Nijinsky (Neumeier), Hamburg Ballett, 25.05.2017 #

Ralf Reck, 26.05.2017 00:07:57

Neumeiers Nijinsky-Ballett bietet eine dramatische Handlung mit mehr als einem Dutzend herausgehobener Rollen und stellt dazu erhebliche technische und darstellerische Ansprüche. Ganz perfekt kann es deshalb nie sein. Heute ging der schwarze Peter an die Technik, die es im letzten Bild nicht schaffte, rechtzeitig die schwarzen Seitenvorhänge herunter zu lassen und die Hintergrundbalustraden zusammen zu schieben. Bei den Tänzerinnen und Tänzern zu kritisieren, hieße dagegen beckmesserischer als Beckmesser zu sein, denn das Gesamtniveau lag außerordentlich hoch. Alexandre Riabko war ein großartiger, darstellerisch und tänzerisch intensiver Nijinski, Carolina Agüero seine das dramatisch Leidende betonende Gattin Romola. Ivan Urban hat die Rolle des Sergej Diaghilew so verinnerlicht, dass man sich kaum eine bessere Interpretation vorstellen kann. Nijinskys Bruder Stanislaw wurde mit hohem Drehmonent bei vollem Körpereinsatz beeindruckend von Aleix Martinez getanzt. Mit feiner Eleganz, großer Körperbeherrschung und imponierender Präsenz gestaltete Silvia Azzoni ihre jeweils kurzen Auftritte als Tamara Karsavina.

Was allerdings (wieder) am meisten unter die Haut ging, ist das dem Solo Stanislaws folgende Soldatenballet zur Musik aus Schostakowitsch‘ Sinfonie Nr. 11 g-moll. Das ist eben auch das Besondere bei Neumeier, seine großen Männer-Ensembles, die man, einmal gesehen, nie wieder vergisst wie dieses Soldatenballet oder den 1. Satz der III. Sinfonie von Gustav Mahler, das Arbeiterballett in Liliom oder auch den Tanz der Grauen Männer in Peer Gynt. Großer jubelnder Beifall am Schluss, den Neumeier auch persönlich entgegennahm; Blumen für Silvia Azzoni, Carolina Agüero und Alexandre Riabko.

Zu Beginn der Aufführung war John Neumeier vor das Publikum getreten, um anzukündigen, dass diese Aufführung fürs Fernsehen und eine DVD verfilmt werde (das ergab sich aber auch schon aufgrund der zahlreich im Parkett und an den Bühnenseiten aufgebauten Kamaras).
die zweite Besetzung am 30.05.17 #

Ralf Reck, 31.05.2017 10:26:42

Aleix Martinez legte die Rolle anders an, seinem jugendlichen Alter entsprechend war er mehr der Suchende, der Vertrauende, auch der naiv Ungläubige, während das Divenhafte, welches von Alexandre Riabko in die Rolle eingebracht worden war, ihm eher abging. Das war aber schlüssig und wertet auch den Pas de deux mit seinem Gönner und Liebhaber Diaghilew (Carsten Jung) auf. Carsten Jung zeigte weniger das Dämonische, Berechnende, geradezu Unheimliche seines Vorgängers Ivan Urban, er gab seinem Schützling eher die von ihm gesuchte Sicherheit als väterlicher Freund wie auch als Liebhaber. Silvia Azzoni war als Nijinsky Frau Romola großartig, mit mehr königlich reservierter, aber gleichzeitig energischer Haltung, weniger leidensvoll als Carolina Agüero. Von den zahlreichen weiteren Tänzern und Tänzerinnen imponierte vor allem Karen Azatyan als Goldener Sklave mit genuiner Körperbeherrschung und hohen Drehsprüngen. Konstantin Tselikov überzeugte als Stanislaw und wurde beim Schlussapplaus bejubelt, wie auch Aleix Martinez, für den mehrere Blumensträuße auf die Bühne flogen. Die Hintergrundbalustraden blieben übrigens am Schluss wieder getrennt; entweder ist das neu, oder ich habe es bisher nie bemerkt.
Die dritte Besetzung am 31.05.2017 #

Ralf Reck, 01.06.2017 00:09:14

Man mag es nicht glauben, aber auch diese Aufführung eröffnete neue Ansichten auf das Stück und auf die Seelenlage der Personen. Alexandr Trusch (Nijinsky) und Carolina Agüero (Romola) waren ein tänzerisch und darstellerisch hinreißendes Paar, welches sich der Verliebtheit (erster Pas de deux) und den Leidenschaften (letzter Pas de deux) mit einer physischen Intensität und emotionalen Kraft hingab, die in diesem Ausmaß in den vorhergehenden Aufführungen nicht zu spüren war. Beide hatten schon als Paar in Giselle vollends überzeugt. Trusch gab der Figur des Nijinsky zudem eine große Verletzlichkeit und unmittelbar spürbare Angst vor dem Leben und den Erwartungen an seine Person, die er nicht mit seinem Innenleben in Übereinstimmung bringen kann: Seine Ehefrau Romola, die sich eher in seine Rollen als in ihn verliebt hat, Diaghilev, der bei ihm nur das sexuelle Abenteuer sucht und das Publikum, welches von ihm die schöne klassische Pose und nicht modern Kantiges wünscht. Diesem Dreieck kann er nicht entrinnen und flüchtet sich schließlich in den Irrsinn. Zumindest legt Trusch’s großartige und technisch-tänzerische superbe Leistung diese Interpretation nahe. Sein Pas de deux mit dem recht emotionslos tanzenden Edvin Revazow (Diaghilev) fiel dagegen ab, es wirkte auf mich fast wie geturnt (meine Frau war allerdings anderer Auffassung), das galt auch für die sehr sinnliche Darstellung des Goldenen Sklaven durch Marcelino Libao, der bei Revazow ebenfalls keine Gefühle weckte. Für den erkrankten Maria Huguet übernahm der gestern noch als Nijinsky aufgetretene Aleix Martinez die Partie des Stanislaw. Wie er sich nach der gestrigen physisch sehr anstrengenden Leistung heute schon wieder mit voller Körperkraft in das berühmte Solo im zweiten Teil hineinwarf, ist schon bewunderungswürdig. Großer Jubel für Alexandr Trusch, Blumen für Lucia Rios als Bronislawa und Marcelino Libao als Goldener Sklave (sofern ich mich recht erinnere).



 

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