POETIK DES ZEITGENÖSSISCHEN TANZES



POETIK DES ZEITGENÖSSISCHEN TANZES

Beschreibung

Die »Poetik des zeitgenössischen Tanzes« gilt seit ihrem erstmaligen Erscheinen 1997 als Standardwerk der gegenwärtigen französischsprachigen Tanzforschung. Laurence Louppe verdichtet ästhetische und theoretische Elemente der Annäherung an verschiedene choreographische Entwicklungen des 20. Jahrhunderts. Als Poetik versteht sie ein Denken, das sie über das Aufkommen des zeitgenössischen Tanzes, seine Grundlagen und Lesarten entwickelt hat. Ihre Aktualität gewinnt die Untersuchung, die nun erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt, durch den Rückgriff auf die Quellen der Tanzmodernen, die in ihren Fundamenten befragt werden, ebenso wie durch den spezifischen Standpunkt der Autorin, die sich - Beobachterin von und Eingebundene in die Praxis des zeitgenössischen Tanzes - ihrem Gegenstand eindrucksvoll nähert.


Besprechung der tanznetz.de-Redaktion

Von Karin Schmidt-Feister

„Die Poetik versucht zu umreißen, was uns an einem Kunstwerk berühren, auf unsere Sensibilität einwirken und einen Widerhall in unserer Vorstellung finden kann.“ (S.13) „Der zeitgenössische Tanz hat die menschliche Anatomie und sogar die elementaren Körperfunktionen neu überprüft, manchmal sogar aus dem Zusammenhang gerissen oder verfremdet, um so, jenseits der zulässigen und erkennbaren Erscheinungen, all die anderen möglichen Körper herbeizurufen, jene poetischen Körper, die durch die Transformation ihrer eigenen Materie im Stande sind die Welt zu transformieren. (...) Die Kunst der Moderne wird jener Fülle zur Unsichtbarkeit verdammter Leiblichkeiten die Schleusen öffnen“ (S. 57) „Es ist bedauerlich, dass sich heutzutage Leute als Choreographen bezeichnen, die keine Tänzer mehr sind oder nie waren“(S. 196) Solche prägnanten Beobachtungen sind es, die die Tanzhistorikerin Laurence Louppe (Jg. 1938) in ihrer 1997 erstmals erschienenen „Poétique de la danse contemporaine“ zur Diskussion stellte, die nun endlich auch für die interessierte deutschsprachige Leserschaft zugänglich sind. Louppe führt einen den Leser von Anbeginn einladenden Diskurs über den zeitgenössischen Tanz und seine Wurzeln „als Hin- und Herbewegung eines kognitiven und sinnlichen Austauschs zwischen zwei oder mehreren Körpererfahrungen“. Ihr vielgestaltiges Sprechen vom Tanz als einem der bedeutendsten künstlerischen Phänomene des 20. Jahrhunderts erwächst dabei dezidiert aus „dem problematischen Feld des Theaters und von dem, was mein eigener Körper dort an vielfältigen Spannungen, an Jubel oder an Zerrissenheit durchläuft“. Zugleich erwächst Louppes „Poetik der Echos“ aus den „dringenden Bedürfnissen eines „ kulturellen, gesellschaftlichen und universitären Kontextes (...), der kaum über die wirklichen Inhalte der Tanztheorie und das riesige konzeptuelle und praktische Arbeitsgerät Bescheid weiß, das diese in den letzten hundert Jahren hervorgebracht hat“. Dieser neuen, nicht überlieferten gestischen Sprache und ihrer Wahrnehmung beim Zuschauer wie Tänzer gilt ihr Interesse.
Eigene Betrachtungen sowie unterschiedliches Quellenmaterial von Choreographen, Tanztheoretikern und Untersuchungen der „hellsichtigsten nicht-tanzenden Theoretiker“ gehören zum „Auflesen von Bruchstücken“, die diesen vielschichtigen Text zum anschaulichen Lese-Erlebnis machen.
