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Stuttgart

DAS STUTTGARTER RITUAL

50 Jahre „Onegin“ von John Cranko am Stuttgarter Ballett



Über eine Jubiläumsvorstellung, die viele Geschichten erzählt.


  • "Onegin" von John Cranko Foto © Stuttgarter Ballett
  • "Onegin" von John Cranko; Marcia Haydée und Alicia Amatriain Foto © Stuttgarter Ballett
  • "Onegin" von John Cranko Foto © Stuttgarter Ballett
  • "Onegin" von John Cranko Foto © Stuttgarter Ballett
  • "Onegin" von John Cranko Foto © Stuttgarter Ballett

Welche Geschichten können von dieser Aufführung am vergangenen Freitag erzählt werden? Es sind, das gleich zu Beginn, derart viele, dass auch das nun Geschriebene nur eine Fußnote eines tausende Seiten langen Romans markieren kann; oder eine schmale Schicht, unter der sich unzählige weitere Schichten aufhäufen, zurück in die Vergangenheit. Den größten Ausschnitt können am Ende vielleicht nur ein, zwei, drei Menschen mündlich erzählen: Marcia Haydée, Dieter Gräfe und Reid Anderson. Weitere Teile andere: Tamas Detrich, Birgit Keil, Yseult Lendvai oder Alicia Amatriain; Friedemann Vogel oder Julia Krämer, Robert Tewsley, Vladimir Malakhov oder Sue Jin Kang; Marion Jäger oder Sonia Santiago oder Wolfgang Stollwitzer. Oder allen voran Georgette Tsinguirides. Oder Melinda Whitham. Um nur einige zu nennen. Neben vielen anderen zuletzt: die Zuschauer.

Egal, wo und wie sie „Onegin“ von John Cranko gesehen oder erlebt haben. Und egal aus welcher Perspektive. Denn dieses Buch, von dem die Rede ist, „Aufführung als Ritual: Über John Crankos Onegin“ gibt es nicht zu kaufen. Es ist jedoch Realität und Konstrukt, Gedanken-Konvolut und Erfahrung. Um was es darin geht, wird seit fünfzig Jahren, im Rekurs auf Notation, und davor kreiert und festgelegt von einem einzelnen Künstler, von Mensch zu Mensch sprechend, zeigend, vermittelnd, coachend und korrigierend weitergegeben. Es geht um Körperbewegungen, die viele Tänzerinnen und Tänzer in den vergangenen fünfzig Jahren im Beisein von Zeitzeugen, Coaches und Ballettmeistern unzählige Male wiederholt, erlernt und ausgeführt haben, seitdem sie erstmals von Marcia Haydée, Ray Barra und Heinz Clauss in den Hauptrollen erprobt worden waren. Es geht um klar erkennbare Gestiken, um Schritte, um Hebungen und Blicke; um Tipps und Details, um Timing. Um geheimes Wissen. Um Notwendigkeiten. Um Unbeschreibbares und doch klar zu Sehendes.

Es geht um eine Choreografie in Gänze, um das große tanzkulturelle Spektrum, das sie vereint; um die seelisch-emotionale Tiefe und die raffinierte, am Film geschulte Erzählstruktur, nach der diese Inszenierung Jahr für Jahr mehrfach eine Aufführung erfährt. Es geht auch um eine auktoriale theatrale Erzählweise. Und um das sofortige Ausleben von Gefühlen, noch im Probensaal; um Handlungen mit dem ganzen Körper also, immer wieder dieselben, die dasselbe erzählen und doch, weil der performative Akt zwischen Tänzerinnen und Tänzern und ihren Zuschauern immer ein wenig anders ist, das zu Erzählende jeweils einmalig in die Gegenwart tragen. So wiederholen sie das Ritual der Aufführung, das bis heute in besonderer und vielleicht einzigartiger Weise das Selbstverständnis des Stuttgarter Balletts, das Erwartungsspektrum in der internationalen Ballettwelt, aber auch das Image von Stuttgart als Kulturstadt prägt und festigt. Man wird sehen, wie Reid Andersons Nachfolger Tamas Detrich mit dem Ritual nach dieser Spielzeit umgehen wird. Aber das nur am Rande.

John Cranko hat „Onegin“ 1965 für Marcia Haydée und Ray Barra geschaffen. 1967 fand die Neufassung erstmals den Weg zur Bühne und danach in die Welt. Diese neue Fassung hatte dank zahlreicher Änderungen und Kürzungen, die die Dramaturgie des Stuttgarter Balletts kompetent für das lesende Publikum im neuen Programmheft zusammengetragen hat, Presse, Publikum und auch den amerikanischen Agenten Martin Feinstein überzeugt. Er hatte Cranko daraufhin geraten, mit diesem neuen „Onegin“ die dreiwöchige USA-Tournee zu eröffnen. Der Rest ist – eben!: Geschichte. „Onegin“ gilt heute nicht nur als das vollkommenste abendfüllende Werk von John Cranko, sondern auch als das herausragendste Literaturballett aus dem 20. Jahrhundert.

