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Heidelberg

AUGE IN AUGE MIT DEN MONSTERN

Helena Botto zeigt in der Hebelhalle Heidelberg ihr neues Stück „Monstrator“



Im Modus demonstrativer Entblößung geht es um Ausgrenzung und die Vereinnahmung alles Fremden als Ausstellungsstück.


  • "Monstrator" von Helena Botto Foto © Günter Krämmer
  • "Monstrator" von Helena Botto Foto © Günter Krämmer
  • "Monstrator" von Helena Botto Foto © Günter Krämmer
  • "Monstrator" von Helena Botto Foto © Günter Krämmer

Bei Stephen King kommt das Grauen ganz aktuell im Clownsgewand daher. Auch die portugiesische Choreografin Helena Botto lehrt, hinter Clownschminke verborgen, in ihrem neuen Stück „Monstrator“ ihr Publikum das Fürchten. Wenn sie von der Bühne der Heidelberger Hebelhalle nach einem Freiwilligen schreit, vermeiden die Besucher jeden Augenkontakt. Denn bis dahin ist längst klargeworden, dass die „Unterhaltung“ der Zuschauer, von Botto mehrfach lautstark behauptet, eher einer Drohung als einem Versprechen gleicht. Der Untertitel des Stücks lässt schon aufhorchen: „Eine Performance zu Monstern, Freakshows, Völkerschauen, Kolonialausstellungen und anderen Wundern und Abweichungen, wie zum Beispiel dem menschlichen Wesen“.

Da hat sich die Choreografin einiges vorgenommen, und tapfer bürsten sie und ihr Partner Marc Philipp Gabriel all diese historischen und plötzlich doch wieder aktuellen Themen gegen den Strich – mit verschmierter Schminke, verrutschten Perücken, einer riesigen Zotteldecke und heiseren Stimmen.

Es geht um die anderen, die nicht der bürgerlichen Norm entsprechen und als „Monster“ ausgegrenzt werden, aber auch um die Vereinnahmung alles Fremden als Ausstellungsstück. Dabei hat die Portugiesin überraschende Einfälle, wenn sie beispielsweise die Welt als Stoffteppich zeichnet, von dem mit Leichtigkeit diverse Fetzen einfach abgerissen werden können – oder wenn im Video (Philipp Weinrich) die ausgebreitete Weltkarte von den übergroßen Akteuren einfach heruntergeschlungen wird.

Die beiden Darsteller schonen weder das Publikum noch sich selbst. Mit zielgerechten Peinlichkeiten und demonstrativer Entblößung binden sie die Zuschauer gnadenlos als Voyeure mit in den Abend ein. Das höchst ungewöhnliche, sich dem Rahmen stilistischer Zuordnungen entziehende Stück zeigt glücklicherweise eine große Portion Selbstironie – und kam beim Premierenpublikum gut an.

Das Besondere an dieser Aufführung ist die Entstehungsgeschichte: Helena Botto erarbeitete ihr Stück im Vorjahr während einer Residenz am Choreografischen Centrum Heidelberg. Sie eröffnete damit die Reihe „CC-Celebrities“, in der weitere in Heidelberg entstandene Stücke gezeigt werden.

Veröffentlicht am 13.11.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Gallery, Kritiken 2017/18

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