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Lausanne

AUF HÖCHSTEM NIVEAU

Der diesjährige Prix de Lausanne hatte mit vielen Glanzlichtern aufzuwarten



Allen voran strahlt der Gewinner der Goldmedaille: Shale Wagman. Für sein Lebenswerk wurde Jean-Christophe Maillot geehrt.


  • Shale Wagman Foto © Gregory Batardon
  • Shale Wagman Foto © Gregory Batardon
  • Hanna Park Foto © Gregory Batardon

Vom 28. Januar bis 3. Februar 2018 versammelte sich die Elite der TanzschülerInnen zum 46. Prix de Lausanne in der Stadt am Genfer See. 74 ElevInnen aus 16 Ländern im Alter zwischen 14 und 19 Jahren waren aus 380 Bewerbungen (davon 297 Mädchen und 83 Jungen aus 38 Ländern) ausgewählt worden, sich an einem der anspruchsvollsten Wettbewerbe zu beteiligen, die die Tanzwelt für den Nachwuchs zu bieten hat. Wie so oft in den vergangenen Jahren, so kam auch 2018 die Mehrzahl der TeilnehmerInnen aus Asien: Südkorea, Japan, China.

Wie hoch das Niveau des Tanznachwuchses ist, zeigte sich augenfällig sowohl im Training (Stefanie Arndt unterrichtete im Klassischen, Duncan Rownes in Contemporary Dance) wie auch in den Coachings für die klassische und moderne Variation, gegeben von Monique Loudières, ehemalige Étolie der Pariser Oper, für die Mädchen, und Patrick Armand, Associate Director der San Francisco Ballet School und Gewinner des Prix de Lausanne 1980, für die Jungen. Es war spannend zu sehen, ob und wie diese jungen Menschen die Korrekturen annehmen und umsetzen konnten, was sich in vier langen Video-Aufzeichnungen gut nachvollziehen lässt (siehe https://www.prixdelausanne.org/multimedia/video/). Bei der zeitgenössischen Variation konnten die Mädchen und Jungen wählen zwischen Arbeiten von Mauro Bigonzetti, Richard Wherlock, Louise Deleur, Jorma Elo und Wayne McGregor. Im Klassischen gab es eine breitgefächerte Auswahl von Soli von „Giselle“ über „Schwanensee“, „Nussknacker“ und „Dornröschen“ bis zu „Paquita“, „Raymonda“ und „La Bayadère“.

Die diesjährige Jury setzte sich zusammen aus: Ted Brandsen, Künstlerischer Direktor des Het Nationale Ballet der Niederlande (Präsident der Jury); Nina Ananiashvili, Künstlerische Direktorin des Staatsballetts Georgien (Vizepräsidentin der Jury); Yuriko Kahiya, Primaballerina des Houston Ballet und Gewinnerin des Prix de Lausanne 2000; Lisa Pavane, Direktorin der Schule des Australian Ballet; Davit Karapetyan, Künstlerischer Direktor der Pennsylvania Ballet Academy und Gewinner des Prix de Lausanne 1999; Birgit Keil, Direktorin der Tanzakademie Mannheim und des Balletts des Badischen Staatstheaters Karlsruhe, frühere Primaballerina des Stuttgarter Balletts; Oliver Matz, Direktor der Tanzakademie Zürich und langjähriger Solotänzer an der Deutschen Staatsoper Berlin; Christopher Stowell, stellvertretender Künstlerischer Leiter des National Ballet of Canada; Demis Volpi, Choreograf und Opernregisseur.