Ausgehend von der Frage, „was uns an einem Kunstwerk berühren, auf unsere Sensibilität einwirken und einen Widerhall in unserer Vorstellung finden kann“, gelingt es der Autorin durch ihre Untersuchung über geteilte Erfahrungen beim zeitgenössischen Tänzer wie beim Zuschauer jene Entwicklungen und Brüche nacherlebbar zu machen, die die Bewegungsrevolutionäre insbesondere der 20er, 60er und 80er Jahre unternahmen, um in wütenden Versuchen Auswege aus der Mimesis zu suchen, die Kausalität abzuschaffen, die Dominanz der Musik zu zerstören und neue Formate und Bewegungsräume zu erobern.
Das zeitgenössische Tanz-Kunstwerk wird in der Doppelpräsenz Tänzer-Zuschauer in einem offenen, veränderbaren Feld arbeitsteiliger Kommunikation erforscht. „Dieser Dialog äußert sich in einem Geflecht sensorischer Beziehungen zwischen dem Tänzer und seinem Zeugen. Er ist veränderlich, instabil, zerfällt in eine Vielzahl unterschiedlicher Details und ist an eine Erfahrung gebunden, die sich schwer verallgemeinern lässt“.
Louppe geht es (im Gegensatz zu angelsächsischen Methodologien) nicht um eine Verortung des zeitgenössischen Tanzes in einem politischen und gesellschaftlichen Kontext, sondern darum „ den >Sinn< des choreographischen Akts nur ausgehend vom Material selbst und den Körperzuständen, die ihm als Instrument dienen, zu begreifen“. Somit rückt die Autorin die Ressourcen der „Tanzarbeit“ in den Mittelpunkt und stellt sich der „unverzichtbaren Aufgabe, die Äußerungen der Poetik im zeitgenössischen Tanz herzustellen, zu versammeln und an ihre Ansätze zu erinnern“. Diese Aufgabe löst Laurence Louppe in ihrer 1997 vorgelegten Untersuchung, die nun in einer vorzüglichen deutschen Übersetzung von Frank Weigand bei transcript Bielefeld ediert wurde, mit Bravour.
Louppes Schreiben und Nachdenken über den zeitgenössischen Tanz gilt dem Dialog der Wahrnehmung als „Denken, das sich mittels einer Bewegung in das Bewusstsein des Zeugen überträgt“, als einem emphatischen Prozess.
Bei ihren unlinearen Reisen durch die Körperzustände lenkt die Autorin den Blick auf die unterschiedlichsten Techniken und Schulen der Moderne (Dalcroze, Laban, Wigman, Jooss, Graham, Humphrey, Limón, Nikolais, Cunningham, Paxton, Brown, Monk, Waehner, Hay, Childs, Bagouet, Dubocs, Galotta, Aubin, Bohner, Bausch, Linke, Keersmaeker). Höchst anschaulich (z.B. der Sturz als Leitmotiv des zeitgenössischen Tanzes) lesen sich Louppes historisch interessant verbundene Darlegungen zu den vier Faktoren Gewicht, Fluss (Intensitätsgrad der Muskelspannung), Raum, Zeit als sensible Vektoren in ihrer wechselseitigen Einflussnahme. Zu den untersuchten Werkzeugen zählen der Atem, die Stimme, die Poetik der Bewegung (Geste, Alltagsbewegungen, Stil, Rolle des Tänzers, Musik, Stille, Licht, Objekte, Wiederholung, Konflikt/Krise). Ausgehend von der Prämisse, dass jeder Tanz ein >Thema< hat, widmet sich die Tanzhistorikerin auf über hundert Seiten den Werken, hinterfragt Aspekte der Arbeit des Choreographen, des Interpreten und des Rezipienten als ein komplexes Netz „einander spiegelnder Blicke“. Besonders anschaulich gelingt dabei auch die sprachliche Beschreibung kompositorischer Strukturen und choreographischer Entscheidungen (z.B. José Limons „The Moor´s Pavane“, Stücke von Dominique Bagouet). Widerspruch einfordernd bleibt die Aussage, dass die Divergenz der Ansätze von Theater und Tanz mit den Praktiken der „Tanzarbeit“ selbst zu tun hat. Daraus entsteht ein Manko in Bezug auf andere neue Ausdruckmittel in den darstellenden Künsten des 20. Jahrhunderts.
