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