Nijinsky-Gala Nr. 43, Hamburg Ballett, 16.07.2017 #

Ralf Reck, 17.07.2017 01:19:31

So eine Gala hat etwas von einer hochkarätigen Weiterbildungssitzung, sie dauert gut 5 Stunden (inkl. 2 Pausen), eilt von Höhepunkt zu Höhepunkt und lässt einem kaum Zeit, sich emotional auf das Gesehene einzulassen. Da diesmal artistisch-akrobatische Höhepunkte weitgehend fehlten, blieb der nachhaltigste Eindruck von jenen Balletten haften, die wir gerade erst kürzlich gesehen hatten, so vor allem der von Anna Laudere und Edvin Revazov getanzte Pas de deux während Kittys Verlobungsfeier (aus Neumeiers Anna Karenina) oder der Pas de deux mit der Orange aus Neumeiers Cinderella (Florencia Chinellato und Christopher Evans). Das waren für mich die Höhepunkte im dritten Teil der Gala.

Der Abend hatte nach einem kurzen Auftritt der Ballettschule mit den Pas de deux aus Dornröschen begonnen. Xue Lin und Alexandr Trusch (Blauer Vogel) wirkten anfangs etwas unsicher, unerwartet ebenso Carolina Agüero und Alexandre Riabko (Grand Pas de deux). Mit dem von drei Paaren getanzten Grand Pas de deux aus dem Nussknacker(Anna Laudere/Edvin Revazov, Leslie Heylmann/Christopher Evans, Mayo Arii/Karen Azatyan) zog endlich die tänzerische Sicherheit ein. Wenig Spannung kam beim „Pavillon d’Armide“ auf. Carolina Agüero hatte als Armide zwar wieder ihre Sicherheit gefunden, aber wenig zu tanzen, dafür beeindruckte Mihail Sosnovschi vom Wiener Staatsballet als Nijinsky. Richtig intensiv wurde es aber erst mit dem starken Auftritt von Ivan Urban als Diaghilev. Als Vorgriff auf den am Jahresende zur Premiere gelangenden Ballett Don Quixote (Nurejew) kündigte Neumeier, der wie immer durch das Programm führte, den Grand Pas de deux aus dem 3. Akt an: Madoko Sugai hatte als Kitri einen bombensicheren Stand und lieferte einen fabelhaften Fächertanz. Das erinnerte mich an die seinerzeit so perfekte Elisabeth Loscavio. Ihr Partner Karen Azatyan (Basil) beeindruckte mit seiner Sprungkraft.

Der zweite Teil des Abends war der Musik Igor Strawinskys gewidmet. Nach einer modernen Choreographie namens Dumbarton Oaks des Bundesjugendballetts tanzte Lloyd Riggins leidvoll den Petruschka, die Mitglieder des Chinesischen Nationalballetts Zhang Zhenxin, Zhang Jian und Wu Siming stellten eine Uraufführung nach dem Höllentanz aus Strawinskys Feuervogel mit dem Namen „Fusing“ vor, Aleix Martinez und Patricia Friza lieferten abschließend starke Soli aus Neumeiers „Le Sacre“.

Im dritten Teil des Abends gab es neben den eingangs genannten Ausschnitten aus Cinderella und Anna Karenina Ausschnitte aus La Sylphide (Bournonville) mit dem Principal-Tänzer des Moskauer Bolschoi-Balletts Artem Ovcharenko (der tänzerisch an Alexandr Trusch erinnerte, wenn dieser in Hochform ist) sowie Anastasia Stashkevich, ebenfalls Principal-Tänzerin des Bolschoi-Balletts, gefolgt von einem etwas pathetischen Pas de deux aus Spartacus (Grigorovich) nach der an Filmmusiken erinnernden Komposition von Aram Chatschaturjan, es tanzten als Phrygia Ksenia Ryzhhkova, die wir bereits als gute Julia und Alice in München erleben durften sowie Erik Murzagaliyev, der die richtige Figur und die sichere Hebetechnik für die Rolle des Spartakus mitbrachte (beide vom Bayerischen Staatsballett). Schließlich trat Allesandra Ferri als Tatjana, begleitet von Edvin Revazov als Onegin, auf (Schluss-Pas de deux des Cranco-Balletts). Mir war sie zu leidend und zu wenig leidenschaftlich, vielleicht lag es auch am Größenunterschied zwischen den beiden Protagonisten, der sie nicht als ideales Paar erscheinen ließ. Zu Revazov gehört Anna Laudere, zusammen sind sie ein perfektes Paar, wenn sie als Anna Karenina wie Butter in der Sonne in seinen Armen als Wronski schmilzt.

Als Abschluss der Gala wählte Neumeier eine eigene Choreographie namens „Klein Russland“, basierend auf dem Finale von Tschaikowskys Sinfonie Nr. 2. Das war wohl dem Oberthema des Abends „Inspiriert von Russland“ geschuldet, ein hochbejubelter Höhe- und Schlusspunkt war dieses Ende gestern jedoch nicht. Es war eben auch eine Weiterbildungssitzung, die aber wieder einmal zeigte, wieviel Russland doch zur Europäischen Kultur beigetragen hat.

zuletzt geändert von Ralf Reck, 17.07.2017 01:25:41




 

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