Alice im Wunderland (Wheeldon), Bayerisches Staatsballett, 23.04.17 #

Ralf Reck, 24.04.2017 17:31:11

Der Schauwert war hoch, das Bühnenbild (Ausstattung Bob Crowley) phantasievoll und schön anzusehen. Man darf allerdings nicht seitlich sitzen, da geht viel von dem visuellen Geschehen verloren. Ob es sich bei diesem Stück allerdings um ein Ballett handelt oder nicht doch eher um ein Musical (eingängige Musik von Joby Talbot) sei dahingestellt. Für ein Musical fehlen allerdings Sprache und Gesang, auch etwas musikalisch Eingängiges. Getanzt im klassischen Sinne wird auch, vor allem von Ksenia Ryzhkova (Alice), Jonah Cook (Herzbube) und von der tadellosen Séverine Ferrolier (Herzkönigin). Ryzhkova ist eine herzallerliebste Alice, ihr Herzbube Jonah Cook aber tänzerisch noch nicht so gereift, als dass die Pas de deux wirklich überzeugen, vor allem die Hebungen wirken noch angestrengt und wenig fließend. Ansonsten stehen die mehr artistisch-optischen Darbietungen im Vordergrund wie die der Grinsekatze, deren Körperteile von einzelnen Tänzern bewegt werden, oder die des steppenden Hutmachers (Dustin Klein), sehr schön sind auch die Darstellung der Raupe (Henry Grey) und die als Flamingos dekorierten Tänzerinnen sowie die kleinen Igel in der vorletzten Szene. Am prächtigsten geriet das walzerselige Blumenbild mit seinen herabhängenden bunten Glanzbilderbögen, wie sie früher einmal von Kindern gesammelt und getauscht wurden.

Der Schluss erschien mir dramaturgisch etwas unmotiviert, zumindest bezogen auf die erste einleitende Szene, in der Alices neu entdeckte Liebe (Jack, der spätere Herzbube) auf einem Gartenfest von der Mutter (der späteren Herzkönigin) vergrault wird. Alice fällt daraufhin in einen Zaubertraum, während der die Festgesellschaft wie erstarrt erscheint. Auch im Traum wird sie von der Mutter (alias Herzkönigin) verfolgt, die den Herzbuben vor Gericht zwingt. Letztlich stößt der Herzkönig die Herzkönigin vom Thron und Alice wacht in dem sich entwickelnden Tohuwabohu auf, findet sich aber, sichtlich gereift, in einer anderen Zeit wieder und trifft auf ihren geliebten Jack/Herzbuben, Ende. Der Entwicklung der Alice/Mutter(Herzkönigin)-Beziehung wird kein Raum mehr gegeben. Begeisterter und langer Beifall im ausverkauften Münchner Nationaltheater.



 

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