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Magdeburg

DANCE THRILLER

Gonzalo Galguera präsentiert mit dem Ballett Magdeburg die Uraufführung „America Noir“



Der Chefchoreograf und Ballettdirektor der Kompanie hat sich von amerikanischer Musik des 20. Jahrhunderts und von der Ästhetik des Film noir zu einem Thriller inspirieren lassen.


  • "America Noir" von Gonzalo Galguera Foto © Andreas Lander
  • "America Noir" von Gonzalo Galguera Foto © Andreas Lander
  • "America Noir" von Gonzalo Galguera Foto © Andreas Lander
  • "America Noir" von Gonzalo Galguera Foto © Andreas Lander
  • "America Noir" von Gonzalo Galguera Foto © Andreas Lander

Fast 20 Jahre lang trägt Gonzalo Galguera die Idee mit sich herum, ein amerikanisches Ballett zu kreieren. Fasziniert von den verschiedenen musikalischen Stilrichtungen wie Jazz, Blues, Soul und den Boogie-Rhythmen, begegnete er außerdem der berühmten Choreografie Le Concours von Maurice Béjart, die ihn seither nicht los ließ. Galguera wollte ein ganz besonderes Handlungsballett choreografieren, eine Geschichte mit der Bewegungssprache des Tanztheaters erzählen, das Tänzerische aus den starken Impulsen der Orchestermusik entwickeln.

In den „schwarzen“ Filmen (Film noirs), die in den 1940er und 1950er Jahren entstanden und auch in Europa für Aufsehen sorgten, fand Galguera Inspiration für sein „Krimiballett“: die Schwarz-Weiß-Ästhetik, Kälte, Sehnsucht und Einsamkeit, Flucht, rasante Ortswechsel, Gangster und Detektive, schöne Frauen und undurchsichtige Männer. „Im Zeichen des Bösen“ (Orson Welles), „Boulevard der Dämmerung“ (Billy Wilder), und Die Spur des Falken (John Huston) sind nur einige von 400 Film noirs, die zu diesem Tanztheaterabend anregten.

Die Dramaturgie wird bestimmt von der wohl berühmtesten Noir-Serie, die in vielen Ländern über mehr als vier Jahre das Publikum in seinen Bann zog: „Auf der Flucht“ nach dem Roman von David Goodis. Die fünf Teile des Balletts (Tod, Schein, Einsamkeit, Treiben und Wahn) hat Gonzalo Galguera aus dem unverwechselbaren Sound der Kompositionen heraus choreografiert. So sind, spezifisch für alle Teile der skizzenhaften Handlung, beeindruckende musikalische Bewegungschoreografien entstanden, die den temporeichen Sound und die Rhythmen von Saxofon, Klarinette, Posaune und Schlagzeug aufnehmen.

Die aus Russland stammende Gastdirigentin Anna Skryleva befeuert die Magdeburgische Philharmonie mit viel Temperament und Sensibilität. Nicht sehr oft erlebt man eine solche Homogenität zwischen dem Musikalischen und den rasanten und komplizierten Bewegungsabläufen auf der Bühne. Die Kompositionen von Joan Tower, William Grant Still, Aaron Copland, Philipp Glass und Samuel Barber sind als Sound mit der Geschichte kongenial verwoben. Karin Hercher (Bühne) und Stefan Stanisic (Kostüme) haben die Optik der „schwarzen Filme“ wirkungsvoll erfasst. Beeindruckend die Großstadt-Projektionen und die Simultanbilder in der Totale, kongruent zu den fulminanten tänzerischen Aktionen im letzten Teil des Flucht-Szenarios.

Für die einzelnen Teile der Fluchtgeschichte ist Andreas Loos als Protagonist mit seiner kraftvoll-athletischen Eleganz und seinem Charisma tänzerisch prägend. Er gerät er in den Strudel einer Großstadt, in den Sog der Frauen, muss sich verstecken. Einer der tänzerischen Höhepunkte ist das emotional ausdrucksstarke Pas de deux mit Narissa Course. Aber auch die Kompanie kann mit Bewegungsfolgen zwischen synchron getanzten Schrittkompositionen und sich immer neu formierenden Tableaux, punktgenau zur Musik und ihren jazzigen Rhythmen, beeindrucken.

Am Ende begegnen wir Loos in einem fiktiven Gefängnis mit den drei Frauen, die ihn auf seiner Flucht begleiteten. Er durchläuft verschiedene Seelenzustände: Getriebener, Ruheloser, von Sehnsucht geplagt, voller Verzweiflung und Hoffnung. Für das Finale von „America Noir“ findet Gonzalo Galguera mit spektakulären choreografischen Mitteln eine überzeugende Bildersprache, unterstützt durch die bedrohlich wirkenden Gitterwände als Metapher für die Ausweglosigkeit. Mit dieser Uraufführung haben Galguera und das Ballett Magdeburg etwas Besonderes kreiert – das Premierenpublikum honoriert mit Ovationen.

Veröffentlicht am 02.10.2017, von Herbert Henning in Homepage, Kritiken 2017/18

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