KRITIKEN 2012/2013



Berlin

MUT ZUR WUT

Uraufführung von „wut“ der cie. toula limnaios


  • Karolina Wyrwal Foto © Dieter Hartwig
  • Yannis Karalis & Elia López (Mitte) , Lisa Oettinghaus (am Boden) Foto © Dieter Hartwig
  • Ensemble. Foto © Dieter Hartwig
  • Yannis Karalis & Giacomo Corvaia (v.l.n.r.) Foto © Dieter Hartwig
  • Ensemble Foto © Dieter Hartwig
  • Ensemble. Foto © Dieter Hartwig
  • Matthew Branham & Yannis Karalis (v.l.n.r.) Foto © Dieter Hartwig

Analog zum Internationalen Plakatwettbewerb der Kunsthalle Heidelberg „Mut zur Wut“ speist sich auch das neue Tanzstück der in Berlin höchst erfolgreich wirkenden griechischen Choreografin Toula Limnaios aus heftigen Emotionen über die gesellschaftliche Realität, in der der Einzelne fragwürdiger Akteur und passiver Voyeur zugleich zu seien scheint. Wut entspricht nicht dem genormten Sozialverhalten, denn Wut ist Ausdruck einer Abreaktion, eine Art Befreiungsschlag und kreist um angestaute Frustrationen. Sie kann selbstzerstörerisch sein, gilt als Charakterschwäche. In einer grellen auf cool getrimmten Alltäglichkeit, in der sich (scheinbar) niemand mehr über Missstände erregt, ist dieser Zustand ein wichtiger Impuls um wahrgenommen und gehört zu werden. Stéphane Hessels kleiner Band „Empört Euch!“(2010) wirkte von Frankreich her wie eine Initialzündung für die kapitalismuskritische Empörung und Ermutigung für bürgerschaftliches Einmischung. Auch die neue Tanzschöpfung der cie. toula limnaios ist ein Stück über Erschütterung und Protest.

Komponist Ralf R. Ollertz sitzt sichtbar in der hinteren rechten Bühnenecke und entlockt seiner E-Gitarre jenen flirrenden Sound, der im pochenden An- und Abschwellen vermischt mit elektronischen Grooves ein permanent beunruhigendes Klangfeld fast ohne jeglichen Halt erzeugt. Dies konturiert genau jene (Bühnen)-Welt, in der drei Frauen und drei Männer gehetzt und isoliert dahintreiben werden. Nur ein Lichtpunkt kreist anfangs im Raum. Menschen stürzen mit hohem Einsatz in die Kreisbahn oder springen einander an, prallen ab, werden abgelegt, liegen zu Füßen von Yannis Karalis, der wie ein wankender Baum schwankt; im Finalbild bäumt er sich wie ein gequältes Tier im Riemengeschirr auf und stemmt sich verzweifelt vorwärts, während die anderen ihn im Keil zum Stillstand bringen wollen. Schillers Ode von der Brüderlichkeit des Menschen verzerrt zur Fata Morgana.

Toula Limnaios´ assoziative Bilderwelten eröffnen verstörend und zugleich intensiv bis in präzise Bewegungsdetails mit plötzlichen Zuckungen und Stopps in eruptiven Bewegungsfolgen fiebrige Unruhe, ein Jagen und Gejagt-Werden durch Zeit und Raum. Die griechische Choreografin erzählt nie linear. Die bemerkenswerte Stärke der Choreografin Toula Limnaios liegt in der Fähigkeit zur Inszenierung einer szenischen Pluralität der Vorgänge (Ausdruck der heutigen Überforderung), die zueinander in Spannung gesetzt werden und in nachdenkliche finale Metaphorik münden. Diese brennt sich (Schlussbild!) dem Gedächtnis des Zuschauers ein.