Acht Preise wurden unter den 21 Finalisten aufgeteilt – jeweils ein einjähriges Stipendium für eine der renommierten Partnerschulen (für die unter 17-Jährigen) bzw. -kompanien des Prix de Lausanne, zusätzlich verlieh die Jury noch einen Preis für die beste zeitgenössische Interpretation sowie den Preis der Rudolf Nurejew Foundation für eine herausragende künstlerische Darstellung. Darüber hinaus konnten das Publikum im Saal und ebenso die Zuschauer der Livestreams in aller Welt über eine SMS- bzw. Online-Abstimmung den Publikumspreis verleihen, der mit einer Crowdfunding-Summe verbunden war. Die Jury konnte anfangs in einer über fünfstündigen Gesamtpräsentation alle Kandidaten erstmal in Ruhe anschauen, ohne sie bewerten zu müssen. „Das hat mir besonders gut gefallen, wir konnten einfach nur beobachten, das war wunderbar – ein großer Luxus, denn normalerweise hat man ja nicht so viel Zeit bei so einem Wettbewerb“, sagt Birgit Keil, ehemalige Primaballerina des Stuttgarter Balletts und heutige Leiterin der Akademie des Tanzes in Mannheim sowie Direktorin des Staatsballetts Karlsruhe.

Aber auch danach blieb noch genügend Gelegenheit, den Nachwuchs genauer unter die Lupe zu nehmen – bei den Trainings, Coachings und natürlich später bei der Präsentation der klassischen bzw. modernen Variation auf der Bühne. „Wir konnten in Ruhe das künstlerische Potential dieser Tänzerinnen und Tänzer erkunden, es ging nicht nur darum, wer wie viele Pirouetten dreht. Wie gut jemand beim Coaching eine Anweisung sofort umsetzen und sich auf der Bühne präsentieren kann – das ist ja eine besondere Begabung.“ Schon in den 1970er Jahren, noch ganz in den Anfängen des Prix de Lausanne, war Birgit Keil schon einmal in der Jury des Wettbewerbs, damals noch als aktive Tänzerin. Seither habe sich enorm viel verändert: „Shelly Power, die künstlerische Leiterin, hat in den vergangenen Jahren immer wieder neue Ideen eingebracht und den Prix de Lausanne stetig weiterentwickelt, das ist wirklich großartig!“

Eine dieser Neuerungen war ein choreografisches Projekt, das im Finale als Weltpremiere gezeigt wurde. Goyo Montero, der 1994 selbst den Prix de Lausanne gewonnen hatte und heute Direktor und Chefchoreograf des Balletts Nürnberg ist, erarbeitete innerhalb von acht Tagen mit insgesamt 50 TänzerInnen ein neues Stück: „Pulse“. Alle 37 Partnerschulen hatten dafür ein oder zwei ihrer besten SchülerInnen nach Lausanne schicken können. Ein durch und durch gelungenes Experiment – alle fünfzig brachten sich mit Verve und Herzblut in dieses Projekt ein und durchpulsten nicht nur die Bühne, sondern den ganzen Raum mit ihrer Energie.

Eine weitere Neuerung der vergangenen Jahre ist der jetzt zum zweiten Mal vergebene Preis für das Lebenswerk. 2017 wurde John Neumeier damit geehrt, 2018 war es Jean-Christophe Maillot, Direktor der Ballets de Monte Carlo. Shelly Power würdigte ihn mit warmen Worten: „Wir danken Ihnen sehr für alles, was Sie der Tanzwelt gegeben haben. Sie haben Tausende damit berührt, und wir schätzen Ihr Werk als Choreograph sehr. Wenn wir an 1977 zurückdenken, als Sie hier auf der Bühne standen und den Prix de Lausanne als junger Tänzer entgegennahmen, waren Sie sicher voller Erwartung, aber Sie haben vermutlich nicht davon geträumt, dass Sie jetzt für diese Ehrung wieder hier stehen würden. Wir fühlen uns geehrt, Sie dieses Jahr mit dem Preis für das Lebenswerk auszeichnen zu dürfen.“

Der wichtigste erste Preis des Prix de Lausanne, die Goldmedaille, ging dieses Jahr absolut verdient an den 17-jährigen Kanadier Shale Wagman von der Académie Princesse Grace in Monte Carlo. Bei seinem schwierigen Solo aus „Don Quixote“ wusste man gar nicht, wohin man zuerst schauen sollte – auf diese vielen Drehungen, die hohen Sprünge, die perfekte Haltung, dieses strahlende Gesicht, das nur eines ausdrückte: Freude an der Bewegung, Hingabe an den Tanz. Und ebenso in der modernen Variation „Chroma“ von Wayne McGregor, die besondere Anforderungen an die Bühnenpräsenz und innere Konzentrationsfähigkeit eines Tänzers stellt.