Louppe richtet ihren Blick auf den Werkbegriff im zeitgenössischen Tanz und plädiert für die Ko-Präsenz eines vielgestaltigen nicht-linearen choreographischen Gedächtnisses, damit das Langzeitprojekt „Tanzarbeit“ als „eine gleichzeitig körperliche, theoretische und philosophische Arbeit“ zwischen den tanzenden Körpern und der Wahrnehmung der Zuschauer lebendig bleibt.
Immer wieder beschreibt Louppe an historisch prägnanten Umbruchzeiten (wie im Frankreich der 80er Jahre) die verwirrende Ambivalenz der Körperzustände. „Damals hat die Vielfalt der Einflüsse und die Schwierigkeit, sie zu lesen, sich in Bezug auf die Geschichte zu verorten, unsichere Poetiken hervorgebracht, deren innere Bresche gleichzeitig ihre gesamte Fragilität und ihren Wert ausmacht: es war, als ob der Körper auf der Suche nach einer Theorie für den eigenen Gebrauch durch die Geschichte der Körper irrte“ hebt Louppe besonders in der Beziehung von französischer Tanzentwicklung und ihrer amerikanischen Beeinflussung hervor.
Laurence Louppes Sprache der Poetik strebt auf eine Offenheit zu, jenseits von Normativen und festgelegten Definitionen, um ein dialektisches Erbe offen zulegen, zu hinterfragen und neu zu sichten. Eine große deutschsprachige Leserschaft ist nun eingeladen, sich mit Laurence Louppes Sichtweise auf das Jahrhundert der Tanzmoderne mit deutlichem Gewinn für den Tanz der Gegenwart auseinander zusetzen. „Durch den Blick des Zuschauers lässt das Werk Bewegungs- und Wahrnehmungsräume miteinander kommunizieren“. Louppe spricht von der dringenden Erfordernis, sowohl „dem nicht-tanzenden Leser den unermesslichen theoretischen Reichtum zur Kenntnis zu bringen“ und die Stagnation und unreflektierte Wiederholung von Bewegungen, die einst große Sprengkraft besaßen zu Gunsten eines Wissens um die ererbten Brüche zu minimieren, die sich besonders in Frankreich (aber sicher nicht nur dort) als deutlicher Verlust zeig(t)en.
Zu den von der Autorin beachteten Werkzeugen der Arbeit an der Lesbarkeit der Komposition im Tanz zählen erfreulicherweise auch in nicht narrativen Kompositionen Aspekte der Dramaturgie. „Jene Angelpunkte des Sinns oder des Oszillierens von Sinn sind unzählig und müssen mit extremer Feinheit identifiziert und behandelt werden.“. Sie bedauert nachdrücklich jede Vernachlässigung des Kompositionsunterrichtes zugunsten von „sogenannten Technikklassen“.
Louppes „Poetik des zeitgenössischen Tanzes“ ist ein äußerst anregendes Kompendium für Praktiker, aber auch dezidiert für Zuschauer und Leser gerade in unserer Gegenwart der „allgemeinen Auslöschung der Genres“, an der der zeitgenössische Tanz als offenes >schöpferisches Dispositiv< seit einem Jahrhundert seinen Anteil hat. Die Lektüre dieser Poetik des zeitgenössischen Tanzes bereichert exemplarisch das Denken in Bewegung.

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