HOMEPAGE



Berlin

IN DER FREIHEIT DER GEGENWÄRTIGKEIT

Zum 25-jährigen Jubiläum von Sasha Waltz & Guests: "Dialoge-Wirbel"



Die Performance im Berliner Radialsystem legt den Schwerpunkt auf die situative Begegnung zwischen KünstlerInnen. In Improvisationen zwischen Tanz und Musik treffen künstlerische WegbegleiterInnen auf Waltz' Kompanie.


  • Zum 25-jährigen Jubiläum von Sasha Waltz & Guests: "Dialoge-Wirbel" im Radialsystem Foto © Eva Raduenzel
  • Zum 25-jährigen Jubiläum von Sasha Waltz & Guests: "Dialoge-Wirbel" im Radialsystem Foto © Eva Raduenzel
  • Zum 25-jährigen Jubiläum von Sasha Waltz & Guests: "Dialoge-Wirbel" im Radialsystem Foto © Eva Raduenzel

Ein Dialog zwischen Tanz, Musik und Raum. Ein Text im Dialog. Drei Stichpunkte: sich untereinander ausloten, Zeit nimmt sich Raum, die Freiheit der Gegenwärtigkeit. Und dann: Gemeinsam enden. Zuerst die Rahmung. Sie ist essentiell für die künstlerische Freiheit. Ein geschützter Raum konstruiert sich aus Vertrautheit unter Menschen, mit ihnen sind Geräusche und Musik und einige wenige Objekte. Betonrollen, die schwer und leicht zugleich aussehen. Ein erst zum Ende auftauchendes langes Tuch. Flackernde Bilder von Steinen an der Wand.

Es gibt eine definierte Dynamik zwischen den TänzerInnen und MusikerInnen auf der Bühne, die sich in diesem Augenblick vor uns entfaltet. Bereitschaft. Konzentration. Zuhören. Die einzelnen Persönlichkeiten der Akteure treten vor allem in Momenten der Entscheidungsfindung klarer hervor, als man es in durchchoreografierten Stücken oft sieht und man wird Zeuge des Auslotens untereinander. In welche Richtung gehen wir? Die Kompromisse, die getroffen werden, erzeugen ein Ganzes aus vielen Teilen, ein Gefüge der Individuen, auch indem man fiktionale Erinnerungen teilt und sich so eine gemeinsame Geschichte manifestiert. Unsere Welt braucht mehr von diesem Gleichgewicht, das an diesem Abend als eine Alternative zu aktuellen Machtstrukturen hoffnungsvoll aufscheint und in Aktionen des Hervortretens, Raumgebens und Zurückziehens passiert, ohne dass Ideen gegen jegliche Widerstände aufrecht erhalten werden, oder schlimmer noch, ein solches Auftauchen von Ideen erst gar nicht ermöglicht wird. Auch das Ende ist ein Zusammenkommen.

Woher kommt diese ungebändigte Freude beim Zuschauen? Kommt sie von der Bewegungsfolge, die sich in ihrer Entwicklung ihre „natürliche“ Zeit nimmt? Die Situation entsteht in ihrem eigenen Tempo. Keine künstliche Struktur drängt ihr eine bestimmte Entwicklungsdauer auf. Es wird genommen, was gebraucht wird. Spannend, was passiert jetzt? Wie der beteiligte Musiker Jonathan Bepler es so treffend beschreibt, was passiert ist „wie ein reizvoller Zufall“.

Ich möchte mich gar nicht erinnern und mir Dinge merken, um sie zu beschreiben, denn ich bin ganz erfüllt von dem Wunsch, zu erfahren und dort zu verweilen, in diesem Jetzt. Dadurch dass es mir gar kein Konzept zeigt, außer dem des Dialoges, gibt mich der Abend frei von Interpretationen. Er entlässt mich. Frei in die Gegenwärtigkeit. Gibt es die Freiheit dort auf der Bühne? Wie groß ist das Risiko und wo liegen die Setzungen, die ich möglicherweise gar nicht wahrgenommen habe? Wenn es vornehmlich noch gar nicht entstanden ist, sondern im Entstehen begriffen ist, während ich zusehe, so fühle ich mich sogleich freigestellt von dem Wunsch zu durchschauen – jegliche mögliche Intention, Struktur, Aussage. Und diese Erleichterung trifft mich ganz plötzlich.

Veröffentlicht am 09.04.2018, von Elisabeth Leopold in Homepage, Tanz im Text, Kritiken 2017/18

Dieser Artikel wurde 258 mal angesehen.



Kommentare zu "In der Freiheit der Gegenwärtigkeit"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    BIZARRE MOMENTAUFNAHMEN EINER WG

    Sasha Waltz' „Allee der Kosmonauten“ amüsiert im Radialsystem

    Die Bezirke Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf verbindet sie: die Allee der Kosmonauten. Was sich in ihren Elfgeschossern in Plattenbauweise abspielen könnte, das hat Sasha Waltz 1996 über Interviews vor Ort in Erfahrung gebracht.

