LA BAYADERE



LA BAYADERE

Besprechung der tanznetz.de-Redaktion

Wer die vorliegende, rundherum opulente Einstudierung von „La Bayadère“ genießt, muss nicht unbedingt auch die wechselvolle Historie dieses Spätwerks der Romantik kennen. Seine Premiere 1877 am Bolschoi-Theater Moskau bescherte Marius Petipa enormen Erfolg als Choreograf und der Welt eine seiner wohl schönsten Kreationen, speziell mit dem Akt im Schattenreich von nahezu narkotischer Wirkung. Dennoch mussten die Story und auch die Musik, eine der besten Kompositionen von Ludwig Minkus, in der Folgezeit etliche Eingriffe und Verunstaltungen hinnehmen. So ließ man im russischen Revolutionsjahr 1917 die Bajaderen um einer ethnischen Treue willen statt in Tutus in Saris tanzen. Ab den 1920ern verzichteten Neuinszenierungen auf den letzten der ursprünglich vier Akte. Bis in die 1990er sollte das die Praxis bleiben, obwohl zumindest der „Schattenreich“-Akt auch international ins Repertoire Eingang gefunden hatte. Es waren Natalia Makarova, Patrice Bart, Vladimir Malakhov und in ihrer Nachfolge andere Choreografen, die wieder vieraktige Versionen vorstellten, alle in Anlehnung an Petipas Original.

Auch Yuri Grigorovich bezieht sich in seiner jüngst von Bel Air aufgezeichneten Version fürs Bolschoi-Ballett auf die Fassung seines großen Vorgängers am zaristischen Hoftheater. Doch auch er belässt es bei einer dreiaktigen Lesart des in einem Orient der Fantasie angesiedelten Stoffes. Alle inhaltlichen Zutaten bleiben erhalten: Der Großbrahmane begehrt als Geistlicher eher unerlaubt die Bajadere Nikia, die aber mit dem Krieger Solor liiert ist, der seinerseits ungewollt, doch fügsam Gatte der Radscha-Tocher Gamzatti werden muss. Pralle Eifersucht mit Verrat und tödlichem Attentat sind die Folge. Dennoch erscheint etwa die Version von Malakhov dramaturgisch schlüssiger. Sie wertet das Goldene Idol, das bei Grigorovich lediglich Verlobungsgast ist, zum Goldenen Gott auf. Als Geisterscheinung rächt er den von Gamzatti beauftragten Mord an Nikia durch Schlangenbiss und begräbt in jenem vierten Akt die Hochzeitsgesellschaft unter den Trümmern seines zusammenstürzenden Tempels; Solor, selbst Schatten geworden, kann endlich seiner Nikia ins Schattenreich folgen.

Solchen Einwänden und Überlegungen ungeachtet: Es ist ein Fest des Tanzes, was diese Aufzeichnung aus dem Bolschoi-Ballett vom Januar 2013 aufbietet. Prächtig schon der warmtönige Vorhang im frisch restaurierten Moskauer Großen Theater; prächtig ebenso mit blühendem Klang und berückend verschwebender Solovioline das Orchester unter Pavel Sorokin; prächtig erst recht Nikolay Sharonovs Szenerie: die Bläue einer wurzelumfangenen Angkor-Architektur in der Feuer-Szene, fast barocker Pomp dann für den Saal beim Radscha im 1. Akt; sein Garten mit zwiebeltürmiger Pagode im 2. Akt; ein raffiniert eingedunkeltes Reich in Solors Traum vom Defilee der 32 Schatten.

Die famose Darbietung der Bolshoi-Stars überzeugt trotz Schwächen in der Grigorovich-Inszenierung

In solch gediegenem Ambiente hat es der Tanz leicht zu prunken. Grigorovich versteht sich bescheiden „nur“ als Autor einer „neuen szenischen Version“ und übernimmt tradierte Teile anderer Inszenierungen: von Vakhtang Chabukiani, für das Goldene Idol von Nikolay Zubkovsky, für Nikias trauervolles Adagio mit einem Sklaven von Konstantin Sergeyev. Verzichten könnte man nach heutigem Verständnis auf die sechs Mohren. Und wenn Solor im Finale bloß entseelt zu Boden sinkt, ist das eben kein überzeugender Schluss. Doch all dies Gemäkel tanzt eine famose Besetzung einfach hinweg.

Der Solor des Vladislav Lantratov ist nicht nur langgliedrig und nobel comme il faut, sondern auch ein Flieger im Sprung und ein verlässlicher Partner der zwei rivalisierenden Frauen. Mit dem Feuer einer souveränen Tänzerin stattet Maria Alexandrova die Gamzatti aus. Das Ereignis der Aufzeichnung sind dennoch die makellose Nikia der Svetlana Zakharova, einer Künstlerin von filigraner Linie und sensibler Gestaltung, sowie die atmende Gruppe der Bajaderen, eingefangen von einer Kamera, die den flirrenden Effekt beim Endlos-Auftritt noch zu steigern weiß. Der geduckt behende Fakir des Anton Savichev, der stürmische Goldene Gott des Denis Medvedev, die flinkfüßige Schatten-Variation der Anastasia Stashkevich machen, neben anderen, den Glanz dieser „Bayadère“ perfekt.

Marius Petipa/Yuri Grigorovich: „La Bayadère“, Bolshoi Ballet and Bolshoi Theatre Orchestra, Moskau 2013, Bel Air Classiques,122 Minuten, DVD/Blu-Ray

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