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Braunschweig

UN GRANDE

Gregor Zöllig choreografiert „Peer Gynt“ am Staatstheater Braunschweig



Eine atemlose Lebensrevue mit energetisch mitziehender Leitfigur und exzellent zusammenwirkendem Ensemble.


  • "Peer Gynt" von Gregor Zöllig Foto © Bettina Stoess
  • "Peer Gynt" von Gregor Zöllig Foto © Bettina Stoess
  • "Peer Gynt" von Gregor Zöllig Foto © Bettina Stoess
  • "Peer Gynt" von Gregor Zöllig Foto © Bettina Stoess
  • "Peer Gynt" von Gregor Zöllig Foto © Bettina Stoess

Ein Gedicht. Wie Braunschweigs Tanzdirektor Gregor Zöllig Henrik Ibsens ewigen Träumer, Fabulierer, Draufgänger und Egomanen Peer Gynt auf die Bühne des Staatstheaters zaubert, macht dem „dramatischen Gedicht“ des nordischen Hexenmeisters alle Ehre. Zu Griegs (manchmal leicht verfremdeter) Musik zeigt er eine atemlose Lebensrevue, die immer wieder mit neuen Szeneneinfällen überrascht und tänzerisch wunderbar auf den meist romantisch schwelgenden, manchmal satirisch rhythmisierten Melodien liegt.

Gianni Cuccaro als Gynt durchfurcht sein aus den eigenen Ängsten und Lüsten gebautes Universum mit raumfüllender Energie. Er ist kein nordischer, sondern ein neapolitanischer Faust, der als Wirbelwind seine Gefühle auch mal auf Italienisch rausschreit, immer auf der Suche nach sich selbst, dem nächsten Kick, unbeugbar, selbstbezogen, unermüdlich. Grandios, wie der Tänzer dabei die verschiedenen Facetten des komplexen Charakters ausdrückt.

Eingangs rennt er mit ausgebreiteten Armen seine Kreise, als wollte er die ganze Welt erobern. „Un Grande“ will er werden, schwebt an Seilen durch die Luft und wickelt seine händeringende Mutter Ase, die mit klopfenden Schlägen auf ihr Handgelenk sein Ausbleiben misst, förmlich ein. Mag sie ihn ohrfeigen oder den Kopf zurechtrütteln, er schleudert sie mit verschränkten Armen wie ein Pendel, umgarnt sie mit einer Mischung aus Albernheit und Zärtlichkeit. Alice Baccile zeigt energisch ihren Protest, der Zuneigung ist und schmilzt.   

Schon tobt Gynt mit der Grünen Trollprinzessin (Alice Gaspari) in einem wahren Liebeskampf. Klasse, wie die Trolle als dunkler Zug aus dem Gegenlicht nahen, als Schatten hinter ihrer Plane in erotische Rhythmen kommen und dann zur großen Orgie mit den Matscheimern ansetzen. Doch als Troll unter Trollen sieht sich der großsprecherische Gynt nicht. Wie ein Spuk verweht die zu gleichmachende Trieblichkeit.

Und dann ist Gynt plötzlich ganz romantisch Liebender wie im Ballett. Eine Hütte auf Schlitten hat er gebaut – Hank Irwin Kittels Ausstattung ist voller phantastischer Ideen, die wie Gynt Realitäten zauberhaft verwandeln. Solvejg legt ihm sacht den Kopf von hinten auf die Schulter, und schon beginnt ein fast klassischer Pas de deux, in dessen Verlauf Gynt sein Mädchen kunstvoll an sich bindet und auf seine Schultern setzt, mit ihr kuschelt und scherzt. Mara Sauskat tanzt Solvejg mit einer natürlichen Weichheit, auch wenn sie bald schon die Leere umarmen muss. Sie verkörpert durch alle Szenen mit schöner Präsenz die bergende Liebe, die für den ersehnten Heimkehrer immer mehr Lampions aufsteckt.

Doch da kommt ein Junge angerannt, Gynts Kind mit der Grünen. Er trägt es weg, es kommt wieder, wird ihm huckepack aufgesetzt, zu dritt mit dem schwingenden Kind in der Mitte versuchen sie ein paar Schritte als Familie. Es ist herzzerreißend zu sehen, wie Gynt zwischen Familie und dem Glück mit Solvejg schwankt. Wie er sich auch entscheidet, er richtet Leid an. Und er flieht.

Zöllig zeigt so viel Verständnis für Gynt, nie handelt der aus Bosheit. Wirft sich Ingrid, eines anderen Braut (Nao Tokuhashi), ihm nicht förmlich an den Hals, weil sie erotische Erfüllung statt Bauerntölpelei sucht? Die Dörfler singen ihr „Hänschen Klein“ nicht nur als Spottlied, sondern drängen Gynt als bedrohlich nahende Phalanx in die Welt hinaus. Die Geschäftsfreunde, die auf rollenden Bürostühlen durchs Bild surfen, berauben Gynt seines Goldflitters, Anitra (Mariateresa Molino) mit langen dominanten Beinen nimmt ihm noch das letzte Höschen ab, nackt unter Irren wird er Papierkronenkönig.

Noch das Zwiebelgleichnis ist anschaulich übertragen, wenn Gynt durch die versammelten Figuren der Geschichten irrt, von diesen mit ihren Attributen beworfen wird und diese nun Schale für Schale seine Identität ausmachen, der Mensch als Summe seiner Erlebnisse. Nur Solvejg hatte vielleicht noch einen anderen Kern und tanzt am Ende versonnen allein.

Zölligs Choreografie macht Geschichte und Sinn des Gedichts mit seinen starken emotionalen Motivationen klar nachvollziehbar. Das Ensemble wirkt exzellent zusammen, mit Cuccaro als energetisch mitziehender Leitfigur, eine Lebensrolle, so athletisch wie charakterstark erfüllt. Am Pult des prächtig aufspielenden Staatsorchesters lässt Christopher Hein die weichen Farben und festlichen Klänge Griegs sowie die milden Grieg-Bearbeitungen von Gavon Bryars leuchten.

Mit freundlicher Genehmigung der Braunschweiger Zeitung

Veröffentlicht am 22.10.2017, von Andreas Berger in Homepage, Kritiken 2017/18

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