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Berlin

DAS BRENNEN UNTER DER HAUT

10 Jahre HALLE Tanzbühne Berlin - Uraufführung „the thing I am“ der cie. toula limnaios



Ensembleszenen von assoziativer Kraft, ambivalente Figurenkonstellationen − Die Spannungen in der Neuschöpfung „the thing I am“ der cie. toula limnaios überträgt sich auf die Aufmerksamkeit im Auditorium.


  • Samuel Minguillon & Ann-Christin Zimmermann (hinten) , Marika Gangemi & Inhee Yu (vorn) Foto © Dieter Hartwig
  • Jozsef Forro , Karolina Wyrwal , Marika Gangemi , Samuel Minguillon & Giacomo Corvaia (v.l.n.r.) Foto © Dieter Hartwig
  • Hironori Sugata(vorn) Foto © Dieter Hartwig
  • Giacomo Corvaia & Karolina Wyrwal Foto © Dieter Hartwig
  • Ensemble Foto © Dieter Hartwig
  • Karolina Wyrwal & Inhee Yu Foto © Dieter Hartwig
  • Giacomo Corvaia & Jozsef Forro (v.l.n.r.) Foto © Dieter Hartwig
  • Karolina Wyrwal Foto © Dieter Hartwig
  • Samuel Minguillon , Ann-Christin Zimmermann , Hironori Sugata , Jozsef Forro , Marika Gangemi & Inhee Yu (v.l.n.r.) Foto © Dieter Hartwig
  • Ensemble Foto © Dieter Hartwig

Die HALLE Tanzbühne Berlin zählt zu den produktivsten und innovativsten Spielorten für zeitgenössischen Tanz, deren Berliner Produktionen die an Mensch und Welt interessierten (und keineswegs nur) Tanzaffinen im In- und Ausland begeistern und anregen. Die HALLE ist ein weit über die Berliner Grenzen hinaus anerkannter Produktions- und Spielort für zeitgenössischen Tanz, der − bei einer Zuschauerauslastung von 98% − auch anderen Künstlern und Festivals wie Tanz im August ein gastfreundliches Zuhause bietet. Eine Erfolgsgeschichte, die mit vielen Risiken ihren Anfang nahm.

Im Jahr 2000 war es der cie. toula limnaios gelungen mit einer stark sanierungsbedürftigen Turnhalle eine Probebühne zu finden und diese mit finanziellem Risiko und großem Engagement als multifunktionale Bühne auszubauen. 2003 zogen die griechische Choreografin Toula Limnaios und der Komponist/Musiker Ralf R. Ollertz mit ihrem internationalen Team (16 fest angestellte Mitarbeiter)in den heute unter Denkmalsschutz stehenden Klinkerbau von 1888 und machten ihre HALLE in einem Hinterhof in der Eberswalder Straße zum Produktions- und Aufführungsort (ca. 70 Vorstellungen jährlich, Jahresetat 450.000 Euro, bei ca. 60% selbst erwirtschaftetem Eigenanteil). In kontinuierlicher professioneller Ensemblearbeit (!) wurden bisher 33 abendfüllende Tanzstücke sowie repertoirebeständige Wiederaufnahmen kreiert; die Existenz des Hofgrundstücks indes blieb lange Jahre gefährdet. In einer Pressemitteilung des Regierenden Bürgermeisters vom 26. April 2013 hieß es endlich: „Zukunft der Tanzbühne Berlin ist gesichert“. Mit einer gemeinsamen Anstrengung von Kulturverwaltung, Liegenschaftsfond und der Stiftung Edith Maryon konnte die HALLE als Spielstätte der Tanzcompagnie toula limnaios langfristig gesichert werden. „Wir danken alles Beteiligten für ihr Vertrauen und ihr Engagement, denn nur im Zusammenspiel von Künstlern, Politik und Verwaltung können einzigartige Kulturstandorte bewahrt und weiterentwickelt werden, damit sie nicht aus rein ökonomischen Gründen auf dem explodierenden Immobilienmarkt abgewickelt werden“ (limnaios/Ollertz).

