Der Zuschauer als Voyeur

Radikale Tanzinstallation der Choreografin Ilona Pászthy

Köln, 13/10/2009

Versonnen und etwas selbstverliebt tanzt sie für die Kamera und den Spiegel. Suchend lässt die Tänzerin Paula Scherf die kleine Digi-Cam über den Körper gleiten, als wolle sie ihm die Bilder ihrer inneren Befindlichkeit mit der Kamera entreißen. Wie eine seelische Zustandsbeschreibung wirkt dieses eindrucksvolle, sensibel getanzte Solo. Noch kann man nur ahnen, wo diese Bilder landen. Drei Gruppen von Zuschauern schleust die Kölner Choreografin Ilona Pászthy in ihrer Tanzinstallation „I see U no 1“ durch drei Räume der Wachsfabrik in Köln-Sürth und macht sie so schrittweise von Beobachtern zu Voyeuren und Mitwissern ihres neuen Stückes. Bereits im zweiten Raum zwingt die Installation den Zuschauer in die Rolle des Voyeurs. Entziehen kann sich nur, wer die Augen schließt oder die Vorstellung verlässt. Hinter einem durchsichtigen Gaze-Vorhang in einer Blackbox tanzt Raisa Kröger, aufreizend, provozierend, sexy, wie in einer Peep-Show. Bilder aus dem dritten Raum werden auf den Vorhang projiziert. Ein Mann, sich gierig und maßlos den Mund vollstopfend. Die Projektion eines lichten Waldes glättet die aggressive Härte des Tanzes und der Bilder. Die Körper begegnen sich nur virtuell.

Wenn die Körperdetails aus dem ersten Raum, die Nähe, Hoffen und Begehren signalisieren, als weitere Ebene darüber gelegt werden, wird die Ahnung des Beginns zum Wissen: das virtuelle Universum hat die Bilder aufgesaugt. So bleibt die Kontaktnahme der Akteure in den drei Räumen ein verzweifelter Versuch der Überwindung von Vereinzelung und Einsamkeit, der in der virtuellen Welt zwangsläufig scheitern muss. Für den französischen Philosophen Michel Foucault spielt sich die Erosion des Lebens in heterogenen Räumen ab. Ilona Pászthy schafft solch heterogene Räume, in denen Leben sichtbar erodiert und sich Hoffnungen auflösen. Ihre Inszenierung zeigt, dass der Tanz den Raum als eindimensionale Bühne längst verlassen hat. Mittels eines medialen Großaufgebots von Kameras, Tonbandgeräten, Lautsprechern, Projektoren und Monitoren geht Pászthy über die Grenzsetzungen der traditionellen Bühnenästhetik weit hinaus. Damit greift sie auch massiv in die Wahrnehmungswelt der Zuschauer ein. Der oktroyierte Rollenwechsel wandelt ihn vom passiven Beobachter zum aktiven Voyeur. Selten hat eine Inszenierung so unauffällig wie nachhaltig den Blick des Zuschauers verändert. In unserer medial überfrachteten Welt auch ein Hinweis zum nachdenklichen Innehalten.

www.ip-tanz.com

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