    Veröffentlicht am 31.01.2017, von Volkmar Draeger


    SO GANZ WIRKT DIE EROTIK HEUTE NICHT MEHR

    Sasha Waltz & Guest zeigen bei den Oster-Tanz-Tagen in Hannover drei Choreografien

    Irgendwo zwischen gestern und heute bewegt sich dieser dreiteilige Abend mit „Sacre du Printemps“, „L’Après-midi d’un faune“ und einem Ausschnitt aus „Roméo et Juliette“.

    Veröffentlicht am 30.03.2016, von Andreas Berger


    SASHA WALTZ & GUESTS IST EU-KULTURBOTSCHAFTER 2013

    20 Jahre bewegtes Leben und Arbeiten im europäischen Raum

    Die Compagnie Sasha Waltz & Guests ist in ihrem 20. Jubiläumsjahr von der Europäischen Union offiziell zum »EU-Kulturbotschafter« 2013 ernannt worden. Das Auswahlgremium würdigt damit die vielfältigen Aktivitäten der Compagnie in Europa

    Veröffentlicht am 06.05.2013, von Pressetext


    KEINE PERSPEKTIVE FÜR DIE ZUKUNFT VON SASHA WALTZ IN BERLIN

    Saha Waltz sucht neuen Standort für eine solide und langfristig tragfähige Situation für ihre Arbeit

    Die Senatskanzlei Berlin hat Sasha Waltz in aller Deutlichkeit signalisiert, dass der Kultursenator keine konkrete Perspektive zur Lösung der lange bekannten und von der Verwaltung anerkannten Probleme der Compagnie anbieten kann.

    Veröffentlicht am 05.02.2013, von Pressetext

    10 


    TOR ZU INNEREN GESICHTEN

    „Choreografen der Zukunft“ präsentieren Sasha Waltz & Guests im Radialsystem

    Veröffentlicht am 25.02.2010, von Volkmar Draeger


     

    LEUTE AKTUELL


    SPRECHENDE SCHULTERN, SCHREIENDE ELLBOGEN UND FLÜSTERNDE KNIE

    Interview mit Wayne McGregor: Neuer Ballettabend am Bayerischen Staatsballett
    Veröffentlicht am 15.04.2018, von Vesna Mlakar


    STAKEHOLDER IN STRUMPFHOSE ODER BETRIEBSJUBILÄUM AUF DER BÜHNE

    Jason Reilly – ein Interviewportrait von Alexandra Karabelas
    Veröffentlicht am 13.03.2018, von Alexandra Karabelas


    „WIR GEHEN NIE OHNE ZIEL UND ZWECK AUF DIE BÜHNE“

    Ballet BC: Deutschlanddebüt bei Movimentos, dem Festival der Autostadt Wolfsburg
    Veröffentlicht am 13.03.2018, von Volkmar Draeger



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    „DER NUSSKNACKER“ ZURÜCK IM OPERNHAUS

    Goyo Monteros Erfolgsproduktion feiert Wiederaufnahme

    Am Samstag, 3. März, feiert das Staatstheater Nürnberg Ballett die Wiederaufnahme von Goyo Monteros Tanzstück „Der Nussknacker“. Neun Mal ist die Neuinterpretation des Klassikers mit der weltberühmten Musik von Peter Tschaikowski in dieser Spielzeit zu erleben.

    Veröffentlicht am 28.02.2018, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    MOSAIK DER BEWEGUNG

    Richard Siegals Ballet of Difference mit "On Body" in der Münchner Muffathalle
    Veröffentlicht am 05.03.2018, von Miriam Althammer


    POLITIK KÖNNTE (MAN) TANZEN

    Reflektionen über die diesjährige Tanzplattform im PACT Zollverein in Essen
    Veröffentlicht am 18.03.2018, von Anna Wieczorek

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    TANZ ALS KUNST FÜR UNSERE GEGENWART

    Danza&Danza vergibt die Premi Danza&Danza für das Jahr 2017

    Veröffentlicht am 16.04.2018, von tanznetz.de Redaktion


    VERITABLER TANZ-ENTERTAINER

    Alfonso Palencias "Cinderella" am Theater Hagen

    Veröffentlicht am 16.04.2018, von Marieluise Jeitschko


    BODY TALK UND AUTOPSIE

    Gert Weigelts Fotokunst im Museum des Deutschen Tanzarchivs Köln

    Veröffentlicht am 19.04.2018, von Marieluise Jeitschko


    EINE APOTHEOSE DES TANZES

    „Portrait Wayne McGregor“ am Bayerischen Staatsballett

    Veröffentlicht am 17.04.2018, von Karl-Peter Fürst


    GUT GELUNGENER „TOD IN VENEDIG“

    Richard Wherlock choreografiert Thomas Manns berühmte Novelle fürs Basler Ballett

    Veröffentlicht am 16.04.2018, von Marlies Strech



    BEI UNS IM SHOP