Birgit Keil ist voll des Lobes für diesen jungen Tänzer: „Er benutzt seinen Körper wirklich als Instrument, da ist nichts Steifes, nichts Aufgesetztes. Er ist ein leidenschaftlicher Tänzer, voller Besessenheit und Liebe für diese Kunst, er hat Charisma, er spürt alles und er kann alles. Diese Paarung gibt es nicht so oft. Und er ist sehr wandlungsfähig, er hat eine große Ausstrahlung.“ Das Wichtigste sei, dass ein Tänzer die Menschen berühren und ihnen mit dem Tanz etwas sagen könne.

Unter all den acht Preisträgern stach neben Shale Wagman auch die Gewinnerin des zweiten Preises heraus: Hanna Park aus Südkorea, mit 15 Jahren eine der jüngsten Teilnehmerinnen, mit idealen Proportionen gesegnet und von berückender Grazie bei der klassischen Variation aus „La Bayadère“, aber ebenso bodenständig-schlicht in ihrem modernen Solo. „Sie ist ein ganz großes, außergewöhnliches Talent, das sofort Aufsehen erregt“, sagt Birgit Keil. „Sie ist so zart und fein, fast wie ein Fabelwesen.“

Jetzt wird es darum gehen, für welche Schule bzw. Kompanie die PreisträgerInnen sich entscheiden werden. Shale Wagman hat die Weichen schon gestellt: Er wird zum English National Ballet nach London gehen. Warum? „Weil das ENB ein so vielfältiges Repertoire hat und weil es so viele Vorstellungen tanzt“, schreibt er auf unsere Anfrage hin. „Ich liebe es, auf der Bühne zu sein, und das ENB gibt mir sehr viele Möglichkeiten dafür. Das Repertoire umfasst sowohl die Klassik wie auch die Moderne, es besteht die Chance, mit vielen verschiedenen Choreografen zu arbeiten und Erfahrungen zu sammeln. Tamara Rojos (die künstlerische Leiterin und Erste Solistin des ENB, d. Aut.) professionelle Ziele erinnern mich an die Erziehung, die ich an der Académie Princesse Grace erhalten habe, das ist für mich ein großer Anreiz.“

Aber auch alle, die nicht ins Finale kamen und dort ausgezeichnet wurden, haben von ihrer Teilnahme profitiert: Es ist eine der besonders schönen Gesten, dass sich zum Abschluss des Wettbewerbs alle Teilnehmenden mit den VertreterInnen der Partnerschulen bzw. -kompanien am Sonntag zu einem großen Netzwerk-Treffen zusammenfinden. Und so manche und mancher, die „nur“ am Prix de Lausanne teilgenommen hatte, fand dort neue Förderer und neue Perspektiven für die berufliche Karriere. Es ist diese schöne Orientierung auf den Tanz als solches und die Tanz-Community als große internationale Gemeinschaft, die den Prix de Lausanne bei allem hochgeschraubten Anspruch an die Qualifikation der Teilnehmenden zu einem Wettbewerb werden lässt, der nur GewinnerInnen hervorbringt – auf allen Seiten.

Die Videos über die Vorbereitungstage und das Finale stehen bei arte in der Mediathek: https://www.arte.tv/de/videos/080207-006-A/finale-des-46-prix-de-lausanne/ bzw. sind auf der Webseite des Prix de Lausanne abrufbar: https://www.prixdelausanne.org/

Veröffentlicht am 12.02.2018, von Annette Bopp in Homepage, Gallery, Kritiken 2017/18

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