Anna Karenina, Neumeiers neues Ballett an der Hamburgischen Staatsoper #

Ralf Reck, 02.07.2017 21:22:05

Neumeier gibt seinem Ballett den Zusatz „inspiriert von Leo Tolstoi“. Der ganzen Roman mit seinen vielen detaillierten familiären Verästelungen kann natürlich nicht in einen dreistündigen Ballettabend gepackt werden. Gehofft hatte man schon auf ein Ausstattungsballett. Neumeier verweigert das und beschränkt sich bühnentechnisch auf wenige Versatzstücke (u.a. einen Traktor) und schöne Hintergründe (Beispiel: strahlend blauer Himmel mit einer einzelnen Wolke als Symbol für glücklichere Tage). Das ist sehr überzeugend.

Er reduziert aber nicht das Romanpersonal, etwa auf Anna, ihren Mann und den Geliebten Wronski, sondern befasst sich auch mit den Beziehungen von Kitty und Lewin sowie von Dolly und Stiva, von Karenin und Lydia Iwanowna sowie von Dolly und Anna mit ihren Kindern bzw. dem Sohn. Neben den gesellschaftlichen, zum Teil glanzvollen Rahmenbedingungen, wie sie im Roman geschildert werden, spielen bei Tolstoi natürlich die verschachtelten und sich wandelnden Paarbeziehungen eine Rolle. Darauf konzentrierte sich Neumeier und verlegte die Handlung in die Jetztzeit, denn Beziehungen, vor allem die sich daraus ergebenden mehr oder weniger großen Dramen, bleiben zeitlos und bedürfen nicht eines besonderen historischen Hintergrundes. Insgesamt erscheint die narrative Abfolge aber nahezu vollständig, es sei denn, man hat gerade eben erst den fast 1000 Seiten umfassenden Roman gelesen: Die personellen Verflechtungen sollte man aber schon kennen. Die Geschwister Anna und Stiwa betrügen ihre Ehepartner, Anna mit dem Grafen Wronski, Stiwa mit dem Kindermädchen. Anna ist mit dem Politiker Alexej Karenin verheiratet (sie haben einen Sohn, Serjoscha), Stiwa mit Dolly (6 Kinder). Dollys Schwester Kitty ist mit dem Grafen Wronski (fast) verlobt. Stiwas Freund, der Landbauer Lewin, verehrt Kitty.

1. Akt: Der Petersburger Karenin stellt sich zur Wiederwahl, Anna und Serjoscha treten mit ihm im Wahlkampf auf. Anna erfährt von ihrem Mann nicht die gewünschte Aufmerksamkeit. Wegen Untreue ihres Bruders Stiwa fährt Anna nach Moskau. Auf dem Bahnhof begegnet sie erstmals Wronski. Sie kittet Stiwas Ehe mit Dolly. Lewi träumt auf dem Land von Kitty. Wronski wendet sich auf der Verlobungsfeier, bei der auch Anna zugegen ist, von Kitty ab und Anna zu. Anna wird von Wronski schwanger. Bei einem Lacrosse-Spiel wird Wronski verletzt, Anna, die mit Mann und Sohn zuschaut, bekennt sich zu ihrer neuen Liebe. Kitty ist verzweifelt, Lewin tröstet sie. Dolly will ihren Mann endgültig verlassen, wird aber von ihren Kindern zurückgehalten. Anna wird von einer Tochter entbunden, Kitty und Lewin heiraten, Anna entflieht mit Wronski nach Italien.

2. Akt: Anna und Wronski verbringen schöne Wochen in Italien. Anna wird von Erinnerungen an einen während des ersten Zusammentreffens mit Wronski neben ihr tödlich verunfallten Arbeiters (Muschik) geplagt. Diese Erinnerung erwiest sich immer mehr als ihr Dämon. Anna kehrt nach Petersburg zurück und trifft auf ihren Sohn. Karenin verweist sie des Hauses, Lydia Iwanowna tröstet Karenin. Lewin und Kitty genißen einen Morgen auf dem Land. Anna fühlt sich in der Petersburger Gesellschaft isoliert, sie misstraut eifersüchtig ihrem Geliebten. Anna verliert in der sich um sie kreisenden Gesellschaft völlig den Halt, sie stürzt sich vor den Zug. Lewin, Serjoscha und Karenin kommen an Annas Grab. Lewin hebt betend die Hände. Schlussvorhang.

