„Drittes Klavierkonzert“ von Martin Schläpfer. Tanz: A. Orlic, M. Schiumarini, M. Schmidt, K. Ermolenok und L. Benedek

„Drittes Klavierkonzert“ von Martin Schläpfer. Tanz: A. Orlic, M. Schiumarini, M. Schmidt, K. Ermolenok und L. Benedek

Ein Wiener Wochenende der Gegensätze

„The moon wears a white shirt“ mit dem Staatsballett in der Volksoper / „One Song“ von Miet Warlop beim Festival Wien Modern im Tanzquartier

Das dunkle Ensemblestück „Drittes Klavierkonzert“ von Martin Schläpfer eröffnet den Abend „The moon wears a white shirt“ und bleibt, trotz der mitschwingenden Prägungen der Handschriften von Hans van Manen und Jiři Kylián, das überzeugendste Stück des Programms.

Wien, 14/11/2023

Und zwischen den beiden im Untertitel genannten Abenden bewegte Choreograf Willi Dorner im Wiener Volkskundemuseum, ebenfalls für das renommierte zeitgenössische Musik-Festival Wien modern, einen sorgsam ineinander gefügten musikalisch-performativen Parcours: als Hommage an den wenig bekannten Komponisten und Erfinder Hermann Markus Pressl (1939-1994), unter Mitwirkung der Tänzerin Eva-Maria Schaller.

Zurück zur Volksoper: dort bekam das 24 Tänzer*innen starke Ensemble, das zwar unter Staatsballett firmiert, aber an sich eine eigene wenn auch (leider derzeit) keine eigenständige Gruppe mit Ballettmeisterin Vesna Orlic´ ist, nun immerhin von Direktor Martin Schläpfer einen ‚eigenen‘ Abend programmiert. Der erste seit der Produktion Peter Pan (2019) von Orlic´, davor war die letzte eigene Produktion Cendrillon von Thierry Malandain (2016) gewesen. Feststellen lässt sich zuerst, dass das eine notwendige Entscheidung war, denn die Tänzer und Tänzerinnen, die auch in Opern, Operetten und Musicals auftreten, sind nicht nur interessant anzusehen, sie gewinnen in einem solchen Abend auch an Profil. Dementsprechend groß war auch der Applaus und es war fein, Mila Schmidt, Olivia Poropat und Keisuke Nejime, sie seien stellvertretend genannt, in ihren Auftritten wachsen zu sehen.

Das dreiteilige Programm lässt sich choreografisch bei weitem nicht so einhellig gutheißen. Der musikalisch-dramaturgische, anspruchsvolle Aspekt ist an sich nachvollziehbar: Alfred Schnittke, György Ligeti und der Barockkomponist Pietro Locatelli. Das ist eine durchaus sinnfällige, ambitionierte, gleichwohl auch herausfordernde Kombination für das Orchester und drei Sängerinnen der Volksoper unter der Leitung von Christoph Altstaedt, der selbst auch einmal am Hammerklavier sitzt.

Man versteht auch, dass Martin Schläpfer dafür sein von den zwischenmenschlichen Komplikationen einer Frau handelndes Werk Drittes Klavierkonzert (Schnittke) von Yuko Kato hat einstudieren lassen. Im Jahr 2000 für das ballettmainz entworfen, eröffnet das dunkle Ensemblestück den Abend und bleibt, trotz der mitschwingenden Prägungen der Handschriften von Hans van Manen und Jiři Kylián, das überzeugendste Stück des Programms. Danach aber darf höflich von choreografischem Eklektizismus geschrieben werden, die ihren Reiz meist in dem Ensemble entfachen mit dem sie geschaffen wurden. Denn in der Wiener Einstudierung zünden weder Karole Armitages Ligeti Essays (2007), mit drei in Ungarisch gesungenen Liederzyklen (aus einem lässt sich auch der Titel des Abends ableiten), noch Paul Taylors Dandelion Wine (Locatelli; 2000). Beide sind vor allem wegen ihrer Frühwerke gern erinnerte Künstler, Armitages viele Jahre zurückliegender Auftritt im Wiener Palais Liechtenstein mit Gitarrist Rhys Chatham in ihrem zur Marke gewordenen Stück Drastic Classicism ist unvergessen. 2009 hat sie den Punk-Rock-Tanz übrigens wiederaufgenommen.

Am Abend davor im Tanzquartier: Die belgische Künstlerin Miet Warlop, nicht das erste Mal zu Gast, zeigt das Stück One Song, das 2022 beim Festival d ’ Avignon herauskam. Milo Rau, damals noch Leiter des NTGent, mittlerweile ist er Intendant der Wiener Festwochen, beauftragte diese intensiven 60 Minuten in seiner Reihe Histoire(s) du Théatre. Auf einer Sporttribüne plärrt eine Ansagerin Unverständliches in ein Megaphon. In ihrer Nähe agiert ein Fan-Klüngel lautstark, den obligatorischen Schal umgehängt. Auf der Spielfläche hält ein Metronom Sport-Künstler*innen am Durchhalten, im scheinbaren Dauer-Loop geht es um die äußerste physische Verausgabung. Eine Frau im grauen Ballett-Trikot spielt Geige auf einem Schwebebalken, ein Mann in kurzen Hosen singt sich hechelnd die Kehle auf dem Laufband aus dem Leib. Ein anderer Spieler muss Schlagzeug-Settings bedienen, die meterweit voneinander stehen... Immer und immer wieder. Rasch ahnt man – das wird so weitergehen mit Warlops erbarmungsloser Inszenierung für zwölf Performer*innen und Maarten Van Cauwenberghes aktionistischem Musik-Konzept, das immer schneller zu werden droht. Was dann? Am Ende der Stunde geht tatsächlich nichts mehr. Alle sind physisch erledigt. Nur die Spielmacherin stimmt eine fiktive Hymne an zu der die Beteiligten aufstehen, Hand aufs Herz, und mitsingen: One Song am Ende.

Aufstehen, hinfallen, weitermachen, sich überwinden in einer Art von Gemeinschaft... Die Hymne am Schluss aber mag auch interpretiert werden: Der (fiktive) Staat treibt dich vor sich her und wenn du nicht parierst, frisst er dich auf. Ein starkes Stück. 

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