Als John Cranko 1973 unerwartet starb, wurde Dieter Gräfe sein Erbe. Und dieser sorgte, gemeinsam mit Haydée und Reid Anderson nicht nur dafür, dass „Onegin“ seitdem über 620 Mal allein in Stuttgart getanzt (durchschnittlich 12 Vorstellungen pro Spielzeit), sondern auch von knapp vierzig Kompanien weltweit ins Repertoire aufgenommen wurde.

Und so gedachte man am vergangenen Freitagabend nicht nur der Premiere der Neufassung vor exakt fünfzig Jahren. Man wurde auch Teil des immerwährenden, umwerfenden Rituals: eines selbstreferentiellen Ereignisses, das nichts von seiner Größe und Wucht verloren hat. Im Gegenteil. Und das ist maßgeblich Alicia Amatriain, Friedemann Vogel und Jason Reilly zu verdanken, aber auch so jemandem wie Meldina Witham, die seit bald Jahrzehnten die Rolle der gastgebenden Madame Larina gibt. Amatriain, Vogel und Reilly wurden vor mehreren Jahren zu Kammertänzern des Stuttgarter Balletts ernannt, sind Weltstars und Ausnahmetänzer. Seit knapp zwanzig Jahren Mitglied des Stuttgarter Balletts, haben sie die Cranko-Werke gleichsam mit der Kompaniemilch aufgesogen. Sie hatten nun die Ehre, in die Hauptrollen von Tatjana, Onegin und Fürst Gremin zu schlüpfen und mit ihren Körpern auf der Bühne tanzend die tragisch-verfehlte Begegnung zwischen zwei Menschen zu erzählen. Sie taten dies in einer so grenzüberschreitenden, über Jahre sich mit dem Werk auseinandersetzenden Weise, dass es einen, ganz altmodisch, digitalfrei und nicht-virtuell, fast übermannte, so nackt und gewaltig war das Spiel ihrer Gefühle.

Besonders Amatriain schien jede Nuance im Gefühls- und Entwicklungsspektrum ihrer Tatjana von der jungen introvertierten Frau zur erwachsenen Gattin und Mutter deutlich sichtbar machen zu können, ganz im Bewusstsein des Tanzens einer Abfolge herausfordernden Materials, inklusive unzähliger, den Atem raubenden Hebungen. Gleichsam in Nahaufnahme konnte man so die Verzweiflung der jungen Frau über das Benehmen Onegins oder das stille, sanfte, gefestigte Glück in ihrer Ehe mit Fürst Gremin und natürlich den herzzerreißenden Konflikt bei der Wiederbegegnung mit dem bereuenden Onegin erleben. Die perfekte, kristallinklare Vorstellung Amatriains war schließlich Grundlage dafür, dass sichtbar wurde, wie sehr Tatjana an ihrem eigenen Schicksal Schuld trug, da sie ihre Liebe auf Onegin projizierte, ohne sehen zu wollen, wer er in Wirklichkeit war.

Dieses höchst berührende Spiel mit Emotionen und Übertragungen gelang auch Friedemann Vogel, vor allem ab dem Punkt, an dem sein Held sich seines schuldhaften Verhaltens, seinen Freund Lenski provoziert und so zum Duell herausgefordert zu haben, bewusst wird. Rein wie eine Zeichnung auf Papier erschafft er bewundernswert einen höchst widersprüchlichen, sprunghaften Charakter, der, als Tatjana ihm die Tür weist, eher entsetzt als verletzt sich vom Hof schert, als ob ein Rest seines Egos immer noch damit beschäftigt ist, stark um sich selbst zu kreisen. Die Noblesse und Ruhe die Jason Reilly seiner Figur Fürst Gremin verleiht, lässt die fehlende Verankerung, die Vogel Onegin zuteil werden lässt, noch stärker hervortreten. Dass Elisa Badenes in der Rolle der Olga und William Moore als Lenski kongenial daran mitgewirkt haben, ein vielschichtiges Tableau in sich verstrickten menschlichen Handelns und Fühlens sichtbar werden zu lassen, gehört zum Lob des Abends dazu.

Was fehlt daher noch? Die Fußnote wäre nicht vollständig ohne Jürgen Rose und Marcia Haydée. Rose hatte damals das berühmte Bühnen- und Kostümbild zu „Onegin“ geschaffen. Haydée, die Muse John Crankos, ehemalige Erste Solistin und Direktorin des Stuttgarter Balletts, Vorgängerin von Reid Anderson, erlebte 80jährig am vergangenen Freitagabend ihr Rollendebüt als Amme und kümmerte sich derart herzerfrischend um die nun junge Tatjana, die sie selbst vor 50 Jahren getanzt hatte. Hand in Hand mit Amatriain und Jürgen Rose neben ihr verbeugte sie sich auf ihrer alten Stuttgarter Bühne vor tosendem Publikum. Damit war das Ritual von der Wiederkehr des Immergleichen vollständig. Vielleicht reicht es für die Ewigkeit. Es wäre nach Nietzsche der höchste Grad an Lebensbejahung.

Veröffentlicht am 30.10.2017, von Alexandra Karabelas in Homepage, Gallery, Kritiken 2017/18

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