So stagnieren drei Pas de deus, die Gruppe liegt einzeln mit gespreizten Beinen, jeder robbt vorwärts, alle heben sich im Liegestütz gegen den Boden, doch unter ihnen ist nur Leere. Sex als Kraftsport. Immer wieder knicken die Arme ein, doch niemand gibt auf. Einer grinst teuflisch. Bunte Kleidung wird übereinander getragen und in der ständigen Häutung wird der Mensch darunter demaskiert. Eine Frau erstickt an Klamotten, eine andere trägt einen Schuhberg, ein Mann kriecht auf allen Vieren an der Leine eines anderen. Aufrecht miteinander zu Gehen misslingt einem Paar. Im Schuhfeld entladen sich angestaute Energien. Plötzlich der Umschwung zu großer Ruhe. Rufe der Zirpen evozieren Sommer und Liebe, doch die zwei schönen ´Nackten´ repetieren isoliert das Motiv vom schmerzhaften Ziehen an der eigenen Haut. Der stumme Schrei einer Frau hinter Glas, das Taumeln einer anderen im Klamottenberg. Eine Frau wetzt genüsslich ein großes Messer. Paare tanzen besinnungslos mit wechselnden Partnern. Jeder misstraut Jedem. Alle gefährlich schön wie Lisa Oettinghaus im orange-roten Kleid und langen blonden Haaren. In die Gitarrenmelodie mischt sich eine Off-Stimme, spricht von Tortur und Menschenrechten. Getragen auf den Schultern der Gruppe gibt Karolina Wyrwal ihre Kommandos Die fragile Elia López im luftig blauen Kleid folgt den Befehlen und mutiert tanzend zur verstümmelten Kreatur – armlos, beinlos.

„wut“ ist ein Stück der bösen Spiele zwischen Menschen, die einander bis zur Erschöpfung demütigen, manipulieren, behindern; im Privaten wie in der Politik. Zwei Männer ergreifen einen Dritten, stellen ihn hinter ein pendelndes Fenster. Dessen abgetönte Scheibe fokussiert einen Mann mit vermummtem Kopf. Der hämmernde Sound gewinnt an Intensität. Drei Frauen wenden den Blick ab, versuchen mit aller Kraft ihren Schoß zu verschließen, ehe sie ganz vorn (zu Füßen der Zuschauer) rhythmisch krachend kleine Steine ins ´Meer der Plagen´ schieben; das Pendeln hält an.

Toula Limnaios und ihre Company suchen mit „wut“ eine „leidenschaftliche Antwort auf die Sprachlosigkeit der gegenwärtigen Gesellschaft und Welt-Wahrnehmung, eine Position/ Widerstand gegen den nebligen Zustand unserer Zeit.“ (toula limnaios) Dank der Wucht der mehrschichtigen Bilderfindungen und der enormen physischen Präsenz des 2012 neu formierten Ensembles, ertanzt „wut“ ein Energiefeld aus Bruchstücken zerbrochener Ichs, die ein Wir nur als Fiktion beschwören.

Die cie. toula limnaios hat sich in den 16 Jahren ihres Wirkens als eine der herausragenden freien Ensembles für zeitgenössischen Tanz entwickelt. Das umfangreiche Repertoire der cie.toula limnaios, das inzwischen 32 abendfüllende Werke umfasst, ist auf deutschen und internationalen Bühnen zu sehen. Mit „wut“ reist das Ensemble im Dezember nach Sao Paulo/Brasilien, gastiert in der Tafelhalle Nürnberg und wird hier wie in der Ferne für Reibung sorgen.

Nächste Vorstellungen: Berlin:29. 11. 12 bis 2. 12. 2012, jeweils 20 Uhr 4. – 11. 12. 2012 Sao Paulo/Brasilien 14. + 15. 12. 2012 Tafelhalle Nürnberg www.halle-tanz-berlin.de

Veröffentlicht am 24.11.2012, von Karin Schmidt-Feister in Kritiken 2012/2013

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