Othello (Neumeier), Hamburg Ballett, 21.05.17, Nachmittagsvorstellung #

Ralf Reck, 21.05.2017 21:58:16

Was Alexandre Riabko aus dem Jago an bösartigem Sadismus seiner Frau Emilia und an Verschlagenheit Othello und Cassio gegenüber tänzerisch und spielerisch herausholt, ist mittlerweile furchteinflößend. Vor allem wenn man, wie wir heute nachmittag, in unmittelbarer Nähe sitzt. Man möchte geradezu einschreiten und dem bösen, von Jagos Soldaten mehr oder weniger lüstern bis abschätzig beobachteten Spiel ein Ende bereiten. Emilia (Leslie Helymann) ist ihm verfallen, da muss erst ein Mord her, damit sie sich von ihm lösen kann. Dem jungen, sensiblen und seinen Feldherrn bewundernden Cassio (Jacopo Bellussi) fällt die Aufgabe zu, sich um Desdemona zu kümmern, wenn Othello, von Jago dazu verleitet, sich militärischen Aufgaben widmet. Cassio und Desdemona (Emilie Mazon) beginnen ein kindlich-naives, unschuldiges Spiel, wie es die unbedarften Kinder vor ihren Eltern aufzuführen vermögen. Der deutlich ältere Othello (Carsten Jung) sieht nicht das Spiel der Kinder, sondern seine junge Frau auf sexuellen Abwegen, unvermögend, ihre reine Seele zu erkennen. Desdemona läuft in die Falle und erkennt ihre ausweglose Situation. Wie Emilie Mazon diesen letzen Pas de deux, hin und her gerissen zwischen Angst, Zweifel, immer noch aufkeimender Liebe und Schicksalsergebenheit gestaltet, ist schlicht großartig und von uns so bisher noch nie gesehen worden. Mit solchen Emotionen unmittelbar in die Seele des Zusehers einzudringen, dass ist die große Kunst dieser jungen Tänzerin. Carsten Jung ist kein Mohr wie bei Shakespeare, er ist niemand, der sich wegen seiner Fremdartigkeit ausgeschlossen fühlt, er kommt aber etwas spät zu seinem Glück, kann es nicht mehr vertrauensvoll annehmen. Die Gewohnheiten der bürgerlichen venezianischen Gesellschaft sind ihm fremd geblieben, das sexuell-erotische (La Primavera, tänzerisch von Florencia Chinellato hervorragend dargeboten) dagegen nicht. Er sieht den Unterschied zwischen Primavera und der naiv unschuldigen Desdemona nicht, kann es nicht sehen und verfällt daher um so leichter der Intrige. Carsten Jung tanzt und gestaltet das ebenfalls großartig. Großer jubelnder Beifall am Ende der bei schönem Sommerwetter nicht voll besetzten Nachmittagsvorstellung in der Hamburgischen Staatsoper. Zahlreiche Blumensträuße flogen auf die Bühne. Das Podium war ganz bis vorn an die erste Reihe herangezogen gewesen, die Musik kam vor der Pause vom Band, nach der Pause spielten die Hamburger Symphoniker unter der Leitung von Garrett Keast auf einem zweigeschossigen hinteren Bühnenaufbau, welches gleichzeitg als Schiff im ersten Teil und als Othellos Gemach im zweiten Teil diente (geniales Bühnenbild und Kostüme ebenfalls von John Neumeier). Dieses war für uns eine der besten der seit 1985 insgesamt 14 gesehenen Aufführungen dieses Balletts. Schade, dass die Presseresonanz, das Ballett (und auch die jeweiligen Operserien) betreffend, mittlerweile so darnieder liegt. Die Elbphilharmonie saugt die journalistische Kompetenz, so sie denn vorhanden ist, offenbar wie ein Staubsauger von den anderen kulturellen Leuchttürmen der Stadt ab.

zuletzt geändert von Ralf Reck, 21.05.2017 21:58:54




 

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