Am vergangenen Wochenende feierten die Zuschauer die Tänzerinnen Marika Gangemi, Karolina Wyrwal, Inhee Yu, Ann-Christin Zimmermann und die Tänzer Giacomo Corvaia, Jozsef Forro, Samuel Minguillon und „Urgestein“ Hironori Sugata sowie das Inszenierungsteam (Toula Limnaios/Konzept, Choreografie, Ralf R. Ollertz/Musik, Antonia Limnaios/Raum/Kostüme, Jan Langebartels/Licht) für ungemein intensive „Tagträume in Bewegung“. Die Wucht der mehrschichtigen Bilderfindungen und der physischen Präsenz des 2012 neu formierten Ensembles ertanzte mit „wut“ (Uraufführung 29. 11. 12) ein Energiefeld aus Bruchstücken zerbrochener Ichs, die ein Wir nur als Fiktion beschwören. „the thing I am“, uraufgeführt am 2. 8. 2013, führt dieses Grundthema weiter.

Die einstündige Performance konturiert und verdichtet das in der Gemeinschaft isoliert agierende Ich mit unzähligen, genau kalkulierten Bewegungsdetails, Tanzsequenzen, Bildfolgen. Toula Limnaios sucht nach Leben und fragt konsequent nach den Ursachen der Beziehungslosigkeit, des Scheiterns. Die Spannung der Szene überträgt sich auf die Aufmerksamkeit im Auditorium. Eingangs drehen, fallen, kriechen acht Menschen amöbenhaft ruckartig ohne Armbewegungen auf dem Boden, verhaken ihr Köpfe, Füße, Oberkörper. Kurzzeitiges Andocken ohne Leidenschaft. Der Weg durch die Betten (die Matratzen-Metapher bleibt überstrapaziert unscharf) ohne Liebe. Die quälende Suche nach dem Anderen trifft hier nur auf ein „Es“, nie auf ein „Du“.

Ralf R. Ollertz hat eine traumwandlerisch unheimliche Tonspur aus dumpfen Schlägen, durchschimmernden Natur- und Stadtgeräuschen, gleichsam überlagerten, ja unterdrückten Emphasen mit zwei überraschenden Liedern signalhaft aufgeladen. Frank Sinatra singt Cole Porters „I´ve got you under my skin“, doch die Tänzer starren an der Rampe irrend leer ins Publikum. Später erklingt Dietrich Fischer-Dieskaus Lamento „Nun will die Sonn´ so hell aufgehn“(1. Rückert/Mahler Kindertotenlied) und die acht schönen Frauen und Männer beweinen in einer langen Szene mit Händen vorm Gesicht in sich windenden Körpern ihr eigenes Unglück.

Toula Limnaios gelingen Ensembleszenen von assoziativer Kraft: die ewige Irrfahrt des Menschen im Stehen und Fallen des Oktetts mit Taschen und Rucksack auf dem Rücken, das Tennisspiel mit der Wand während vor und hinter jedem ein Mensch zusammenbricht. Hohe Intensität und extreme Bewegungsbeschleunigung im unisono-Tableau roboterhafter Funktionalität; menschliche Körper zerlegt, fragmentiert, kurz greift die Hand nach dem Herzen. Physische Gewalt auf weißen Wand-Matratzen, permanente Behinderungen, gegenseitige Lähmungen. Ambivalente Figurenkonstellationen wie bei Edward Hopper. Inhee Yu reißt sich immer wieder imaginär die Haut vom Gesicht. Kleider werden gewechselt, doch auch die Buntheit bringt kein Leben. Während isolierte Ichs lachend, verzweifelt um sich selbst kreisen, in sich selbst verharren und Ann-Christin Zimmermann einem „Baby“ die Bewegungsfreiheit nimmt, zappeln Karolyna Wyrwal und Giacomo Corvaia in überdrehter Fröhlichkeit mit neuer Haut im Gesicht frontal auf die Zuschauer zu.

„The thing I am“ – Tagträume in Bewegung – eine Aufführung, die unter die Haut geht! Bei der Heimfahrt lese ich auf einem Wagen der S9 „I am“ aufgesprüht – schauen wir mal, wer wir sind und wer wir sein wollen.


8. - 11. + 15. - 18. August 2013, 21 Uhr, HALLE TANZBÜHNE BERLIN,
sowie am 27. und 28. September 2013, Tafelhalle Nürnberg, Spielzeiteröffnung,

Veröffentlicht am 08.08.2013, von Karin Schmidt-Feister in Homepage, Kritiken 2012/2013

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