Giselle (Neumeier u.a.), Hamburg Ballett, 30.04.2017 

Ralf Reck, 01.05.2017 01:11:16

Zwei ausverkaufte Aufführungen in der Hamburgischen Staatsoper, eine am Nachmittag, die nächste am selben Abend, die eine großartig, die andere kaum zu übertreffen, so könnten beide überschrieben werden. Dennoch gab es Unterschiede, aber keine wirklichen Ausfälle. Patricia Friza war in beiden Aufführungen eine zu Herzen gehende blinde und wohl auch taubstumme Berthe (Giselles Mutter). Aljoscha Lenz wurde in der ersten Vorstellung krankheitsbedingt durch Graeme Fuhrman ersetzt, der Alberts Freund Wilfried auch abends tanzte. Unterschiede gab es bei der Besetzung des Wildhüters Hilarion (nachmittags Dario Franconi, abends Carsten Jung). Wie Carsten Jung allein durch eine von innen kommende, nie übertrieben oder übersteigert pantomimisch wirkende Darstellung Liebe und Verzweiflung und Zorn zum Ausdruck bringt, ist allein schon schauspielerisch meisterhaft, ganz abgesehen von der tänzerisch-physischen Spannkraft des 41-jährigen Ersten Solisten des Hamburg Balletts. Da kann Dario Franconi nicht mithalten, seine Interpretation des Hilarion wirkte eher erlernt als erlebt. Der Bauern Pas de deux wurde nachmittags von Madoka Sugai und Aleix Martinez und abends von Florencia Chinellato und Jacopo Bellussi, von beiden Paaren ausgezeichnet, getanzt.

Der 27-jährige Alexandr Trusch war als Albert eine Idealbesetzung (nachmittags), optisch, darstellerisch und physisch-tänzerisch. Seine Doppeldrehungen, seine Sprünge und seine Entrechat six im zweiten Akt (34, wenn ich nicht zuviel gezählt habe, davon 27 mit den Armen unten) waren erstklassig und nahezu makellos. Der zwölf Jahre ältere Alexandre Riabko (Albert abends) machte es ihm von der Anzahl her nach, wenngleich häufiger mit Armeinsatz. Sein professionelles Können erlaubte es ihm aber, das sich zeitweilig andeutende Flügeln interpretarorisch umzusetzen. Zusammen mit der engelgleichen Silvia Azzoni (Giselle am Abend) sind beide in den Paartänzen, was Timing, Bewegunsgverschmelzung, Eleganz und physische Leichtigkeit betrifft, für mich unübertroffen. Entsprechend begeistert war auch der Schlussbeifall für dieses geradezu königliche Paar. Das heißt nicht, dass Carolina Agüero am Nachmittag als Giselle weniger gut gewesen wäre. Ihre Darstellung der Freude und des Leids dieser romantischen Figur überzeugte, ebenso ihr tänzerisches Vermögen. Myrtha, die Königin der Wilis wurde nachmittags von Leslie Heylmann und abends von Anna Laudere getanzt, von beiden technisch perfekt, von Anna Laudere vom tänzerischen Ausdruck her vielleicht etwas anmutiger. Zulma war in beiden Aufführungen Mayo Arii, als Moyna alternierten Lucia Rios (nachmittags) und Xue Lin (abends). Emilie Mazon tanzte im ersten Akt verspielt, aber auch mitfühlend Alberts Verlobte Bathilde, im zweiten Akt gehörte sie zu den 18 ganz wunderbar aufeinander abgestimmten Wilis (in beiden Vorstellungen).

Da das Philharmonische Staatsorchester heute in der Elbphilharmonie eingesetzt wurde, spielten im Operngraben die Hamburger Symphoniker unter der Leitung von Simon Hewett. Blumen gab es nur nachmittags, u.a. für Carolina Agüero, Leslie Heylmann und Mayo Arii, abends war der begeisterte Beifall dafür ausufernder.

zuletzt geändert von Ralf Reck, 01.05.2017 01:11:46



 

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