Im Programmheft sind mehr als zwei Dutzend namentlich bezeichnete Personen benannt. Beim ersten Sehen dieses Balletts ist es schier unmöglich, alles zu erfassen und zu begreifen. Anna, wunderbar intensiv getanzt von Anna Laudere, und Edvin Revazov als Wronski sind ein schön anzusehendes Liebespaar, Ivan Urban fesselt als seine Frau nicht halten könnender Karenin, der noch junge Maria Huguet tanzt überzeugend den Sohn Serjoscha. Aleix Martinez und Emilie Mason sind als Lewin und Kitty ein Traumpaar, optisch wie aus Tolstois Roman direkt entsprungen. Patricia Friza ist eine wunderbare Dolly, aufbrausend ihrem Mann gegenüber, gemütvoll und resignierend ihren Kindern (Gabriel Alain, Merit Laengner, Elisa Muller, Liv Kukla, Caspar Sasse) gegenüber. Ganz berührend gelingt der choreographisch einfach meisterlich herausgearbeitete Part „Dolly’s Entscheidung“, als die Kinder der Mutter den Koffer und den Mantel nehmen, um sie am Fortgehen zu hindern, mit ihr Tee trinken und ihr etwas vorführen. Damit gelang Neumeier eine wunderbare Umsetzung folgenden Tolstoi-Textes: „Und so schwer außerdem für sie als Mutter auch die Angst vor Krankheiten, Krankheiten selbst und der Kummer über schlechte Neigungen, die sich bei den Kindern zeigten, zu ertragen waren – die Kinder entschädigten sie schon jetzt mit kleinen Freuden für ihre Kümmernisse. Diese Freuden waren allerdings so winzig, dass man sie, wie Gold im Sande, kaum erkennen konnte, und in dunklen Augenblicken sah sie wirklich nur den Sand der Trübsal“.

Neben vielen anderen wie Dario Franconi als Stiwa oder Karen Azatyan als Muschik fiel tänzerisch vor allem Mayo Arii als Gräfin Lydia Iwanowna auf.

Etwas enttäuscht hat mich das von Neumeier als Dreh- und Angelpunkt des Stücks bezeichnete Lacrosse-Spiel, das hätte schneller und auch martialischer sein können. Eine Nachbarin meinte, es hätte ausgesehen, als ob die Sportler Schmetterlinge fangen würden. Mehr als ausgeglichen wurde dieser Part von dem Landarbeiter-Ensemble, welches im zweiten Akt, mit Sensen ausgestattet, im Gegenlicht langsam Lewins romantisch-illusionären Vorstellungen von Landwirtschaft leicht ironisiert illustrieren (zur Musik von Cat Stevens „Morning Has Broken“). Eine wunderbaren Auftritt hat Aleix Martinez im ersten Akt, als er unter einem übergroßen Mond von einem Heuballen herabsteigt und über Gott und die Welt sinniert, wieder zur Musik von Cat Stevens (Moonshadow). Neuemeirs Ballett ist so umfassend, dass ein endgültiges Urteil wohl erst nach mehrmaligem Sehen möglich sein wird. Im Grunde handelt es sich um drei ineinander verschachtelte Ballette, um Geschichten um Anna und Wronski, um Lewin und Kitty sowie um Dolly und ihre Familie. Die Musik ist weitgehend von Tschaikowsky, zum teil von Alfred Schnittke und, wie angeführt, von Cat Stevens. Vorgenannte Beobachtungen basieren auf einem Besuch der Hauptprobe zu diesem Ballett.
Die B-Premiere am 04.07.2017 #

Ralf Reck, 05.07.2017 00:51:37

Beim zweiten Sehen klärt sich manches, da das geistige Verfolgen der narrativen Aspekte in den Hintergrund triit und mehr Details der Personenbeziehungen offensichtlich werden; so etwa der kenntnisreiche Blick Stiwas auf seine Schwester Anna, als er bei der Verlobungsfeier deren Feuer für Wronksi bemerkt. Oder das Sensenballett, das nicht nur die romantisch-naive Weltsicht Lewins, sondern auch sein Sichversenken während Kittys Schwangerschaftskrise illustriert. Wie berührend ist schließlich der Auftritt Kittys mit dem Neugeborenen auf dem Traktor, wie herzlich Lewins Glück ob der überstandenen Geburtsqualen.

Die drei Stunden Nettospielzeit vergingen diesmal wie im Fluge, auch die tänzerischen Höhepunkte traten mehr in den Vordergrund, so die beiden wunderbaren Pas de deux Annas mit Wronski während Kittys Verlobungsfeier und der leicht-luftige italienische Pas de deux gleich nach der Pause. Mich beeindruckte diesmal auch stärker der Auftritt von Ivan Urban als Karenin, auch sein sehr schöner Pas de deux mit Mayo Arii als Lydia Iwanowna. Wie gut waren Dollys Kinder charakterisiert, welche Qualität in der Empfindung zeigt sich hier schon in so jungen Jahren.

Der Beifall war jubelnd für alle Protagonisten und das gesamt Ensemble, stehende Ovationen gab es für John Neumeier ob der wieder einmal genialen schöpferischen Leistung nicht nur im Choreographischen, sondern auch die Ausstattung und Beleuchtung betreffend.

zuletzt geändert von Ralf Reck, 05.07.2017 00:54:41




 

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