TANZ FILM: INTERMEDIALE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN MEDIENGESCHICHTE UND MODERNER TANZÄSTHETIK



TANZ FILM: INTERMEDIALE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN MEDIENGESCHICHTE UND MODERNER TANZÄSTHETIK

Beschreibung

Bühnenperformance, Tanzfilm, YouTube-Clip und Co. - dieser Band widmet sich den verschiedenen intermedialen Beziehungen, die Tanz und Medien eingegangen sind, und bietet einen innovativen und anschaulichen, die Grenzen der Wissenschaften überschreitenden Zugang. Die erste umfassende Untersuchung zur Intermedialität des Tanzes eröffnet einen neuen Blick auf die Tanz- und Mediengeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts. Die Auseinandersetzung der Medienwissenschaft mit Tanz und Bewegung einerseits und die Konfrontation der noch jungen Tanzwissenschaft mit Medienforschung andererseits bereichert die aktuelle und wichtige Debatte zur Interdisziplinarität.


Besprechung der tanznetz.de-Redaktion

Von Ulrich Völker

Claudia Rosiny weiß, was sie ihren Lesern in ihrem Buch Tanz Film „zumutet“: Imponierende 357 dicht geschriebene Seiten mit dem Untertitel „Intermediale Beziehungen zwischen Mediengeschichte und moderner Tanzästhetik“.

Im Vorwort scheint sie dem möglichen Frust vorbeugen zu wollen, der eintreten könnte angesichts der überwältigenden Fülle an Personen, Stilen, Daten, Informationen, Schlussfolgerungen, Einstufungen der Medien (Fotografie, Fernsehen, Film, Video, Computer) und ihrer Rolle im Kontakt mit dem Tanz: Die Aufteilung des Buches in übersichtliche sechs Themenfelder, bezogen auf Medien und Tanz, soll „dazu ermuntern, den Band wie ein digitales Medium zu nutzen und einzelne Abschnitte herauszugreifen.“ Ermunterung zum vergnüglichen Schmökern.

Rosiny stellt sich unerschrocken der Aufgabe, die theoretischen Grundlagen mit möglichst eindeutigen Begriffen zu belegen für ihre Arbeit, denn „(b)isher wurde weder die im deutschsprachigen Raum junge Tanzwissenschaft medientheoretisch reflektiert noch der Tanz im Kontext der Medienwissenschaft behandelt.“ Pionierarbeit also. Was Rosiny antreibt: „Es bleibt Aufgabe der Tanzwissenschaft, die Wahrnehmung des Tanzes und die Übernahme in Sprache … zu schulen und (…) unterschiedliche Methoden zu erproben“(S.31).

Darauf folgt eine Analyse ausgewählter Choreografien. Mit besonderen Bezügen zu Medien. Das gleicht einer Entdeckungsreise durch die Tanzgeschichte zu Personen und Werken, die nicht oder nicht mehr im Fokus stehen. Da ist Loië Fuller, deren „Serpentinentanz“ Ende des 19. bzw. Anfang des 20.Jahrhunderts Aufsehen erregte, die mit Schatten und Licht avantgardistisch arbeitete. Dann Rückgriff auf das gewaltige Ballett „Excelsior“ „als Spiegel der industriellen Revolution“ (1883, Luigi Manzotti, Scala) ein Mammutsspektakel, das noch 1974 bei der Neuinszenierung Ugo Dell’Aras den Kritiker Horst Koegler überwältigte: Niemals zuvor habe er etwas Ähnliches gesehen. Das Werk wurde schon 1913 aufwändig verfilmt.

Von den Anfängen des Films, an denen der Tanz von Beginn an beteiligt war (z.B. Griffiths Massenszenen in „Intolerance“ 1916), von dem Techniken in den Tanz − und umgekehrt − übernommen wurden, führt der Weg etwa zu Pina Bauschs Montagetechnik oder zu William Forsythes Fragmentie-rungmethode, beides ausführlich und mit großem Sachverstand von Rosiny beschrieben. Auch HipHop und Breakdance sind ihr nicht fremd. Deren „Posen und Brüche“ entstanden u.a. aus der Inspiration durch Martial Arts Filme.

Da sind wir im ersten der sechs Themenfelder gelandet: Medieneinflüsse auf die Tanzästhetik. Fünf weitere Themenfelder folgen, die jeweils mit einer medientheoretischen Zwischenbilanz abschließen. Dadurch schlägt Rosiny Pflöcke ein, von denen aus die Leser immer weiter in die Materie ausschwärmen können, ohne den Boden unter den Füßen zu verlieren.

In mehreren Anläufen knetet Rosiny ihr Thema durch: Vom „Medieneinsatz auf der Tanzbühne“ mit den Balletts Russes (z.B. mit „Parade“) bis zu „Tanzästhetik im/via Internet“ (Flashmobs Frozen Grands Central, 2008). Da tauchen Namen auf wie Merce Cunningham (mit Computer), Matt Hardings “Where the hell is Matt” (2003/2006) und viele weitere Namen bis zur direkten Gegenwart, zu dem Film “Pina“ (2011) von WimWenders, in 3D-Technik gedreht.

Endgültig verortet Dr. phil. Claudia Rosiny (Leiterin Tanz- und Theaterförderung beim Bundesamt für Kultur in Bern und Programmleitung und Lehrbeauftragte Nachdiplomstudium TanzKultur Uni Bern), im Anhang in der kurzen Geschichte der Tanzstile: prägnant, quasi knackig serviert. Dazu eine imponierende Literaturliste auf 16 Seiten. Einziger Wermutstropfen: Die sehr kleinen Fotos in schwarz-weiß.

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